my own sweet world of mind
  Startseite
    Tageblog
    Vertonte Gedanken
    Aphorismen
    Witze
    kleine Außerirdischenküche
  Über...
  Archiv
  dat Außerirdische
  Legalitäten
  In loving memory
  Die Fabel vom Fabelmädchen
  Wundersames Tierleben
  kleine Häppchen für den Geist
  kleine Häppchen für den Geist 2
  kleine Häppchen für den Geist 3
  kleine Häppchen für den Geist 4
  kleine Häppchen für den Geist 5
  Sprüche
  Eigene Gedichte I
  Eigene Gedichte II
  Eigene Gedichte III
  Eigene Gedichte IV
  Eigene Gedichte V
  Eigene Gedichte VI
  Eigene Gedichte VII
  Eigene Gedichte VIII
  Eigene Gedichte IX
  Lieblingsgedichte
  Gästebuch
  Kontakt
  Abonnieren

   
    thegloriousmess

   
    anibeutel

   
    goettertochter

    - mehr Freunde

   Utopia - nachhaltiger Konsum
   Foodwatch
   Da wird mir übel
   Chrissies Enten Kastanien Welt
   Postsecret
   BDSM-Wiki
   cute little dead girl
   Saladfinger
   Best Cure-Coverband ever!
   Aphorismen
   ...

   23.02.14 14:30
    Sehr schöner Blog und gu
   8.10.14 12:29
    . . . nur wie lange n
   29.10.16 08:44
    Kiv7aO bvlceqijfhxj, [u

http://myblog.de/legalalien

Gratis bloggen bei
myblog.de





Seelenblasenschluckauf

Was ist das für ein Gefühl? Fühlt es sich so an, wenn man kurz davor ist, durchzudrehen? Den Verstand zu verlieren? Verliere ich den Verstand? Alles ist so surreal. Dieses Gefühl in meinem Kopf. Ganz seltsam.

Ich habe sie geliebt. Ich habe sie geküsst und ich habe sie geliebt. Und doch hatte diese Liebe nie eine Chance. Ich bin so leer. Fühle nichts. Sehe alles klar. Erstaunlich klar. Ich habe Abstand genommen von mir. Sehe mich von außen. Betrachte mich. Gedankenschluckauf. Szene für Szene. Das bin nicht ich. Was mach ich da? Alles ist so langsam. Zeitlupenfilm meines Lebens. Ich habe das Gefühl, durchzudrehen. Aber ich kenn es nicht. Weiß es nicht. Weiß nicht, ob es sich so anfühlt, wenn man den Verstand verliert. Ich kann’s also nicht sagen. Ob ich jetzt den Verstand verliere oder einfach nur durchdrehe. Bin mein eigener Zuschauer. Draußen läuft das Leben ab. Und ich seh mir zu. Warte auf irgendwas. Nur was? Bin kopfleer, seelenleer, kalt, fort von mir. Bin ich überhaupt ich?

Ich kann keinen Kontakt mit anderen haben. Weil das seltsam ist. Was red ich mit denen? Was erzähl ich denen? Was erzählen die mir? Ich hör sie sprechen aber ich versteh sie nicht. Ich bin so leer. Bin nicht ich. Beobachte mich. Den Film, der da abläuft. Von außen.

Mein Herz schlägt, mein Körper funktioniert. Einwandfrei. Hab Hunger, trinke Kaffee. Alles ganz normal. Vielleicht bin ich ganz normal. Vielleicht hab ich nur den falschen Film im Kopf. Bin lethargisch. Es ist ein Gefühl wie fliegen. Ja. Als würd ich über mir schweben. All das sehen, mein ganzes Leben, was ich bin und was mich ausmacht. Aber ich bin’s nicht. Also, ich spüre mich nicht. Ich seh mich. Ich verhalt mich normal. Aber ich bin’s nicht. Also, normal schon. Aber nicht ich. Ich bin nicht ich. Sonst könnt ich mich spüren.

Aber ich will gar nichts mehr spüren. Oder kann nicht. Ich kann nichts mehr spüren. Bin leer. Kontakt mit anderen, das wäre seltsam. Würd am liebsten alles abschalten. Also, alles. Telefon. Handy. Elektronische Kommunikation. Und natürlich mich. Mich sowieso. Ich bin ja sowieso nicht da. Ich bin nicht mehr ich. Sonst könnt ich mich spüren. Würd mich nicht nur von außen betrachten. Beobachten, was ich tue. Dann würd ich’s tun. Und nicht nur zusehen. Zusehen, wie ich mechanisch lebe. Ganz normal. Weil ich ganz normal bin. Nur eben nicht ich.

Ich komm damit klar. Nein. Gar nicht. Ich komm nicht damit klar. Oder sind’s die anderen? Mir geht’s gut. Wirklich. Ich bin nur nicht ich. Aber das macht nichts. Ich funktioniere ja trotzdem. Kann es ja sehen, beobachten. Mir dabei zusehen, wie ich funktioniere. Ganz normal. Nur fühl ich’s nicht. Aber das muss man wohl auch nicht. Man muss nicht fühlen um zu funktionieren. Man muss nur funktionieren. Und solang ich mir noch selbst dabei zusehen kann, ist alles gut. Ganz normal. Sicher läuft bei anderen im Kopf der gleiche Film. Sie reden nur nicht drüber. Ich red halt drüber. Weil ich gerne seelenstrippe. Weil ich ein Exhibitionist bin.

Ja. Das bin ich. Eine Seelenstripperin, eine Gefühlsexhibitionistin. Aber wieso auch nicht. Schließlich strippe ich auch vor mir. Damit ich mich sehen kann. Sehen, was ich tue. Mich beim Leben beobachten. Damit alles normal ist. Damit ich ganz normal bin. Dafür ziehe ich mich gerne aus. Ganz nackt. Pur. Nur ich. Wie kann man Gefühle exhibitionieren, wenn man keine hat? Oder fühl ich doch was? Ja. Irgendwie ja schon. Luftleere Seelenblase. Mit Schluckauf. Immer und immer wieder der gleiche Film. Nur die Details, die ändern sich. Aber das ändert nichts wesentliches am Inhalt.

Der Inhalt, der ist immer der gleiche. Weil ich immer die gleiche bin. Irgendwie. Nur dass ich halt nicht ich bin sondern nur ein Zuschauer. In meinem Kopf ist es ganz leer. Frei. Also wirklich so, als würde ich schweben. Ist ein tolles Gefühl. Nein, es ist ein leeres Gefühl. Ungefühl. Leere eben und zuschauen.

Ich frag mich, ob es sich so anfühlt, wenn man den Verstand verliert. Kann man so was überhaupt verlieren? Ich mein, ein Verstand gehört doch zu einem. Das ist doch nichts, was man mal eben so verlegt, wie einen Haustürschlüssel. Einen Verstand, den verliert man nicht. Den verlegt man auch nicht. Der ist immer da. Nur funktioniert er manchmal anders. Anders als bei denen, die denken sie könnten beurteilen wie ein Verstand funktionieren muss. Meiner funktioniert. Sonst könnt ich ja nichts mehr schreiben. Über mich und meinen Seelenblasenschluckauf. Meine innere Leere. Den Film, den ich sehe. Mich sehe. Mich, die nicht ich bin. Oder vielleicht bin ich’s ja doch. Weil das ganz normal ist, dass man sich so fühlt. Was ist schon normal? Ist das nicht auch vollkommen egal? Wichtig ist nur – ich will keinen Kontakt mehr. Weil alles gesagt ist. Nichts mehr gesagt werden muss. Weil es nur noch leere Phrasen sind. Im Grunde alles nur Wiederholungen. Ich muss das nicht noch mal sagen. Ich bin leer. Und die anderen, die wissen das. Weil da nichts mehr kommt. Weil ich mich nur noch darüber definiere, zu jammern. Und mich über die Existenz von anderen lustig mache. Dabei sollte man so was nicht tun. Man sollte sich nicht über das Leben anderer lustig machen. Aber ich seh’s halt von außen. Und ich seh mich von außen. Und wenn ich vergleiche, dann bin ich genau so ein armes Schwein. Ja. Wahrscheinlich sogar noch schlimmer. Weil ich nicht mal ein eigenes Leben habe. Weil ich nicht ich bin. Nur Zuschauer.

Dabei ist der Film nicht mal wirklich gut. Langweilig ist er. Aber die Details, die sind es. Die Farben. Die Geräusche dazu. Meine eigene kleine Hölle.

Nein. Ich verliere meinen Verstand nicht. Ich werde auch nicht irre. Ich bin nur einfach nicht ich. Aber das macht nichts, denn ich funktioniere ja noch. Wieso können die mich nicht einfach nur endlich in Ruhe lassen? Und wieso hab ich immer noch Tage, an denen ich warte, wie so ein Hund auf sein Herrchen? Auf Zuwendung. Darauf, dass sich jemand mit mir beschäftigt. Ärmlich erbärmlich ist das. Wirklich wahr. Wozu mach ich das? Wenn doch ohnehin schon alles gesagt ist. Ist es doch. Sonst hätte doch meine Seelenblase nicht diesen verteufelten Schluckauf. Der mich alles ständig wiederholt sehen lässt. Nur in anderen Variationen. Die Spielfiguren werden ausgetauscht, das Spielbrett, die Musik, die Farben – aber der Film, der ist immer der gleiche. Ich bin leer. Total leer. Und trotzdem ausgefüllt, denn da passt nichts mehr dazu. Vollkommen voll. Deswegen möchte ich nicht mit anderen reden. Mich nicht mit ihnen auseinandersetzen. Weil ich dann platzen würde. Einfach überlaufen, weil da nichts mehr reinpasst.

Es ist ganz still um mich. So, als wäre ich unter einem viel zu großen Einmachglas gefangen. Und immer wieder laufen Bilder vor meinem inneren Auge ab. Immer der gleiche Film. Nur mit anderen Darstellern, einem anderen Hintergrundbild. Aber immer der gleiche Film. Und ich bin Zuschauer. Manchmal erscheint das Leben so fern, dass es eher wie die Erinnerung an den Traum einer Fremden wirkt. Ich betrachte das, was passiert ist distanziert. Entfernt. Analysiere. Das alles ist nicht mir passiert. Wie auch? Ich bin ja nicht ich. Ich bin nur die Fremde, die Zuschauerin. Manchmal fühle ich mich, als hätte mein Gehirn Schluckauf. Es geht nicht vorwärts und auch nicht zurück. Sequenzen wiederholen sich. Zwar ändert sich die Perspektive, doch immer ist es als wäre es nicht real. Es ist eben immer wieder dieser Film. Und ich bin nicht ich. Ich meine, ich bin schon irgendwie ich. Sonst wäre ich nicht. Aber wie kann ich ich sein, wenn ich mich nur von außen betrachten kann? Bin ja nie in mir drin.

