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Liebe

Sie tanzte, leicht wie eine Feder, die der Wind geküsste hatte. Mit geschlossenen Augen und einem wunderschönen Lächeln in ihrem strahlenden Gesicht. Das Glück hatte sie gefunden und hatte sie wach geküsst. Er hatte sie wach geküsst. Sie hätte weinen mögen, lachen, ihr Glück hinaus rufen und schweigen gleichzeitig. Das Gefühl in sich aufsaugen, wie ein durstiger Schwamm. Es umarmen, es nie wieder loslassen.

Sie spürte seinen Kuss in ihrem Nacken, empfand die Wege nach, die seine Zungenspitze auf ihrer Haut hinterlassen hatte. Und sie tanzte. Leicht und beschwingt, getragen vom Glück, das sie gefunden hatte. Er hatte sie gefunden. Und es war ein langer Weg gewesen. Ein sehr langer Weg. Fast schon hatten sie beide daran gezweifelt, dass sie jemals diesen Weg finden würden. Dass sie ihn jemals beschreiten würden. Aber sie hatten ihn begangen, lange und steinig war er gewesen, voller Dornen und undurchdringlich scheinender Büsche. Doch sie hatten nicht aufgegeben. Denn sie wollten endlich Heimat spüren. Und dann waren sie angekommen. Angekommen – in dem Augenblick, als er vor ihrer Tür stand und sie ihm öffnete. Angekommen und das wussten sie genau in dem Moment, in dem sie sich in die Augen blickten. Sie war zu Hause. Sie war erwacht. Sie hatte sein Herz gespürt und es gewusst. Sie waren angekommen. Keine unstillbare Sehnsucht mehr, kein Gefühl der Einsamkeit.

Es war so einfach. Ein Blick nur hatte genügt und sie hatten gewusst, dass der mühsame Weg, der so voller Gefahren und Ängste gewesen war, sich gelohnt hatte. Alles, was sie sich je gewünscht hatten, stand vor ihnen. Vereinigt in einer Person. So dumm waren sie gewesen, ihr ganzes Leben lang. So blind. Und so einsam. Und jetzt hatten sie gefunden, waren endlich angekommen.

Er nahm ihre Hand, legte sie auf seine Brust und sie konnte sein Herz schlagen spüren. Spüren, dass es von jetzt an nur noch für sie schlagen würde. Egal, welche Hindernisse noch kommen würden, egal welche schlechten Dinge ihnen auf ihrem gemeinsamen Weg noch widerfahren würden – sie würden sie gemeinsam durchstehen, sie würden sie nie mehr loslassen. Sie waren angekommen, hatten ihre Heimat gefunden.

Das war Liebe. Nichts von dem, was sie vorher gefühlt hatten, war dem was sie jetzt spürten ähnlich gewesen. Unendliches Vertrauen, sich verlieren im Anderen. Alles sagen und das ohne auch nur ein Wort laut aussprechen zu müssen. Sich einfach gegenseitig festhalten. Und leben. Auch wenn es sicher nicht immer einfach würde. Auch wenn sie sicher auch schwere Zeiten haben würden. Aber sie würden sich nie mehr verlieren. Selbst wenn sie getrennt werden würden, so würden sie den anderen nie verlieren. Denn sie hatten sich ineinander gefunden. Waren angekommen, hatte Heimat erlebt. Und so was kann man nicht wieder verlieren. So ein Gefühl behält man immer im Herzen, egal was passiert.

Er würde wieder kommen. Sie würde zu ihm fahren. Sie würden ganz langsam aufeinander zu gehen und der Leidenschaft Platz zum atmen gönnen. Sie wusste es. Und sie wusste, dass er genau mit dem gleichen Gefühl im Herzen auf dem Heimweg war. Sie spürte ihn. Und würde ihn immer spüren. Denn sie waren eins.

Das war Heimat. Das war das zu Hause für die Seele, die Heimat für das Herz. Das war der Platz zum Ausruhen. Das war der Kuss, der einen ins Leben rief. Das war die Sehnsucht, die ihnen immer so unstillbar erschienen war.

Das war Liebe.
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Begegnungen

Er betrachtete sein Gegenüber. Was hatte er nur jemals attraktiv an Ihm gefunden? Wie hatte er sich nur in Ihn verlieben können? Hatte sein ganzes Leben auf Ihn ausgerichtet. Auf Ihn, der ihm jetzt in schwarz gewandet gegenüber saß und ihn mit leeren Augen anblickte.

Was hatte er Ihn immer hochgejubelt, was hatte er alles getan, um mit Ihm zusammen sein zu können. Hatte seiner Familie abgeschworen, die ihn vor Ihm warnten. Er erinnerte sich noch heute an die hysterische Stimme seiner Mutter, die mahnenden Blicke des Vaters und den sorgenvollen Blick, mit dem sie ihn bedachten, wenn sie sich unbeobachtet fühlten. Schnell hatte er auch heraus gefunden, welche seine wahren Freunde waren. Die hielten zu ihm, glaubten an das was er sagte. Die anderen, pah, die waren doch nur neidisch auf ihn. Weil er sein Leben selbst bestimmte. Weil er wußte, was er wollte. Und weil er seiner Sehnsucht freien Lauf ließ.

Die Schule wurde nebensächlich, wozu lernen, er wußte doch schon alles, was er wissen mußte. Er traf sich lieber mit seinen Freunden und lebte nach seiner Philosophie. Für Ihn, seine einzige und wahre Liebe, opferte er alles, was ihm einmal wichtig gewesen war. Die guten Noten – er wollte einmal Architekt werden – die Liebe seiner Eltern, seine Freunde, die ihn schon seit frühester Kindheit begleiteten. Alles steckte er in die Beziehung zu Ihm.

Und jetzt blickte er Ihn an und verstand sich selbst nicht mehr. Was hatte er sich nur all die Jahre gedacht? Warum hatte er sein Leben weggeworfen – für Ihn? Er musterte die Gestalt, die ihn unverwandt anblickte. Leere, wasserblaue Augen, schwarzes, schütteres Haar, schulterlang. Schwarze Jeans, ausgebeult vom vielen Tragen, ein ausgewaschenes schwarzes T-Shirt. Die Nägel akkurat geschnitten, keine Ringe an den Fingern. Auch sonst kein Schmuck, nicht einmal ein Ohrring oder ein Kreuz um den Hals. Sein Gesicht, ausdruckslos und blaß. Er saß nur da und wartete. Er sprach nicht mit ihm, saß nur unbewegt da und beobachtete.

So hatte er sich das nicht vorgestellt. In seinen Träumen war Er größer gewesen, nicht so ein Durchschnittstyp. Hatte Silberringe getragen und ein großes Kreuz um den Hals. Er hatte auch keine Jeans oder ein T-Shirt getragen sondern einen Umhang oder jedenfalls so etwas ähnliches und schwarze, lange Fingernägel hatte er gehabt.

Seine Freude, mit denen er jetzt immer rumhing, hatten Ihn genauso beschrieben. Auch sie waren Seine Fans, huldigten Ihm mit allem was sie taten. Zwischen ihnen gab es keine Konkurrenz, sie alle hatten nur ein Ziel: mit Ihm zusammen zu sein. Manche seiner Freunde waren schon seit Jahren hinter Ihm her, andere huldigten Ihm erst seit kurzer Zeit. Sie liebten Ihn genau wie er und sie trafen sich oft um gemeinsam darüber nachzudenken, wie man am schnellsten und besten zu Ihm kommen konnte.

Immer wieder gab die eine oder den anderen, die es schafften, dann kamen die anderen zusammen, um sich Geschichten darüber zu erzählen und in Träumen zu schwelgen. Ein bißchen Neid, aber vor allem Bewunderung konnte man dann heraus hören. Neid, weil die anderen es vor einem selbst geschafft hatten, doch aber auch Bewunderung dafür, daß sie es geschafft hatten.

Es gab viele Wege, mit Ihm zusammen zu kommen, doch manchmal funktionierte es auch nicht. Einige seiner Freunde berichteten von Begegnungen mit Ihm und waren sehr enttäuscht, manche sogar so sehr, daß sie der Gemeinschaft abschworen und in ihr altes Leben zurückkehrten. Andere berichteten mit Begeisterung von der Begegnung mit Ihm und erzählten von Ihm in den schillerndsten Farben.

Wenn er Ihn jetzt so ansah, verstand er die, die enttäuscht gewesen waren nur zu gut. Er befand sich mit Ihm im gleichen Zimmer, doch alles was er fühlen konnte, war die Kälte, die Er verströmte. Er fragte sich, ob sein Gegenüber die Angst riechen konnte, die ihm aus allen Poren kroch. Jahrelang hatte er darauf hin gearbeitet, diesen Moment erleben zu dürfen. Hatte seinen Körper geschunden und war schon ein paar mal kurz davor gewesen, Ihn zu treffen. Und jetzt, wo es endlich soweit war, wollte er nur noch eines – weg von hier und das so schnell wie möglich.