Es sei denn, ich brenne wieder. Innerlich. Wenn der Schmerz wieder da ist. Dann kann ich mich fühlen. Seelenschmerz in der Seelenblase, die dann auf einmal gar nicht mehr leer ist. Sondern voller Gefühle. Schmerzhafter Gefühle. Angst, Einsamkeit, Sehnsucht, Angst. Sehr viel Angst. Und Schmerz. Und wenn der innere Schmerz fehlt, dann bin ich nur Zuschauer. Oder ich erinnere mich daran, dass ich ich bin. Aber das funktioniert nicht immer. Nägel, in Fleisch gegraben. Das ist bald keine Alternative mehr. Das Messer war schon auf meiner Haut. Und ich hab mir dabei zugesehen. Es war gar nicht schlimm. Aber ich denke, mit Rasierklingen würde es besser funktionieren.

Vielleicht. Vielleicht sollte ich mir doch einfach mal ein paar kaufen. Nur für den Fall. Es wäre vielleicht ein beruhigendes Gefühl, wenn ich wüsste, dass ich welche da habe. Naja. Vielleicht wäre es ein Gefühl. Vielleicht würd ich’s aber auch wieder nur sehen. Von außen. Wissen, da liegen die Klingen. Wissen, die Akteurin – das bin ich – könnte sie sich holen, wenn sie was braucht, was sie vom Flug zurückholt. Ja, das wäre sicher gut. So eine Art Fangnetz. Oder ein Ankerseil. Damit, wenn die Seelenblase zu leer ist und zu sehr abhebt da was ist, das sie festhält. Sie zurückholt. Ja. Das wäre gut. Ich will ja nichts anstellen damit. Nur die Sicherheit haben, dass sie da sind. In der hinteren Ecke des Badschränkchens. Ein kleines Ankerseil für den Flug der Seelenblase.

Ich glaube nicht, dass es sich so anfühlt, wenn man durchdreht. Denn wenn man durchdreht, dann wird man irre. Wirr. Und das bin ich nicht. Ganz im Gegenteil. Ich sehe alles ganz klar. Die Qualität des Films würde sicher so manchen beeindrucken. Aber er sieht ja nicht meinen Film. Den seh nur ich. Von außen. Weil ich nicht ich bin. Aber das macht nichts, denn vielleicht geht es ja allen so. Sie reden nur nicht drüber. Ich schon. Das ist auch so eine Art Anker. Naja, sagen wir, es ist mehr so eine Art Leitschnur. So wie beim Drachenfliegen. Es ist kein Lenkdrachen, denn die Seelenblase fliegt keinen Weg, den ich bestimmen könnte. Aber sie fliegt nicht weg, ich hab noch die Schnur in der Hand. Ich bin nur nicht ich. Sehe Bilder, höre Worte - und ordne sie nicht mir zu. Es ist, als hätte ich mein altes Leben abgestreift wie eine Schlange ihre Haut. Ja. Ich beobachte den Traum einer Fremden. Weil ich mich von mir selbst abgestreift habe. Wann das passiert ist, weiß ich nicht. Es muss sehr sehr lange her sein. Denn ich kann mich nicht erinnern, dass es einmal anders war. Ich beobachte mich seit ich denken kann von außen. Ich bin nie in mir.

Nur manchmal, wenn der Schmerz da ist. Und die Angst und die Einsamkeit und natürlich meine Sehnsucht. Das spüre ich dann. Aber nur ganz kurz. Wie so ein verstecktes Bildchen im Film. Irgendwas, das mich kurz aufschrecken lässt. Mich erinnert, dass ich vielleicht doch ich bin. Aber es ist nur eine Erinnerung. Die gleich wieder weg ist. Die ich nicht greifen kann. Du weißt, es ist passiert. Aber du stehst neben dir und ordnest das Geschehene einer anderen zu. Bis es zum Traum einer anderen wird. Und dann zu dem Film, den du siehst. In dem du nicht mitspielst. Weil du nicht du bist. Weil ich nicht ich bin. Irgendwie jedenfalls.

Wo bin ich wirklich? Und warum erscheint mir das alles so fern? Bekomme ich jemals eine Antwort? Und was sollen die seltsamen Träume? Noch immer habe ich Momente, die wie in Zeitlupe vor meinem inneren Auge ablaufen. Ich erinnere mich an Dinge und Frage mich, ob ich sie wirklich erlebt habe oder ob sie mir nur erzählt wurden. Seelenblasenschluckauf eben. Ich weiß nicht, ob mir das passiert oder ob ich es nur irgendwo gesehen habe. Oder vielleicht hab ich’s sogar nur gelesen.

Weil ich nicht ich bin. Nur Akteur in einem Film, der ständig die Sequenzen wiederholt und dabei nur die Perspektiven minimal ändert. Und ab und an eine winzig kleine Sequenz, ein Einzelbild, einen Schmerz, eine Angst, eine Sehnsucht, die Einsamkeit einbaut. Um mich wachzurütteln. Oder einfach nur, um mich zu verwirren. Vielleicht ist es auch nur ein Versehen. Vielleicht gehören diese Gefühle gar nicht da rein. In diesen Film, den ich da sehe. Aber ist das wichtig? Ist es wichtig, dass ich ich bin? Ist es wirklich wichtig, dass ich mich anderen gegenüber konventionell verhalte? Nein. Ich muss keinen Kontakt haben. Die sind alle außerhalb dieses Einmachglases, das mich gefangen hält. Niemand hängt in der gleichen Kaugummimasse fest, die seit Jahren mein Leben ist.

Nein, es ist nicht wichtig und trotzdem tue ich es. Vielleicht, weil es zum Film dazu gehört. Aber ich mag nicht mehr. An Tagen wie heute mag ich einfach nicht mehr. Oder an Tagen wie gestern. Wird mir alles zuviel. Weil das nicht ich bin. Weil ich nur Zuschauerin bin, bei einem Film, den ich schon kenne. Nur die Perspektive ändert sich manchmal. Und manchmal ist da die Drachenschnur, die mich festhält. Aber sie reißt, das spüre ich. Ich brauche einen Anker.

Die Fingernägel tun’s nicht mehr. Früher haben sie es auch nicht getan, nie wirklich. Es hat ein bisschen geholfen. Das Essen, hat ein bisschen geholfen. Das Einkaufen, hat ein bisschen geholfen. Immer ein bisschen. Nur nicht zu weit weg fliegen. Dem Seelenblasenschluckauf Einhalt gebieten. Aber es funktioniert nicht mehr so gut. Ich drifte immer weiter ab. Das ist nicht gut. Weil es dann andere merken. Und das macht nur Ärger. Und Ärger ist anstrengend. Und ich will mich nicht mehr anstrengen müssen. Ich will nur weg. Aber das geht nicht. Ich kann nicht weg. Deswegen habe ich nur zwei Möglichkeiten. Ich durchtrenne den Faden. Lasse zu, dass die Seelenblase unkontrolliert davon fliegt. Und bin endlich frei. Das ist eine schöne Alternative. Finde ich. Ich weiß nur nicht, ob…

Die andere Alternative ist mein Anker. Und weil ich nicht weiß, ob, werde ich wohl den Anker nutzen müssen. Auch wenn’s weh tut. Denn es tut weh, dieser Seelenblasenschluckauf. Weil ich nicht ich bin. Weil ich nichts bin. Und weil es nun mal einfach nicht schön ist, nichts zu sein. Nur Zuschauer. Und Gefühlsexhibitionist. Und Seelenstripper. Aber so scheint die Welt zu funktionieren. Und ich gehör zu dieser Welt. Ob ich will oder nicht. Ich will nicht. Weil es anstrengend ist. Furchtbar anstrengend. Und weil ich so leer bin. Und trotzdem übervoll. So voll, dass ich alle Brücken abbrechen will. Schon viele Brücken abgebrochen habe. Der Rest wird irgendwann folgen. Oder sie brechen die Brücken ab. Weil ich nicht mehr verbergen kann, dass ich nicht ich bin. Und weil das ihre Normalität stört. Weil sie das vielleicht daran erinnert, dass es gar keine Normalität gibt. Jedenfalls nicht in meinem Film. Und ich wette, anderen geht es genauso. Seltsame Existenz, falls es denn eine ist.

Ich sitze nur da, beobachte die vergessenen Träume einer anderen, ein Leben aus dem ich mich geschält habe wie die Schlange aus ihrer Haut. Sehe die Drachenschnur, die meine Seelenblase hält und sie zwingt, die Sequenzen wieder und wieder zu sehen. Und wieder. Seelenblasenschluckauf eben. Ich brauche einen Anker. Oder ich kappe die Schnur. Irgendwann werde ich das tun. Die Schnur einfach kappen. Dann, wenn die Brücken alle in Schutt und Asche liegen und es nicht mehr wichtig ist, ob die Schnur mich hält. Dann werde ich sie kappen. Und endlich frei sein. Frei. Endlich. Keinen Seelenblasenschluckauf mehr. Nichts mehr. Nur noch frei.



Das wird schön.
__________________________________________________________

Schicksal

Schicksal

Wir sitzen vor dem Fernseher. Im Kasten läuft die volkstümliche Hitparade. Er trägt eine schlabberige Jogginghose und sein eben geöffnetes Bier trinkt er aus der Flasche. Das mahlende Geräusch, das seine Zähne auf den Erdnüssen erzeugt, übertönt sogar den Fernsehlärm. Der Herr Beamte im Kreise seiner Familie. Ein Bild für Götter?
Ich entschließe mich, die Flucht in mein Zimmer anzutreten. Dort kann ich wenigstens den Musikstil bestimmen, der mich berieselt. Meine Mutter scheint heute mal wieder im Einkaufs-Dauerrausch zu sein, denn obwohl sie seit zwei Stunden Feierabend hat, ist weit und breit noch nichts von ihr zu sehen. Mein Magen knurrt aber der Weg in die Küche ist mir zu mühselig. Gerade als ich mich trollen will, hören wir lautes Schreien aus Richtung Straße. Zuerst denke ich noch, es wären mal wieder spielende Kinder. Doch diese Schreie klingen echt, viel zu echt. Es ist eindeutig ein Frau, die da draußen tief verzweifelt um Hilfe schreit.
Ich will nach meiner Jacke greifen, um nachzusehen und zu helfen. Doch mein Vater ist, zum ersten Mal in seinem Leben, schneller als ich und entreißt sie mir wieder. Böse funkeln seine Augen, als er mir irgendwas von Vorsicht, jeder ist sich selbst der nächste und von jedem Ärger fernhalten erzählt. Ich solle mich nicht in die Angelegenheiten anderer Leute mischen und sowieso wäre das da draußen sowieso nur wieder eine von diesen überstrapazierten Hausfrauen, die mal wieder zu viele Krimis gesehen hat. Und außerdem, meint er dann energisch, die Erleichterung ist im deutlich anzusehen, ist es ja schon längst wieder still.

Überzeugt von diesen wirklich schlagkräftigen Argumenten schleiche ich in mein Zimmer, immer darauf wartend, auf der Straße noch einmal etwas verdächtiges zu hören. Doch nichts passiert und so lege ich mich auf mein Bett, drehe die Stereoanlage auf und fange bei den Klängen von Greenday an zu duseln.

Ich muß wohl eingeschlafen sein, denn als ich die Augen öffne ist es schon kurz nach halb zehn und mein Magen knurrt ohne Ende. Verwundert frage ich mich ob meine werten Erzeuger allein gespachtelt haben. Ich mache mich auf dem Weg nach unten, aber es dringt nicht der kleinste Essengeruch in meine Nase. Ist meine Mutter in Streik getreten? Bleibt die Küche heute kalt? Schon im Flur höre ich das bekannteste aller väterlichen Geräusche: das Schnarchen. Mein Vater schnarcht? Um diese Uhrzeit. Dann war es entweder ein sehr reichliches Mahl oder meine Mutter hat angerufen, daß sie später kommt.

Ein Blick ins Wohnzimmer bestätigt mir meine zweite Theorie, denn der Platz meiner Mutter ist leer. Ich rüttle an der Schulter meines Vaters. Dieser grunzt kurz, dann öffnet er seine Augen. Seine Bierfahne haut mich fast um. Ich frage ihn, wann denn meine Mutter kommt, doch seine Antwort, er hätte Hunger und würde das auch gerne wissen, gefällt mir gar nicht. So etwas sieht meiner Mutter gar nicht ähnlich. Halb zehn, anderthalb Stunden nach Ladenschluß, und sie ist noch nicht zu Hause! Und hat auch nicht angerufen. Langsam beginne ich, mir Sorgen zu machen.

Vielleicht hatte sie eine Panne oder schlimmer noch einen Unfall. Mein Vater wiegelt nur ab, sie hätte bestimmt eine Freundin getroffen und sich verquatscht und dabei hätte sie bestimmt ihre hungrigen Männer vergessen. Ich setze mich auf die Couch, doch überzeugt hat er mich nicht. Nervöse stehe ich wieder auf, um wenigstens die Leere unserer Mägen zu beseitigen. Ich gehe in die Küche und als die Ravioli gerade anfangen zu kochen, klingelt es an der Tür.
Na endlich, denke ich, da ist sie und hat bestimmt soviel eingekauft, daß sie die Tür nicht mehr aufschließen kann. Erleichtert öffne ich die Tür und blicke direkt in das Gesicht eines Polizisten. Verständnislos blicke ich die beiden grün uniformierten Gestalten an, die mit besorgtem Blick vor meiner Nase stehen. Aus dem Wohnzimmer will mein Vater entnervt wissen, wo sie so lange war, bis er die beiden Polizisten erblickt, die mittlerweile im Flur stehen.

Sie Fragen meinen Vater nach seinem Namen und ob meine Mutter seine Frau wäre. Dieser bejaht verwirrt und bietet den Polizisten höflicherweise keinen Platz an. Dann labern sie irgend etwas von stark sein und Beileid und von einem schrecklichen Verbrechen. Mein Hirn scheint diese Wörter nicht ganz zu kennen, jedenfalls verstehe ich nur die Hälfte. Erst als mein Vater mit versteinertem Blick aufsteht und den Polizisten nach draußen folgt, werde ich wieder munter und renne hinterher.

Als wir dann hinten im Polizeiwagen sitzen wird mir langsam der Sinn des vorher gesprochenen bewußt und kaltes Entsetzen kriecht mit Gänsehaut an meinem Körper hoch. Meine Mutter, überfallen und tot? Alles dreht sich und mir wird so schnell schlecht, daß ich den wenigen Inhalt meines Magens mitsamt einer gehörigen Portion Galle in den Nacken des vor mir sitzenden Polizisten spucke. Danach wird mir eiskalt und mein Verstand scheint auf einmal wie abgehoben, denn plötzlich fallen mir die Ravioli ein, die sich mit Sicherheit gerade für immer im Topf fest kochen. Ich versuche, das den anderen im Auto befindlichen Personen klar zu machen und als der Fahrer den Inhalt meiner Worte begreift läßt er seinen, immer noch fluchenden und nach Erbrochenem stinkenden, Kollegen bei unseren Nachbarn anrufen, damit dieser unser Haus vor dem Abbrennen rettet.

Endlich angekommen, wollen die Polizisten nur meinen Vater zur Identifikation mitnehmen. Doch ich muß mit, muß sie sehen. Aus Angst, ich drehe durch, lassen mich die Polizisten schweren Herzens ins Leichenschauhaus mitkommen. Doch das hätten sie mir besser doch ausgeredet, denn der Anblick, den der Körper meiner Mutter bietet, gehört eher in den Bereich Horrorschocker. Kopfschüttelnd vor Entsetzen und Mitleid führen sie meinen Vater und mich in einen Ruheraum. Kaum zu glauben, teilen sie uns dann mit, daß so etwas am hellichten Tag passiert, noch dazu mitten in einem Wohngebiet. Noch viel tragischer wäre es, daß es so kurz vor der Haustür passiert wäre. Naja, meint dann der eine, helfen wäre eben heute nicht mehr selbstverständlich. Ob wir denn nichts gehört hätten...?
__________________________________________________________

Positiv

Er bewegte sich im Rhythmus der Musik. Die dröhnenden Schläge des Beats ließen sein Blut pulsieren. Seine Hüften kreisten zur Melodie, die aus den Lautsprechern über ihm erklang, und sein Körper bewegte sich ekstatisch im zuckenden Licht des Stopboskops. Ihm gegenüber tanzte eine Traumfrau, ihr langes blondes Haar klebte an ihrem schweißnassen durchtrainierten Körper. Ihre kleinen festen Brüste hoben sich zart unter ihrem Spaghettiträgershirt ab. Beim Anblick der fließenden Bewegungen ihres schlanken Körpers wurde er immer geiler.

Auch sie schien heiß auf ihn zu sein, ihre grünen Augen durchbohrten ihn förmlich. Sie kam immer näher, bis er endlich ihren glühenden Körper an seinem spüren konnte. Seine Hände umfassten ihren Leib, ihre Beine schlangen sich um ihn, das Pochen in seinen Lenden wurde immer dringlicher, fordernder. Eng umschlungen tanzten sie Richtung Ausgang um sich dann wild und leidenschaftlich auf der Kühlerhaube eines im Schatten der Parkplatzbeleuchtung stehenden Wagens zu lieben. Keine Namen, keine Verpflichtung, nur pure Lust, nur harter Sex.

Zwei Monate später, er hatte das Discoerlebnis schon so gut wie vergessen, rief ihn der Betriebsarzt zur Besprechung seiner Blutwerte. Ein normaler Vorgang, der diesmal ganz und gar kein gutes Ende nahm. Positiv. Er war wie vor den Kopf geschlagen. Er und AIDS? Er war doch kein Homo. Nein, das konnte nicht sein. Blind und taub vor Schmerz, Wut und Verzweiflung verließ er das kleine Büro des Arztes und rannte nach draußen, wo er sich heftig seines Frühstücks entleerte. Mit etwas klarerem Kopf stieg er ins Auto und fuhr ohne Plan und Ziel davon.

Tage später bestätigte sein Hausarzt, was er immer noch nicht akzeptieren wollte. HIV positiv, sein Todesurteil, daß er einzig und allein dieser blonden Schlampe aus der Disco zu verdanken hatte. Wie blöd war er doch gewesen. Vorher immer nur mit Gummi, hinterher immer nur mit Gummi und gerade dieses eine Mal, dieses verhängnisvolle eine einzige Mal hatte er im Rausch der Lust auf Schutz verzichtet. Und bekam jetzt die Quittung dafür. Er sah sich schon dahinsiechen, ohne Hoffnung auf Zukunft, ohne Hoffnung auf Heilung. Das würde sie büßen, dafür würde sie zahlen müssen.

Tief in seiner schwarzen Seele schmiedete er einen todbringenden Plan. In der Apotheke, in der er die Zutaten für seinen lebenserhaltenden Cocktail abholte, besorgte er sich unter den abwertenden, angeekelten Blicken der Verkäuferin auch ein Set mit Spritzen. Er wußte, was er zu tun hatte, die Saat der Wut war aufgegangen und hatte heimtückische Rachepläne freigegeben.