Der Andere betrachtete ihn wie eine Katze die Maus, nachdem sie lange genug mit ihr gespielt hatte und sich nun überlegte, ob sie sie laufen lassen oder ihr den Garaus machen sollte. Kein bißchen Interesse lag in Seinem Blick. Wenn wenigstens Er sich über sein Kommen gefreut hätte, ihn mit offenen Armen begrüßt hätte. Doch Er war so passiv, so desinteressiert.

Er drehte den Kopf weg und dachte wieder über sein Leben nach. Über das, was er daraus hätte machen können und über das, was er schließlich damit getan hatte. Wie hatte es nur soweit mit ihm kommen können? Wie hatte er sich nur in dieses Trugbild verlieben können? Was war geschehen, daß er dem Leben, wie er es kannte abschwor um Ihm zu dienen. Ihm, diesem Dämon, der jetzt neben seinem Bett saß und darauf wartete, daß seine Zeit kam. Tränen liefen ihm über das Gesicht bei dem Gedanken an seine Familie, die alles für ihn getan hatte und die er doch nur enttäuscht hatte. Er schenkte seiner Zukunft einen letzten Traum, dann endlich folgte sein Geist dem Tod aus dem Zimmer.
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Das Wunder der Geburt

Langsam zog sie sich aus. Wunderbare lange Beine und ein praller fester Busen kamen zum Vorschein. Ich war schon ganz feucht und wollte sie gerade küssen als es plötzlich klingelte.

Ich schreckte hoch. Aus der Traum. Jetzt hämmerte jemand an die Tür. Ich zog meinen Bademantel an und lief die Treppe hinunter, machte die Tür auf und hatte fast eine Faust im Gesicht hängen, weil Friedhelm just in diesem Moment wieder „klopfen“ wollte. „Beate, schnell, es ist soweit! Sie liegt schon! Komm, komm, beeil dich!“ Draußen regnete es in Strömen. Also schlüpfte ich in die Gummistiefel und rannte in Baby-Doll und Bademantel zum Nachbarhaus.

Da sah ich Sabine. Sie lag auf dem Boden und schrie vor Schmerz. Ich kniete mich neben sie. Gott sei Dank hatte Friedhelm an meine Tasche gedacht. Vollkommen aufgelöst und kalkweiß lehnte er sich an die Wand und beobachtete, wie ich Sabine mit dem Stethoskop abhörte.

Friedhelm hatte mich wirklich keine Sekunde zu früh geweckt. Der Muttermund war weit offen und die Pausen zwischen den Wehen waren kaum noch meßbar. Das Fruchtwasser war natürlich auch schon längst abgegangen und Sabine lag in einer blutigen, schleimigen Lache. Wieder schrie sie auf vor Schmerz. Ich versuchte sie zu beruhigen. Doch zum Dank dafür probierte sie nur nach mir zu treten.

Das war eindeutig eine Preßwehe, denn jetzt konnte man das Kleine schon sehen. Doch, oh Graus, es kam in der Steißlage, so daß jetzt ein kleines Beinchen zwischen Sabines Schenkeln hervorlugte. Ich fing an zu schwitzen. Sabine schrie und wieder kam ein Bein. Alles war voller Blut. Entsetzlich! Ich gab Sabine eine leichte Beruhigungsspritze. Friedhelm brachte eine Schüssel heißes Wasser und genug Handtücher, um eine ganze Garnison zu versorgen.

Ich tauchte meine Hände ins Wasser und fing an zu fluchen. Gott, war das heiß! Trotzdem, jetzt hieß es keine Zeit verlieren. Ich schrubbte und schrubbte und war gerade rechtzeitig zur nächsten Preßwehe fertig.

Jetzt kam der unappetitliche Teil. Doch es mußte sein. Allein würde Sabine es nie schaffen. Ich bat Friedhelm, ihr die Beine auseinander zu halten und dann griff ich zu. Tief hinein, bis zum Oberarm steckte ich drin. Und dann begann ich zu ziehen. Und rutschte ab. Das tut gut, wenn man mit voller Wucht aufs Steißbein fällt. Aber langsam kam auch der Rest des kleinen zum Vorschein. Eine Wehe, einmal ziehen noch und wir hatten es geschafft. Wieder tauchte ich meinen Arm tief in sie hinein und dann, mit der nächsten Wehe, war es tatsächlich vorbei.