Er bewegte sich im Rhythmus der Musik. Die dröhnenden Schläge des Beats ließen sein Blut pulsieren. Seine Hüften kreisten zur Melodie, die aus den Lautsprechern über ihm erklang, und sein Körper bewegte sich ekstatisch im zuckenden Licht des Stopboskops. Ihm gegenüber tanzte eine Traumfrau, ihr kurzes blondes Haar klebte ihr schweißnass in der Stirn. Ihre großen schweren Brüste hoben sich deutlich unter ihrem Spaghettiträgershirt ab. Das perfekte Opfer. Auch so eine dumme blonde Schlampe. Er ließ sie nicht aus den Augen, als er vorsichtig die mit seinem vergifteten Blut gefüllte Spritze aus seiner Tasche zog. Sie schien heiß auf ihn zu sein, sie kam immer näher, bis er endlich ihren glühenden Körper an seinem spüren konnte. Seine Hände umfassten ihren Leib, ihre Beine schlangen sich um ihn. Jetzt endlich war es soweit, endlich war die Stunde der Abrechnung gekommen. Er hielt sie fest umschlungen und drückte die spitze Nadel in das weiche Fleisch ihres Hinterns. Er genoß den erstaunt entsetzen Blick ihrer babyblauen Augen, als er langsam sein Gift in ihren Körper presste.
___________________________________________________________

Lust

Sie drückt ihre Nase gegen die Fensterscheibe. Oh, was sie da alles sieht: wunderschöne Kuchen mit Äpfeln, Birnen, Erdbeeren, Himbeeren, Stachelbeeren, mit und ohne Guß, manche mit Streuseln, andere gedeckt. Sie sieht Käsekuchen, mit und ohne Rosinen, mit Mohn oder auch mit Mandarinenstückchen. Da gibt es Frankfurter Kranz, Marmorkuchen und ganz hinten steht ein Hefezopf neben köstlich gefüllten Windbeuteln.

Und dann die ganzen Torten! Schokolade, Erdbeer, Mocca in Sahne und als Creme, Bananencreme und Linzertorte. Dort steht ein hoch gefüllter Bienenstich und die Frau hinter der Theke schneidet gerade ein großes Stück herrlicher Sachertorte ab. Sogar Himbeersahne-, Eierlikör und Mandelsahnetorte gibt es. Und rechts, in den Sonderauslagen, stehen zwei- und dreistöckige Torten und Kuchen in Fußballfelddesign und mit Geburtstagsgrüßen.

Zu allem Überfluß findet ihr Auge rechts neben den leckeren, zuckrig-süßen Lustbringern ein Allerlei feinster Pralinen. Sehnsüchtig streift ihr Blick die Mandel- und Cognac-Trüffel, zieht vorüber an Sahnekaramellen, Nußsplittern und türkischem Honig und bleibt schließlich an himmlisch aussehenden Schoko-Sahne-Trüffeln hängen.

Seufzend und mit wehmütigem Blick wendet sie sich ab und während ihr warmer, feuchter Atem langsam von der Scheibe verschwindet beißt sie in ihre Karotte und geht.
__________________________________________________________

Suicidal mood

Heute ist ein guter Tag. Ein guter Tag zum Sterben. Die Wahl der Waffen überlasse ich der Gunst des Augenblicks. Aus dem Fenster stürzen oder von einer Brücke springen werde ich nicht. Ich hatte schon immer Angst vor Höhe, das möchte ich nicht. Ja, sicher, das ist eine sichere Methode. Das möchte ich gar nicht bestreiten. Und es wäre ein schneller Tod. Doch die Sekunden bis dahin würden mir wie eine Ewigkeit erscheinen. Würden die letzten Momente meines Lebens mit Qual erfüllen. Nein, das will ich nicht. Ich möchte mich ja nicht umbringen, weil ich tot sein möchte. Ich möchte mich umbringen, weil ich nicht mehr Leben mag.

So nicht. Das Leben mag seine schönen Seiten haben und mir geht es sicherlich nicht schlecht. Im Grunde darf ich gar nicht jammern. Es geht mir doch gut. Doch auch dieses nicht Jammern dürfen ist ein Teil meiner Qual. Oh sicher, ich weiß anderen geht es viel schlechter als mir. Und ich schäme mich für jede meiner Launen. Und doch, ich möchte so nicht länger leben. Der Tod scheint mir eine willkommene Abwechslung zu sein und ich werde ihn kosten.

Ja, ich weiß, ist man einmal tot gibt es kein zurück mehr. Aber das ist dann eine Konsequenz mit der ich leben muss. Welch Wortspiel, was für eine Ironie. Vielleicht ist der Tod kein wohligwarmes Kissen auf dem ich sanfte Ruhe finde. Vielleicht stehen mir bittere Qualen bevor, Qualen vor denen es kein Entrinnen gibt. Doch wenigstens wäre es ein Weg, den ich mir selbst gewählt hätte. Keine äußeren Zwänge, nur meine Entscheidung. Und auch aus diesem dunklen Tod gäbe es sicher ein Hintertürchen, wie aus dem Leben auch. Irgendwo gibt es immer einen Weg nach draußen.

Vor mir liegt das Messer, das ich sorgfältig geschärft habe. Doch ich habe mir auch Drogen gekauft und Schlaftabletten. Hatte sogar über einen Mietwagen nachgedacht, doch das war mir der Mühe dann doch nicht wert. Noch schwanke ich zwischen den Schlaftabletten und einem heißen Bad im Anschluss und dem Messer das mir den Weg ebnet. Die Schlaftabletten wären ein sehr sanfter Weg, doch wer garantiert mir, dass ich dann tatsächlich in der Wanne ersaufe? Außerdem möchte ich bewusst sterben – und wenn es das letzte ist was ich tue.

Ich denke, ich werde das Messer wählen. Zwei saubere Schnitte längs entlang der Pulsadern auf beiden Armen. Dürfte eine sehr schmerzhafte aber auch sehr einschneidende Erfahrung werden. Und ich könnte dabei zusehen, wie das Leben aus meinen Körper rinnt. Stoßweise, mit jedem Herzschlag mehr. Vielleicht lege ich mir eines meiner Lieblingslieder in den CD-Player. „Forgive me“ von Evanescence wäre sehr passend. Aber auch „Loser“ von Beck wäre eine gute Wahl. Vielleicht sollte ich mir zuvor noch eine CD zusammenstellen, die mich dann in den Tod begleitet.

Ich beginne, nachzudenken. Darüber, was mich zu diesem Tag, dieser Stunde geführt hat. Ich denke, es waren nicht nur die äußeren Einflüsse. Ich bin eben so wie ich bin. Spüre ich vielleicht alles stärker als andere Menschen? Oder bin ich einfach nur so schwach? Zu schwach um die Aufgabe Leben zu bewältigen?
Es gibt soviel Positives und doch frage ich mich Tag für Tag, warum ich nicht glücklich bin. In mir, dicht unter der Oberfläche, gibt es eine unendliche Traurigkeit. Doch gibt es diese Traurigkeit auch, wenn sich die Situation ändert? Kann ich vielleicht ganz einfach nicht glücklich sein? Ich möchte so gern geliebt werden. Träumte letzte Nacht, ich hätte es getan und wäre gerettet worden. Und all meine Freunde – und das waren im Traum sehr viele – waren gekommen. Sorgten sich um mich, kümmerten sich. Und ich war wie ein kleines aufgeregtes Kind zu meiner Mutter gerannt, hatte sie am Rockzipfel gezupft und gesagt „Da! Siehst du diese Menschen? Siehst du das? Schau doch. Schau dir alle diese Menschen an. Sie sind alle wegen mir hier. Wegen mir! Kannst du dir das vorstellen? Wegen mir? Die lieben mich. So wie ich bin! Schau doch. So wie ich bin! Und es sind so viele. Schau doch. All diese Menschen. Und sie alle lieben mich. So wie ich bin.“

Doch sie hatte es nicht gesehen. Sie hatte mir nicht einmal zugehört. Und im Traum war mein Vater gar nicht gekommen, auch meine Schwester nicht. Ich erwachte im Traum aus meinem Koma und blickte in das Gesicht Fremder und Freunden. Fragte nach meinem Mann und erhielt zur Antwort ‚der ist arbeiten’. Natürlich. Was auch sonst. Wann war ich jemals wichtig? Warum sollte sich jemand für mich interessieren? Ich würde überleben, also konnte man zur Tagesordnung zurückkehren.

Als ich aus dem Traum erwachte, war mein Gesicht voller Tränen. Wie schon so oft. Ich weine im Schlaf, fast jede Nacht. Tagsüber bin ich stark. Nicht immer, doch meistens schaffe ich es. Doch nachts kann ich mich nicht kontrollieren und die Tränen finden ihren Weg aus meiner Seele. Ich fühle mich so einsam. So verdammt allein. Ich hab keine Kraft mehr. Keine Kraft, etwas zu ändern. Keine Kraft mehr, meinen Arsch aus dieser Situation hinauszumanövrieren. Ja, mir fehlt sogar die Kraft, mich umzubringen.

Doch vielleicht ist es auch etwas anderes, das mit am Leben hält. Vielleicht ist da noch dieser Funken Hoffnung, das es doch auch anders geht. Und die Gewissheit, das da doch noch Menschen sind, die mich lieben. Menschen, die nicht nur sehen wie schwach ich bin. Wie unfähig, hässlich und dumm. Menschen, für die meine Meinung wichtig ist und die mich vermissen, wenn ich nicht da bin. Menschen, die mir zuhören und nicht nur den Kopf über das Gesagte schütteln oder auf deren Gesichtern sich Angst, Unglaube oder Hohn widerspiegelt.

Ich blicke auf das Messer. Heute ist ein guter Tag. Ein guter Tag zum Leben. Ich weiß noch nicht, was er für mich bereithält. Doch auch wenn es die größte Demütigung sein wird, die ich bisher ertragen musste – ich werde es überleben. Denn eines weiß ich genau: auch wenn der Tod mich lockt, so hab ich hier doch noch zu viel zu erledigen.
__________________________________________________________

Wie das Leben so spielt

Gestern bin ich einer Frau begegnet, die war so groß wie das Leben selbst. Halt! Werdet ihr jetzt sagen, wie kann eine Frau so groß sein, wie das Leben selbst? Wie groß ist eigentlich das Leben selbst? In wie viele Meter, Zentimeter und Millimeter kann man es denn definieren?

Ich sage euch, Freunde, dies ist einfacher, als manch einer denkt. Überlegt doch nur: wie groß ist das Leben! Es ist eine unendlich scheinende Anzahl kleiner Moleküle, die hier und da willkürlich aufeinanderprallen. Ein seltsamer Haufen Zellen, aus denen aus dem Nichts Unglaubliches entsteht.

Ich traf also diese Frau und was soll ich sagen – sie gefiel mir nicht! Nicht nur, dass sie einen unglaublichen Überbiss hatte, sie war auch dermaßen laut, euch wäre das Trommelfell geplatzt, hättet ihr sie, so wie ich, sprechen hören.

Doch das Gesagte, Freunde, hatte Größe. Und auch die Taten sprachen nur für sich. Ihre Gesten schienen gar fabelhaft, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass obwohl sie körperlich von geringen Maßen war, doch jeder auf sie zu hören schien.

Halt! Werdet ihr jetzt sagen, wie kann sie gleichzeitig so groß wie das Leben selbst sein und doch körperlich nur von geringen Maßen? Nun, liebe Freunde, wahre Größe definiert sich nun mal nicht über Äußerlichkeiten. Wahre Größe ist ein Faktum, das aus dem Innersten des Mensche kommt. Und dort, liebe Freunde, sind oft die erstaunlichsten Dinge verborgen.

Nun, wie ich schon sagte, obwohl klein von Gestalt, so war sie doch der Mittelpunkt der Szenerie, die sich mir stellte. Anderen wäre es wohl wie ein Chaos erschienen, denn es war schon ein wundersames Bild, wie sie dann stand und alles um sich rum bewegte. Ein Entstehen, ein Kommen, ein Gehen, man kam aus dem Staunen fast kaum noch heraus.

Doch sie war der Fels in der Brandung, ganz ruhig. Sie hob nur und senkte den Finger und ließ ihre Stimme weltlich erschall’n. Alle huschten und kuschten und selbst der größte Koloss folgte ohne zu Zögern nur ihrem Wort. Es war schon ein Spaß, das mit anzusehen!

Nach und nach fand alles seinen Platz, jeder kam an die richtige Stelle und alles ward, wie es sein sollte. Sicher, hier und da musste noch ein wenig gefeilt und geordnet werden, doch alles in allem: perfekt! Jeder hatte dazu beigetragen, jedes noch so kleine Ding hatte seinen Dienst getan. Nur eines fehlte noch: die Krone der Schöpfung.

Doch die Frau war erschöpft, lange war ihr Tag gewesen, und sie musste nun ein wenig ruh’n. Sie legte sich beiseite um sich in Ruhe und Kraft auszudenken, welches Geschöpf, welche unendliche Gabe, welches magische Wesen diesem ihrem Werk gerecht werden könnte.

Doch während sie da lag und sinnierte und sich den Kopf zerbrach, kam auf die Bühne nun ein Mann. Er war so edler Gestalt, dass man den Anblick kaum ertragen konnte. Die Schönheit sprang ihm quasi aus dem Gesicht direkt ins Auge des Betrachters. Er war groß gewachsen, fast schon hünenhaft und seine Schultern maßen eine gewaltige Breite. Wo er einen Schritt tat, musste die Frau sicherlich derer hundert tun.

Der Mann sah sich um, zufrieden um das Werk seines Weibes. Doch auch er stellte fest, dass etwas fehlte. Das Tüpfelchen auf dem I sozusagen. Die arme Frau, von Erschöpfung gezeichnet, hatte den selig süßen Weg in den Schlaf gefunden und wie er sie da liegen sah, wollte er sie nicht wecken.

So denn setzte er sich und dachte nach, als er den Klumpen Lehm entdeckte, der ungenützt noch in der Ecke lag. Er nahm ihn in die Breite seiner Hand und wiegte ihn bedächtig. Ein schönes Stück, so schien es ihm, und er entschloss, der Frau den letzten Brocken abzunehmen und hier und jetzt das Werk selbst zu vollenden.

Er fühlte die Kälte und Wärme des Tons und begann, ihn langsam zu formen. Doch Freunde, wie ihr sicherlich alle wisst, sind manche Männer in solchen Dingen nicht allzu geschickt. Und er war nun einer von ihnen. Er formte und drehte und knetete das Stück solange, bis es nach seiner Phantasie am Ende so aussah wie er. So dachte er jedenfalls, denn in seinem Blick auf das gute Stück lag Stolz und auch ein wenig Selbstgefälligkeit.

Doch durch das viele Kneten und Drehen und Formen hatte er noch immer ein Stückchen Lehm übrig, das zu verarbeiten er jetzt auch noch gedachte. Doch Freunde, wie ihr sicher alle wisst, fehlt manchen Männern in jeglicher Hinsicht die Phantasie. Und so nahm er die Frau, die friedlich da schlief, als Motiv für sein Tun.

Endlich hatten seine groben Hände die filigrane Arbeit wohl getan und er hatte auf seinem Tische vor sich stehen zwei Kopien seiner selbst und seiner Frau. Doch diese wurde langsam wach, weil sich der Herr der Schöpfung über sein großes Werk doch allzu sehr freute. Und so entschloss er sich, der Sache gemeinsam mit ihr das Leben wie es war an sich einzuhauchen.

Schlaftrunken wie sie war, begriff sie nicht, was er getan hatte und betrachtete die beiden Tonfiguren auf dem Tisch deswegen ohne Argwohn. Er selbst küsste dem Mann aus Ton behutsam auf die Stirn und bat die Frau an seiner Seite doch bitte, es ihm gleichzutun.

Da einmal wurde ihr bewusst, was sie da taten und erschrocken konnte sie jetzt sehen, wie dem Mann aus Ton ein Leben ward. Ihr blieb nun nur noch eins, bevor sie sanft die Frau ins Leben küsste. Sie beugte sich vorsichtig über die Figur und korrigierte noch ein wenig deren Bild. Denn sie selbst, liebe Freunde, war nie wirklich ganz zufrieden mit ihrem äußeren Erscheinen.

Aus der Ferne betrachtet waren es nun zwei perfekte Gestalten, doch betrachtete man sie von einem näheren Standpunkt aus, so fiel die Kälte und Härte in den Gesichtern und den Körpern auf. Für ihn war es fast schon zu spät, denn sein Körper war voll Leben und sein Geist regte sich bereits. So konnte sie nur hoffen, dass die Glasur auch haften blieb.

Bei ihr jedoch entfaltete sich die volle Wirkung und ein Glanz erstrahlte über das Antlitz der Figur. Und da nun die Zeit gekommen war, nahm sie sich hoch und küsste sanft auf ihre Stirn. Ein unglaublicher Anblick war das, liebe Freunde, und ein wahrliches Fest. Die Arbeit war beendet und nun konnte sie sicher ruh’n. Der Mann war, ob der großen Tat, die er vollbracht, schon lange selig eingeschlafen und da die Schöpfung jetzt vollendet war, konnte sie endlich Gleiches tun.

Ich, liebe Freunde, bin dann leise von dannen geschlichen, denn Schlafende soll man bekanntermaßen nicht wecken. Das Letzte was ich sehen konnte, war wie die beiden neuen Gestalten fröhlich in die Welt reinliefen, dann führte mich mein Weg zurück zu euch, um zu berichten, was mein Auge sah.

Nur eines, das sei noch erzählt, denn als die Frau schon paradiesisch schlummernd schlief, verlor der kleine Mann ein Stück Glasur, genau da wo sein Herz jetzt schlägt, so dass zum ein und andren Tag, wenn draußen laut der Wind sich weht, vielleicht ein Stück sein Herz erfriert.

Drum Freunde, folgt mir nach und achtet gut, dass dieses kleine Stück Glasur am Ende nicht der Schöpfung fehlt. Und wenn ihr einen Menschen seht, dem’s kalt ist in der schlagend Brust, so nehmt ihn zu euch, wärmt ihn auf und schützt so fleißig Gottes Werk.
__________________________________________________________

Der Flieger

Das Adrenalin pulsierte durch seine Adern. Gleich war es soweit. Ready for take-off.

Wie oft hatte er das schon erlebt. Und doch war es jedesmal anders, ganz neu für ihn. Dieses Gefühl der Spannung. Dieses Kribbeln im ganzen Körper, vom kleinen Zeh bis hin zum Haaransatz. Schmetterlinge in seinem Bauch.

Jetzt waren es nur noch wenige Sekunden. Er blickte zu den anderen Piloten, siegessicher. Wußte er doch, daß seine Maschine die schnellste war und er der beste Pilot. Er konnte es kaum noch erwarten. Dieses Hochgefühl. Als wäre er auf einer Wolke, die durch den Frühlingshimmel schwebt.

Und gleichzeitig angespannte Konzentration. Jeder Handgriff mußte sitzen. „Five-zero-five – ready for take-off“ gab die Stimme aus dem Lautsprecher das Startzeichen.

Ja, endlich hob er ab. Er, der erfahrene Kampfpilot. Der Sieger aller Klassen. Der Beste der Besten. Vorsichtig und mit Bedacht führte er den Jet. Jetzt flog er über den Kopf von Mama. Nein, nicht Mama, Kommandantin Doris.

Und er flog, immer im Kreis, eine Runde nach der anderen. Bis die Stimme aus dem Lautsprecher sagte: „Soooo – das war’s mal wieder! Neue Runde, neues Glück! Fahrchips gibt’s an der Kasse. Bitte erst aussteigen, wenn sich nichts mehr dreht!“
___________________________________________________________

Der Liebesdienst

Sein schwacher Atem geht rasselnd und unregelmäßig. Sein früher so ebenmäßiger Teint ist jetzt grau und aufgedunsen, die vielen wunden Stellen und Läsionen lassen ihn wie einen Freak erscheinen. Früher athletisch gebaut ist er jetzt nur noch ein Schatten seiner selbst. Die dunklen Ringe unter den, vom Weinen und den Schmerzen roten Augen zeugen von unendlichem Leid.

Die Hand, die in der meinen liegt, ist knochig und so leicht, daß ich sie kaum spüre. Sie ist kalt und schweißig und die Adern scheinen pulsierend durch die pergamentene Haut. Sein Blick, flehend und voller Schmerz, zerreißt mein Herz. Betteln mich an, ihn gehen zu lassen, ihm seinen Frieden zu geben.

Doch wie kann ich das tun? Wie kann ich die Entscheidung über Leben oder Tod fällen? Doch diese Entscheidung ist längst gefallen. Und nicht wir haben sie getroffen. Das Schicksal hat entschieden und die Wahl ist auf ihn gefallen.

Sein junges Leben, noch so unverbraucht und voller Ideen, soll plötzlich zu Ende sein. Ein falscher Schritt, eine unvorsichtige Handlung im Eifer des Gefechts und es ist vorbei. Und es trifft immer die Besten. Er war, nein, ist so begabt. Seine Lebensfreude steckte er uns doch immer an. Er war doch immer derjenige, der uns aufmunterte. Der uns in endlosen Diskussionen zum Denken zwang und auf seinen Parties traf man die schillerndsten Gestalten. Doch die schillerndste überhaupt war er. Ob nun als Drag-Queen in Minirock und Netzstrumpfhose oder als ausgeflippter Designer auf einer seiner Modeschauen. Seine spontanen Einfälle waren immer erstaunlich und sich zu seinen Freunden und Vertrauten zählen zu dürfen, ist eine wahre Ehre.