Ich durchschnitt die Nabelschnur und Sabine fing an, es abzuschlecken. Es war wirklich süß. Braun-weiß gefleckt, mit großen Augen und einem kleinen Puschelschwänzchen.

Und ich war über und über mit Blut bedeckt und vollkommen erledigt. Jetzt würde ich ersteinmal heiß duschen und dann würden Friedhelm und ich mit einem Selbstgebrannten auf das neue Kalb anstoßen.
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An der Haltestelle

Er fing den Duft ihres Parfums mit den Härchen in seiner Nase auf, leitete ihn zum Gehirn weiter, welches sofort in Flammen stand. Sein Herzschlag beschleunigte sich und ein winziger Tropfen Schweiß suchte sich seinen Weg von seiner Schläfe über seine Wange bis hin zum Kinn, wo er leise und fast unbemerkt abperlte um dann mit einem kaum hörbaren „Pling“ auf seinem Schuh zu landen.

Ihr Haar kitzelte sanft die Beuge seines Halses und verströmte dabei ein zartes Aroma von Pfirsich. Er konnte trotz gut gefütterten Mantels die Wärme ihres Körpers spüren und der feuchte Hauch ihres Atems stieg ihm ins Gesicht. Ein Auto fuhr vorbei und im Schrecken preßte sie sich an ihn, so daß er die Rundungen ihres Körpers wahrnehmen konnte. Er erkannte, daß ihre Gestalt jung und fest und an den richtigen Stellen weich gepolstert war. Er konnte kaum vermeiden, seine Hände auf ihren Körper zu legen, sein Hals wurde trocken und das Schlucken fiel ihm schwer. Sie war so süß wie Honig und während er davon zu träumen begann, daß dieses rothaarige Mädchen, dieses blonde Wunder der Natur, diese Brünette Schönheit sich ihm zuwandte um ihn zu küssen, drehte sie sich zu ihm hin und meinte: „Hey, Alter, bist Du blind oder was? Du stehst voll auf meinem Fuß!“.
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Geschlechterkampf

Mit zusammengekniffenen Augen steht er vor ihr, betrachtet unverhohlen, kritisch ihren Körper. Schätzt sie ab, richtet über sie. Der Schweiß läuft aus seinen Poren, kleine Tröpfchen hängen in dem Flaum über seinem Mund.

Sie bleibt still, unbeweglich. Versucht, seinem Blick standzuhalten. Ertappt sich dabei, wie ihr Blick schamvoll auf den Boden wandert. Doch sie will keine Schwäche zeigen, Diesmal nicht und nie wieder. Sie hebt den Blick, sieht in an und widersteht dem Drang, aufzugeben, Schwäche zu zeigen. Dies ist kein Spiel, es ist ein Kampf. Ein Kampf, den sie schon zu oft verloren hat. Hier geht es nicht einfach nur um den nächsten Tanz, um ein bißchen Spaß. Es geht um Ablehnung und Anerkennung. Um Beliebtheit und Stolz, darum, ob man jemand ist oder ob man nie jemand sein wird.

Das gleißende Licht der Scheinwerfer sticht in ihren Augen, die ohnehin schon rot vom Rauch der Zigaretten. Das Hämmern in den Lautsprechern über ihr scheint unerträglich. Sie versucht, ihren Blick abwertend über seinen athletischen Körper wandern zu lassen. Möchte den Anschein erwecken, genauso cool, genauso berechnend zu sein.

In der Ecke stehen seine Kumpels, eine Gruppe von kichernden Hyänen, die nur auf ihren Abgang warten. Hier geht es nicht um ihn und sie. Hier geht es um die ewige Frage, wer siegt über wen.

Wie oft hat sie schon von dieser Szene geträumt. Doch in ihren Träumen war alles anders gelaufen. Ohne Probleme. Er war bewundernden Blickes und aufrechten Hauptes, den Blick der Freunde im Nacken, auf sie zugekommen, sie hatten getanzt, sich geküßt, Scheiß auf die Meinung der anderen.

In seinen Träumen sah er sie vor sich stehen. Eine lichte Gestalt mit wehendem Haar. Die Blicke seiner Freunde waren neidisch, verwundert, wenn er sie dann auf die Tanzfläche führte und ihr dort seine Liebe gestand.

Doch die Realität sah anders aus. Die wenigen Sekunden, die sie sich jetzt gegenüber standen, schienen wie Stunden. Wartende, abschätzende, neugierige Blicke der anderen, ließen keinen Platz für Schwäche. Hier war eine Schlacht zu gewinnen, er oder sie. Gefühle waren hier nicht gefragt. Wie Gegner standen sie einander gegenüber, die Frage war nur, wer zuerst zieht.