Doch jetzt liegt er vor mir, von der Krankheit gezeichnet. Der Glanz in seinen Augen, der früher alle in seinen Bann gezogen hat, ist längst erloschen. Zu schwach zum Sprechen ist sein ständiges Bitten wie ein Flüstern im Wind. Tränen laufen heiß über meine Wangen. Mein Brustkorb schmerzt vor Trauer und Mitleid. Ich kann diesen Anblick nicht länger ertragen. Zu groß sind Liebe und Respekt als daß ich weiter zulassen könnte, ihn so vegetieren zu lassen, ihn um Gnade betteln zu hören.

Vorsichtig nehme ich die mitgebrachte Spritze aus der Tasche. Seine Augen füllen sich mit Tränen, doch es sind nicht Tränen der Angst und der Furcht. Es sind Tränen der Dankbarkeit und der Hoffnung auf Erlösung. Ein letzter fragender Blick wird mir mit einem Nicken bestätigt. Tu es!

Ich gebe ihm einen letzten Kuß auf die vom Fieber heiße Stirn. Dann injiziere ich ihm den todbringenden Inhalt der Spritze und halte seine Hand, bis sein Atem immer schwächer wird und schließlich aufhört. Das schrille Alarmsignal der Überwachungsgeräte ertönt und die Schwestern kommen hereingestürzt.

Widerstandslos lasse ich mich fortführen, auch als die Polizisten kommen. Sollen sie mich doch einsperren, ich habe meinen Liebesdienst geleistet. Und ohne ihn ist mein Leben ohnehin nichts mehr wert.
__________________________________________________________

Der Mann im Haus

Deutlich konnte man den Abdruck seiner Hand auf ihrer Wange sehen. Rot und heiß stand ihr die Mißhandlung ins Gesicht geschrieben. Ein Blutstropfen bahnte sich den Weg von der einstmals so wundervoll geschwungenen, jetzt mit brutaler Gewalt zerstörten Oberlippe über ihre Mundwinkel und tropfte dann schwer auf den Boden. Das rechte Auge benetzt ihre Wunden mit Tränen, während sich um das blutunterlaufene linke eine violette Schwellung bildet.

Er wendet sich von ihr ab. Angeekelt von ihrem Anblick und auch von seiner Tat. Wieso hatte sie ihn wieder so provoziert? Er hatte ihr ausdrücklich verboten, mit anderen Männern zu sprechen. Er hatte sofort gemerkt, daß sie sich geschminkt hatte, obwohl sie versucht hatte, es vor ihm zu verbergen. Ihn konnte man nicht täuschen. Er wußte, wie der Hase läuft.

Und dann dieses aufreizende Lachen am Telefon. Als ob er nicht wüßte, daß am anderen Ende nicht ihre Schwester war. Wie konnte sie nur so dumm sein, glauben zu können, sie könnte ihn, den Frauenkenner, täuschen? Hatte einfach weiter telefoniert und ihm dabei aufreizende Blicke zugeworfen. Diese Schlampe! Versuchte, ihn damit davon abzulenken, daß am anderen Ende der andre war, der Mann, mit dem sie die Zeit verbrachte, während er dafür sorgte, daß sie im Luxus leben konnte.

Natürlich hätte sie ihren Beruf auch fortführen können. Aber er war der Mann im Haus, er verdiente die Brötchen. Arbeitende Frauen haben nur keinen abgekriegt. Und außerdem wäre sie ja als Ärztin ständig mit anderen Männern zusammen gewesen und hätte auch noch einen Vorwand gehabt, damit diese sich für sie ausziehen.

Ja, er hatte das sofort durchschaut, schließlich hatte er sie ja so kennengelernt! Er war auf dem Bau von der Leiter gefallen, weil der Scheiß Azubi sie nicht richtig gehalten hatte. Seinen gebrochenen Arm hatte sie versorgt und schon damals hatte er entschieden, daß sie nur auf ihn gewartet hatte.

Sicher, es hatte ihn einiges an Überredung gekostet, aber nach der zweiten Nachuntersuchung waren sie zusammen essen gegangen und drei Monate später war sie seine Frau.

Fast hätte er damals die Hochzeit noch abgesagt, als er rausfand, daß sie sich nicht hatte zurückhalten können. Sie war eine Hure, die einfach so mit Männern schlief, hatte nicht auf ihn, den einzig Richtigen, gewartet. Doch er wußte, er könnte sie auf den rechten Pfad führen. Und er würde natürlich immer aufpassen müssen, damit sie nicht wieder in Versuchung geriet.

Deswegen hatte er sie die ersten sechs Wochen ihrer Ehe auch in die Wohnung eingeschlossen, hatte in der Klinik angerufen und sie beurlauben lassen. Schließlich mußte sie lernen, eine richtige Ehefrau zu sein. Die ihrem Mann dient und sich um den Haushalt kümmert. Wie oft hatte er ihr Lektionen erteilen müssen, bis sie begriffen hatte, daß eine verheiratete Frau kein Make-up braucht. Wie oft hatte er sie dabei ertappt, wie sie versuchte, aus der Wohnung zu entkommen.

Aber er war schlau, war wachsam. Er wußte, wie man Frauen behandeln muß, daß hatte sein Vater ihm beigebracht. Mutter war auch eine Hure gewesen. Sie hatte die Einkäufe immer genutzt, um fremde Männer zu treffen. Hatte nicht damit gerechnet, daß sein Vater kein Trottel war. Daß er sie für ihre Schandtaten hatte büßen lassen, war ihr nur recht geschehen. Frauen waren kleine Teufel, die nichts anderes im Sinn hatten, als den Ruf ihres Mannes zu ruinieren. Seine Mutter hatte nicht hören wollen und er hatte vor Gericht ausgesagt, sie hätte es verdient, zu sterben. Nein, er war nicht traurig als sie starb. Sie hatte es ja so gewollt, sein Vater hatte sie nicht gezwungen, sich die Pulsadern aufzuschneiden. Sogar im Tod hatte sie noch Schande über seinen Vater gebracht. Was macht das denn für einen Eindruck, wenn die Frau sich das Leben nimmt? Und dann hatte sie so eine Sauerei hinterlassen! Er war damals ganz schön erschrocken, als er sie gefunden hatte. In dem ganzen Blut, kein Leben mehr in ihr.

Ihm würde das nicht passieren. Sein Vater war ein guter Lehrmeister gewesen, doch er würde es noch besser machen. Keine Frau würde je Schande über ihn bringen, dafür würde er schon sorgen. Nach den sechs Wochen Unterricht zu Beginn ihrer Ehe hatten sie endlich begriffen, daß er von nun an für sie sorgen würde und obwohl sie noch zweimal ihrer Unvernunft erlegen war und wieder arbeiten wollte, brachte er sie dazu, zu kündigen. Frauen waren ja so dumm. Man mußte ihnen alles zweimal sagen. Und manchmal verstanden sie es selbst dann nicht. Da hatte Gott den Männern eine schwere Last auferlegt.
Ihre Mutter hatte ihr, statt ihr wie eine anständige Mutter Nähen und Kochen beizubringen, lauter Flusen beigebracht. Hatte sogar dafür gesorgt, daß sie studieren durfte. Der Vater war ein Geschichtsprofessor, was wollte man da erwarten. Solchen Leute kannten eben nicht die wahre Bedeutung von Mann und Frau, wußten nichts um die Regeln einer Ehe.

Und jetzt war es an ihm, die Fehler, die ihre Eltern gemacht hatten, zu beheben. Bei ihm hatte sie gelernt, daß eingesperrt sein für eine Ehefrau nichts Schlimmes ist. Und daß es gut für sie war, wenn er ihr sagte, was sie zu tun hatte. Sie hatte gelernt, zu beten und ehrfürchtig zu sein. Sie wußte jetzt, wie und wann er sein Essen wollte und welche Temperatur sein Bier haben mußte. Er hatte ihr gezeigt, wie die Betten richtig gemacht werden und als sie nicht lernen wollte, wie man die Sonntagshemden für die Kirche richtig mangelt, hatte er ihr beigebracht, wie heiß das Eisen sein muß. Natürlich hatte sie danach noch einige Tage Probleme mit dem Kochen, denn die Hand war ganz schön angeschwollen, aber danach hatte er sich nie wieder beschweren müssen.

Er wollte ihr nicht weh tun, aber sie war einfach zu blöd, ihre Lektionen ohne Schmerzen zu verstehen. Typisch Frau. Und sie hatte immer noch nicht gelernt, daß eine Frau keusch und still sein muß und daß es sich für eine Frau nicht ziemt, zu lachen. Lächeln oder ein leises Lachen über seine Witze, daß war erlaubt, doch dieses zurückwerfen der Haare! Und dann konnte jeder ihre Zähne sehen. Unmöglich.

Ihre Schwester, dieses Flittchen, war genauso. Deswegen fand sie auch keinen Mann, der bei ihr bleiben wollte. Deswegen war sie auch neidisch, daß sie ihn gefunden hatte und wollte ihr ständig einreden, ihn zu verlassen. Eifersüchtig war sie auf sie, gönnte ihr nicht, daß sie einen Mann gefunden hatte, der wußte, wo’s lang geht. Er war der Herr im Haus und wenn sie das ab und zu zu vergessen schien, wußte er sie schon daran zu erinnern.

Er wollte sie nicht schlagen, denn er war ein gottesfürchtiger Mensch, aber schon sein Vater hatte gewußt, daß Frauen Schläge einfach brauchen, sonst könnten sie mit ihrem viel kleineren Gehirn die Gedanken der Männer gar nicht verstehen.

Er selbst hatte genug Lektionen auch nur dann verstanden, wenn sein Vater sie mit dem Gürtel bekräftigte oder ihn zum Nachdenken auch mal für ein paar Stunden oder über Nacht in den Wandschrank steckte. Und jeder konnte sehen, wie gut das geholfen hatte. Er war ein kräftiger, rechtschaffener Kerl geworden, der auf dem Bau seinen Mann stand und selbst für seinen Lebensunterhalt sorgen konnte.