„Willst du tanzen?“, seine Frage kommt unfreundlich, mehr wie eine Drohung. In ihrem Kopf dreht sich alles. Frühere Ablehnung, die Witze, die über sie gemacht wurden, laute Musik, schaler Geschmack, zu oft verarscht. „Nein, danke!“ zischt sie ihre Antwort, obwohl sie sich doch so danach sehnt. „Ich auch nicht!“ sein vernichtender Stoß, er dreht sich auf dem Absatz um, zurück zur wartenden Meute.Doch im Licht betrachtet ist sein Siegerlächeln kläglich, verkneift er sich wehmütig den Blick zurück, zur Frau seiner Träume, blickt nur nach vorn zu den anderen seiner Art.
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Geschlechterkampf - Part II -

Nun war es wieder soweit. Die Sonne hatte sich zurückgezogen und der Nacht Platz gemacht. Die Menschen eilten durch die dunklen Straßen um dem Geist der Angst zu entfliehen und sich in die Geborgenheit des eigenen Heims zurückzuziehen. Nur ein paar wenige lauerten darauf, endlich aus ihrem Zwei-Zimmer-Küche-Bad-Gefängnis zu entkommen. Den Alltagstrott hinter sich zu lassen und zu sein, wer man wirklich war. Menschen zu treffen, die das gleiche fühlten und einem selbst doch absolut nichts bedeuteten. Fremde kennen zu lernen, das nächtliche Schicksal mit ihnen zu teilen um am Morgen darauf bereits ihre Namen wieder zu vergessen. Alle waren sie auf der Suche nach dem einen, mit dem sie ein idyllisches Vater-Mutter-Kind-und-Hund aufbauen konnten. Und doch liebten sie die Anonymität, die ihnen gestattete, sich nur so weit zu öffnen wie es nötig war, um einen Partner für die Nacht zu finden.
Sie war eine von ihnen. Zu alt, um noch allein zu sein, zu jung um sich schon fest zu binden. Die Sehnsucht in ihrem Herz war der Angst vor Offenbarung gewichen. In dieser kalten namenlosen Welt gab keiner von sich Preis was er im Innern trug. Den Schein wahren, sich nicht zu sehr von den anderen gesichtlosen Menschen unterscheiden, in der Menge unerkannt untergehen und unbehelligt sein tristes Dasein fristen. Nur keine Extratouren, immer schön angepasst. Die innere Stimme längst verstummt wartete man von Tag zu Tag, dass das Leben von sich aus eine Änderung brachte. Und im Schutz der Dunkelheit, in der Geborgenheit der Nacht, wenn alle Katzen grau und alle Menschen gleich waren, versuchte man sein Glück erneut.

Auch er war einer von jenen, die zu große Furcht vor den eigenen Gedanken, vor unabhängigen Schritten hatte. Er hatte einen Job, der ihm nicht gefiel, fuhr ein Auto, das er sich nicht leisten konnte und machte Urlaub auf einer Insel von der er nur einen winzigen, recht alkoholreichen Abschnitt kannte und deren Besucher er im Grunde gar nicht mochte. Er trug die Kleidung, die seine Stellung von ihm verlangte, trank am Wochenende Bier mit Kumpels, die nicht die geringste Ahnung von seinen Träumen, Wünschen und Vorstellungen hatten. Prahlte dabei von den Weibern, die er gehabt hatte und die ihm, was er natürlich nicht erzählte, das Herz gebrochen hatten, weil sie nicht bei ihm blieben. Er war der Coole, der Aufreißer. Liebe – das interessierte ihn nicht. Doch in seinem tiefsten Innern, seiner unbekannten Seele, träumte er von Ehe und Kindern. Einem Heim, das den Namen wirklich verdiente. Einem zu Hause, zu dem es sich lohnte, jeden Abend wieder zurück zu kommen. Phantasien von einer Arbeit, die ihm Freude bereitete, zu der er ohne Zwang erschien. Von ruhigen Urlauben, bei denen man mehr sah, als nur den Boden eines Sangriakübels und Bierleichen am Strand.

Nun war es also wieder soweit. Wieder ein Freitagabend. Wieder eine Chance, sich unglücklich zu verlieben. Wieder einmal die Möglichkeit, eine Frau kennen zu lernen, die am nächsten Morgen einfach verschwand. Missmutig strich er sein Hemd glatt. Was sollte er da? War er nicht schon viel zu alt für so einen Unsinn? Längst schon hatte er eine Anzeige aufgeben wollen – Frau fürs Leben gesucht, nur ernst gemeinte Zuschriften – doch er war ja keiner dieser Loser, die so etwas nötig hatten.

Sie stand vor dem Spiegel und zog sich den Lidstrich nach, überprüfte noch mal den Sitz ihrer Haare. Im Nebenzimmer hörte sie die Freundinnen kichern, der Prosecco war fast leer, der Abend konnte beginnen. Doch wozu das alles? Nur um wieder einmal einen Mann zu treffen, der nur das eine wollte? Einen, der auf ihre mühsam erhungerte Figur sah und sich dachte, mit der könnte es ganz nett werden? Wozu das alles? Keiner dieser Männer war doch so, wie sie erhoffte. Keiner von denen wollte eine ernsthafte Beziehung, von Ehe und Kindern ganz zu schweigen. Denen ging es doch nur darum, wieder eine Story für die Kumpels parat zu haben. Befriedigung für eine Nacht und eine neue Nummer auf der Liste.

Er blickte ein letztes Mal in den Spiegel, dann hörte er auch schon das wohlbekannte Hupen eines BMW Cabrios, das ihn zu diesem grauenhaft lauten Ort bringen sollte, wo die Drinks überteuert und die Mädchen zu dick geschminkt waren.

Sie hörte ihre Freundinnen nach ihr rufen, es sollte endlich los gehen. Ab in die Disco, wo das Flackern der Lichter dafür sorgte, das man erst im Licht des nächsten Morgens erkannte, mit wem man das Bett geteilt hatte. Wenn sich dann herausstellte, das er nicht 27 sondern schon 42 war. Und das seine Luxusvilla auch nur eines dieser Singleappartements war, das sie selbst bewohnte. Wenn er dann feststellte, dass ihr Busen vor dem Ausziehen irgendwie größer gewesen war und sie beide merkten, das es das dann wohl gewesen war. Tschüss, war ganz nett, mach’s gut, ich ruf dich an.

Er konnte das Dröhnen der Bassboxen schon von weitem hören. Jetzt war es wieder soweit. Wieder lag eine Nacht der Enttäuschung vor ihm. Wieder ein Mädchen, dass versuchte, jemand anderes zu sein. Unglücklich schlank, da immer aller Versuchung widerstehend. Frustriert, weil sie nicht sie selbst sein konnte. Viel zu laut, um die leisen Töne, die doch so wichtig wären, gekonnt zu überspielen.
Sie sah schon die Tussis, aufgetakelt und zurecht gemacht wie die Models in den Zeitschriften, die sie nur kaufte, weil alle anderen es taten. Nie wirkten diese Schönheitstipps bei ihr, nie sah sie so jung und frisch und knackig aus. Bekämpfte mit allen Mitteln Orangenhaut und Falten und fühlte sich doch wie ein hässliches Entlein, wenn sie sich mit all den anderen, so wunderschönen, schlanken und perfekt gekleideten Frauen verglich. Das Leben war ein Kampf, nur die Beste gewann die Gunst der Männer, um deren Gunst es sich zu werben lohnte.

Er zahlte den horrenden Eintrittspreis und versuchte, nicht darüber nachzudenken, wie weit sich sein Konto schon wieder im Minus befand. Dachte an die teure Anlage, die ungenutzt sein Auto zierte. Alle hatten sich so eine einbauen lassen, was machte es da für einen Unterschied, dass er gar nicht so gerne laute Musik hörte und die Fahrt ins Geschäft sowieso nur 10 Minuten dauerte.

Sie blickte sich um und versuchte im gleichmäßigen Zucken der Lichter bekannte Gesichter zu entdecken. Nicht um diesen dann freudig entgegen zu gehen und mal wieder zu plaudern. Sie wollte nur der Peinlichkeit eines Wiedersehens aus dem Weg gehen. Solche unangenehmen Wortwechsel zu vermeiden, wo es darum ging, sich irgendwie zu rechtfertigen, dass man sich nicht mehr gemeldet hatte und dem anderen gegenüber aber das Gefühl zu vermitteln, dass man selbst nicht auf einen Anruf gewartet hatte.

Unvermeidliche Augenblicke, denen sie am liebsten aus dem Weg gehen würde.
Doch da erblickte sie ihn. Wieder dieser Typ, der sich für unwiderstehlich hielt. Der