Natürlich war es ihm peinlich, so eine dumme und aufmüpfige Frau erwischt zu haben, die ihn nur verstand, wenn er seine Fäuste einsetzte. Aber im Vergleich zu den Frauen seiner Kollegen hatte er es doch ganz gut, denn die ließen sich ja gar nichts sagen, bestanden manchmal sogar darauf, keine Kinder zu bekommen und weiterhin arbeiten zu gehen. Was waren seine Kollegen doch für Weicheier.

Er hörte, wie sie sich langsam vom Boden erhob. Als er sich zu ihr umdrehte, lief ihm ein Schauer über den Rücken. Erst aus Erstaunen, dann wurde daraus kalte Angst. Sie stand vor ihm, aufrecht und furchtlos und blickte ihm direkt und ohne Scham in die Augen. Und als sie abdrückte, lernte er die letzte und einzig wirklich wichtige Lektion in seinem Leben: Man sollte Frauen nie unterschätzen!
__________________________________________________________

Bild und Ton

Sie schließt die dunkle Eichentür zu ihrer Wohnung auf. Liebevoll streicht sie wie beiläufig über das kleine rote Namensschild, das in Herzform über der Klingel befestigt ist:
Svenja Baumann und Jutta Vogel
Sie lächelt zärtlich, als sie die beiden Namen liest. Plötzlich durchfährt sie ein stechender Schmerz, als hätte man ihr einen glühenden Dolch durch den Körper gejagt. Mit vor Schmerz verzerrtem Gesicht zieht sie ihre Hand zurück und stützt sich am dunklen Rahmen ab. Sie stößt die Tür zur Wohnung ruckartig auf, schleudert die Einkaufstüte auf den Boden und wirft sich gegen die Eingangstür. Diese fällt krachend ins Schloß, und Svenja drückt sich, schwer atmend und mit geschlossenen Augen, gegen das Holz. Sie legt ihre Finger auf ihren Bauch und ruft sich in Gedanken zur Ruhe. Es dauert nicht lange und der Schmerz löst sich wie grauer Rauch vor ihrem inneren Auge auf.

Als ich es merkte, war ich acht. Höchstens neun. Aber so richtig realisiert habe ich es erst mit 16. Vorher habe ich es immer verdrängt. Und für meine Mutter war ich einfach ein Spätzünder. Sie merkte sowieso nicht, was ich so machte. Mein Vater hatte sich, als ich drei war, mit einer anderen davongemacht, und meine Mutter liebte seitdem die Hochprozentigen mehr als mich. Und wie oft kam morgens ein anderer aus ihrem Schlafzimmer. Ob das auch dazu beigetragen hat? Ich weiß es nicht. Aber es hat meine Lust auf Männer ganz sicher nicht gefördert.
Na ja. Mit 16 habe ich mich dann in die arroganteste Ziege der ganzen Klasse verknallt. Mann, war das peinlich, als die spitz kriegte, was mit mir los war. Tagelang habe ich mich nicht in die Schule getraut. Zum Glück war meine Mutter in dieser Zeit gerade mal wieder im Dauerrausch und dachte, ich hätte Ferien.

Svenja atmet langsam aus, öffnet die Augen und richtet sich wieder auf. Die Wohnung liegt dunkel und leer vor ihr - Svenja weiß, Jutta wird mindestens noch drei Stunden weg sein, bevor sie Feierabend hat und mit ihrem gelben Käfer in die Einfahrt rauscht.

Ich hab´mich dann bis zum Abi so durchgewurstelt. Bloß nicht auffallen. Ich bin sogar ab und zu mit dem ein oder anderen Jungen ausgegangen. Aber mehr als ein bißchen Knutschen war nie.
So richtig los ging´s eigentlich erst mit 20. Ich hatte gerade meine eigene Wohnung bezogen und mit dem Studium angefangen, da lernte ich sie kennen!

Wieder spürt Svenja, wie der stechende Schmerz in ihr aufbrausen will, doch diesmal ist sie vorbereitet und sie kämpft ihn nieder, bevor er sie mit voller Wucht erreichen kann.
Eilig geht sie durch die Wohnung und sieht sich immer wieder über die Schulter, als würde ihr jemand durch die Dunkelheit der Räume folgen. Sie hastet von einem Lichtschalter zum nächsten, bis die ganze Wohnung hell erleuchtet strahlt und jeder Schatten vertrieben ist.
Svenja geht zu ihrer Stereoanlage und legt ihre Lieblings-CD ein. Sie drückt auf Play und Jimmy Sommervilles "Runaway Boy" beginnt durch die Wohnung zu schallen. Die Musik ruft sofort alle Erinnerungen und Bilder in ihr wach. Wie in Trance läßt sie sich davon einlullen und mitziehen und wiegt ihren Körper elegant zur Melodie hin und her. Svenja schlingt die Arme um ihren Leib und preßt sie fest an sich. Sie tanzt durch das erleuchtete Wohnzimmer und bleibt dann plötzlich mit einem entsetzten Schrei vor dem Spiegel stehen.

Sie ist ein Traum. Ich traf sie auf einer Uni - Fete. Sie war umgeben von Boys, die sie penetrant anbaggerten. Und hatte nur Augen für mich. Am Anfang dachte ich, ich würde träumen. Oder daß wir uns von früher kennen. Ich rannte sogar zum nächsten Spiegel, um zu prüfen, ob etwas auf meiner Stirn hing. Doch sie meinte mich. Und als sie sich endlich loseisen konnte, kam sie rüber zu mir und wir redeten bis fünf Uhr morgens.
Seitdem sind wir unzertrennlich. Vor einem Jahr ist sie sogar bei mir eingezogen. Meine Traumfrau und ich. In einer Wohnung. Und es lief alles bestens. Gemeinsame Hausarbeit, Kochen, Kuscheln vor dem Fernseher - wie ein altes Ehepaar.

Was sie sieht ist ihr Gesicht, ihr Haar, ihre Augen, und doch starrt sie eine völlig Fremde an. Der Mund ist provozierend knallrot angemalt, um die Augen greller lila Lidschatten und der Kajal ist verschmiert.
Svenja schlägt entsetzt ihre Hände vors Gesicht, dann nimmt sie sie ganz langsam wieder herunter und lacht die Fremde im Spiegel schrill aus. Bis sie nicht mehr kann und ihr Spiegelbild anschreit: "Da bist du ja , du Schlampe! Du hast es nicht besser verdient! Ja... eine richtige Schlampe bist du!"

Bis gestern. Juttas Vater hatte sich zu Besuch angemeldet. Dazu muß man erwähnen: sie kommt aus einem Minidorf irgendwo in Bayern. Ihre Mutter lebt mit ihrem Stiefvater quasi bei uns um die Ecke. Deswegen auch das Studium hier. Aber da sie eigentlich immer guten Kontakt zu ihrem Vater hatte und auch bei ihm aufgewachsen war, freute sie sich ungemein, daß er sie jetzt endlich besuchen kam.
Auch mir war ihr Vater von Anfang an sympathisch. Ein durchtrainierter Mitvierziger mit leicht graumelierten Haaren und Lachfältchen um die Augen. Also, würde ich auf Männer stehen, der hätte mir gefallen.
Nicht so gut gefiel es mir allerdings, als er stöhnend und stoßend auf mir lag. Ganz im Gegenteil. Ich hatte Angst und furchtbare Schmerzen. Und sein Gekeuche war wirklich widerlich. Sein hochroter Kopf direkt über meinem. Seine harten Hände halten mich mit Eisengriffen fest. Und dieser Schmerz. Und dann ein kurzes "Aaahh" und er rollt sich von mir runter. Läßt mich in meiner Verletztheit liegen. Und ich liege da wie betäubt. Kann nicht glauben, daß es endlich vorbei ist. Daß es geschehen ist! Mir! Und daß er es getan hat.

Svenja schlägt sich auf den Bauch ein, reißt sich an den Haaren und schlägt sich mit der Hand ins Gesicht.
"Schlampe, Schlampe, Schlampe!" schreit sie immer wieder wie von Sinnen, bis sie plötzlich zusammensackt und sich ohne Vorwarnung auf den Dielenboden übergibt.
Wie aus einem Fiebertraum erwacht rappelt sie sich keuchend wieder auf und lehnt sich für einen Moment gegen die Wand. Im Hintergrund dudelt Jimmy Sommerville sein einsames "Runaway Boy" und Svenja spürt, wie Tränen in ihr aufsteigen wollen. Doch sie schnieft nur kurz und wischt sich mit dem Handrücken über die Augen.

Sie hatte ein "Kneipenseminar" und würde ganz sicher nicht vor Mitternacht zurückkommen. Also hatte ich vorgeschlagen, eine Pizza zu bestellen und gemütlich vor dem Kasten zu sitzen. Schließlich ist er quasi mein Schwiegervater. Es lief auch alles gut. Die Pizza war gegessen, der Film vorbei, und da ich morgens früh raus mußte, sagte ich gute Nacht und machte mich "bettfertig". Doch als ich mich hinlegen wollte, stand er plötzlich hinter mir und flüsterte in mein Ohr: " Wollen wir doch mal sehen, ob ich dich nicht doch von Männern überzeugen kann. "
Ich denke noch, was ist jetzt das für ein schlechter Scherz, und drehe mich um, da wirft er mich auch schon aufs Bett und ich kann sehen, daß er nur noch seine Boxershorts trägt. Er hält mich eisern fest, und ehe ich noch richtig begreife, was passiert, drängt er sich schon zwischen meine Beine. Ich versuche ihn zu treten. Mich aus seinem Griff zu winden. Ihn zu beißen. Kann eine Hand befreien, als er sich seiner Unterhose entledigt. Kratze ihn. Er lacht nur und zerreißt meine Hose. "Wenn ich mit dir fertig bin, hast du nie wieder Lust, meine Tochter zu ficken." Er läßt kurz los, schlägt mir ins Gesicht. Und dann - nein, das erzähle ich kein zweites Mal. Zu groß sind Ekel und Schmerz.

Jetzt ist keine Zeit für Tränen. Ihre Gedanken sind plötzlich ganz klar, so wie heute morgen, als sie alles geplant hatte. Sie schiebt sich mit dem Rücken an der Wand hoch und geht ins Badezimmer. Dort läßt sie sich warmes Wasser einlaufen und holt das teure Parfümöl vom oberen Regal. Jutta hatte es ihr letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt. Sie hatte es extra für Svenja in London gekauft. Svenja liebt den exotischen Duft und die himmelblaue Farbe des Öls, das sich in einer, von zwei wunderschönen Glaselfen gehaltenen, Amphore aus Blattgold befindet.
Nur zu ganz besonderen Anlässen hatte sie sich davon gegönnt und dann auch nur mit wenigen Tropfen das Badewasser verfeinert. Doch heute nimmt sie die wunderschöne Amphore und kippt den gesamten Inhalt in die Wanne.
Sie verspürt ein kurzes Bedauern, doch dann erinnert sie sich, daß heute der wichtigste Tag ihres Lebens ist.

Ich stehe unter der Dusche. Sein widerlicher weißer Samen läuft an meinen Oberschenkeln hinab, vermischt sich mit Wasser und verschwindet im Abfluß. An meinen Handgelenken habe ich rote Flecken - die Spuren seiner Hände. Ich höre, wie die Tür ins Schloß fällt. Er ist fort. Und doch kann ich ihn noch in mir spüren. Mein Gesicht brennt, wo er mich geschlagen hat, und in meinem Unterleib breitet sich ein dumpfes Pochen aus.
Meine Oberschenkel sind übersät mit blauen Flecken. Wie soll ich ihr das erklären? Oh nein, nein. Ich werde ganz sicher nicht zu ihr gehen und sagen: "Hey, war ´n toller Tag und als krönenden Abschluß hat's mir dein Vater echt gut besorgt." Nie würde sie das glauben. Ihr Papilein. Sie würde denken, ich wäre eifersüchtig. Und verläßt mich. Oder sie glaubt mir und ich zerstöre ihre Welt. Nein. Es ist nichts passiert. Es ist gar nichts passiert.
Sie kommt spät. Ich stelle mich schlafend. Doch schlafen kann ich nicht. Ich schließe die Augen und sehe ihn. Höre ihn und rieche ihn. Und habe ich die Augen offen, hört mein Kopf nicht auf zu denken. Kreist immer wieder um die gleichen Fragen. Warum? Warum ich? Warum er? Und ich liege im Bett und versuche, den Brechreiz zu unterdrücken. Schließlich schlafe ich doch. Einen sehr unruhigen Schlaf. Ich sehe ihn. Ich sehe mich. Mit dickem Bauch. Im Kreissaal. Ein Baby kommt. Sein Baby kommt. Sein Baby! Schweißgebadet wache ich auf. Sein Baby! Es ist fünf Uhr morgens. Sie schläft friedlich. Und dieser Satz hämmert in meinem Kopf. Sein Baby, sein Baby. Oh Gott, bitte laß es nicht passiert sein. Ich fange an zu rechnen. Und versuche verzweifelt, mich an die Aufklärungsstunden im Biounterricht zu erinnern. Und rechne wieder nach. Sein Baby, sein Baby. Ich muß kotzen. Ich springe auf und laufe ins Bad. Der Rest der Pizza verabschiedet sich mit leisem Gurgeln. Ist er noch da? Ich schleiche mich aus dem Schlafzimmer. Mein Blick fällt auf die Bettwäschegarnitur, die ich gestern noch schnell gewechselt habe. Ich klemme sie unter den Arm um sie zu waschen. In der Küche steht die Luft. Sie hat vor dem Schlafengehen noch eine geraucht und die Fenster wieder nicht aufgemacht. Ich werfe die Bettwäsche in die Waschmaschine - sein Baby, sein Baby - und schalte sie an. Dann öffne ich das Fenster.

Svenja setzt sich auf den Badewannenrand und lächelt, als sich die himmelblaue Farbe langsam ausbreitet und der herrlich exotische Duft durch die ganze Wohnung zieht. Nur mit Widerwillen steht sie auf und geht in den Flur um die Einkaufstüte aufzuheben und ins Bad zu tragen.
Sie packt drei Dutzend rote Kerzen aus und plaziert sie überall im Bad. Dann entzündet sie jede mit einem Streichholz, bis das Badezimmer vom wärmenden Licht der 36 Kerzen erleuchtet ist.
Für jeden Monat, den sie und Jutta zusammen verbracht haben, für jeden Monat Glück und Liebe, den sie zusammen erlebt haben. Wieder wollen die Tränen sie übermannen, doch als ihr Blick auf ihrem Bauch hängenbleibt, ersterben sie sofort. Eine erneute Welle aus Schmerz und Übelkeit überkommt sie und zwingt sie unter Stöhnen zu Boden. Bilder steigen in ihr auf, die sie nicht sehen und nicht fühlen will, doch sie lassen sich nicht verdrängen. Svenja preßt sich die Hände gegen den Kopf und tritt um sich, als versuche sie einen unsichtbaren Feind zu treffen.

Ich drehe mich um und sehe einen Brief auf dem Küchentisch. Er ist von ihm. "Liebe Maus. Habe einen Anruf erhalten. Ein dringender Auftrag. Melde mich bald telefonisch. Grüße Deine sexy Freundin. PAPS." Wenigstens ist er weg. Ich lege meine Hand auf meinen Bauch und frage ihn, ob schon etwas in ihm wächst. Ein Baby. Eigentlich wollte ich immer Kinder. Ich habe mir zwar nie Gedanken gemacht, wie ich die bekommen sollte - sein Baby! - so jedenfalls auf keinen Fall. Nein. Aber Schwangere sind Heilige für mich. Ich beneide jede Frau, die einen Kinderwagen vor sich herschiebt. SEIN Baby! Abtreibung - das ist Mord. SEIN Baby! Abtreibung ist Mord? Abtreibung ist Mord. Ich lasse mich auf einen Küchenstuhl sinken und spüre schmerzhaft den Mißbrauch der letzten Nacht. Was, wenn ich jetzt schwanger bin? Ich kann es ihr nicht sagen. Sie will sowieso keine Kinder. Und so natürlich erst recht nicht.

Der Schmerz in ihrem Inneren nimmt zu, als wollte sie etwas zerreißen, und Svenja rollt sich ganz klein zusammen und versucht, flach zu atmen. Sie hat aufgehört um sich zu treten und liegt nun ganz still auf den Badezimmerfliesen. Ihre Augen sind weit und starr an die Zimmerdecke gerichtet, während sie auf den Schmerz in ihrem Inneren achtet. Irgend etwas scheint sich darin zu bewegen und gegen ihre Bauchdecke zu klopfen. Svenja entfährt ein entsetzter Schrei und sie preßt mit aller Gewalt die Fäuste gegen ihren Bauch. Langsam läßt der Schmerz nach und nach einer Weile kann sie sich wieder aufrichten.

Ich schließe die Augen. Mein Kopf dröhnt. SEIN Baby. Ich höre ihn lachen. Spüre ihn an Stellen, an denen ich ihn nicht spüren will. Schnell öffne ich sie wieder. Alles tut mir weh. Auch meine Seele. Er hat sie aus mir herausgerissen. Und mir schwarze Saat gelassen. In mir wächst ein Leben, das nicht leben darf.

"Es wird Zeit, ...wird Zeit." murmelt sie mit wildem Blick vor sich hin, als sie erneut in die Einkaufstasche greift und eine Packung Rasierklingen hervorholt. Sie legt sie fast zärtlich auf ein blaues Samthandtuch, das sie extra für diesen Moment gefaltet hat, und läßt die scharfe Klinge wie gebannt im Schein der Kerzen gefährlich glänzen.
Svenja lächelt und schließt die Badezimmertür von innen ab. Dann entkleidet sie sich und nimmt Juttas Bademantel von der Garderobe. Sie drückt ihn fest an sich. Der Geruch von Jutta ist erschreckend real. als hätte sie sie und nicht den Bademantel im Arm. Sie atmet ihn tief ein, und nun kann sie ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. "Es tut mir leid. Ich liebe dich.", und sie hängt den Mantel wieder sorgfältig zurück. Streicht noch einmal liebevoll über den weichen Frotteestoff und dreht sich dann entschlossen um.

Auf einmal klärt sich alles. Meine Kopfschmerzen verfliegen und nur ein Gedanke schleicht sich in meinen Kopf. Natürlich. Das ist die Lösung. Ich lächle. SEIN Baby. Alles wird gut. Ein Schmerz zuckt durch meinen Unterleib. Zärtlich lege ich die Hand auf meinen Bauch. Alles wird gut. Ich komme mit dir. Alles wird gut. Schließlich ist es nur meine Schuld. Ich habe ihn doch quasi dazu aufgefordert. Und jetzt muß ich die Konsequenzen tragen. Eine Schlampe muß tun, was eine Schlampe verdient.

Sie steigt in die Wanne und läßt sich in das warme, duftende Wasser gleiten. Sofort überkommt sie ein herrliches Gefühl der Geborgenheit und Ruhe. Eine Zeit lang läßt sie sich so dahintreiben, versucht, ihre Gedanken zu ordnen und sich frei zu machen. Sie schwebt in Erinnerungen. Doch der dunkle Schatten von Schmerz und Schande umschleicht sie wie der Tiger seine Beute.

Jetzt weiß ich, was ich zu tun habe. Meine Gedanken sind ganz klar. Es gibt nur eine Lösung. Ganz offensichtlich. Natürlich, dieser Abschied wird schwer werden. Aber nur so kann ich alles retten. Alles wird gut. Niemand soll wegen meiner Fehler leiden außer mir. Ja, ich werde mich befreien. Mich und alle anderen. Von der Schande, die ich über uns gebracht habe.

Kurz bevor die Wunde wieder aufbrechen kann, greift sie zu der bereitliegenden Rasierklinge, auf der das Licht der Kerzen warnend tanzt. Sie setzt die Klinge der Länge nach an die Ader, schließt die Augen, konzentriert sich auf die Musik und die Wärme und.............SCHNITT.
Der Schmerz ist überwältigend, dauert aber nur Sekunden. Svenja spürt, wie ihr Leben langsam, und dann, immer schneller werdend, aus ihr herauszufließen beginnt. Ein sonderbarer Rausch überkommt sie, und sie fühlt sich schwerelos und benommen. Nichts kann ihr jetzt noch etwas antun, der Schatten kommt nicht mehr an sie heran. Das Ding in ihrem Bauch rebelliert, doch es wird immer schwächer.

Svenja lächelt matt und ihr Kopf rollt auf die Seite. "Im Tod", murmelt sie mit letzter Kraft, "läßt man alle Tränen hinter sich."



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung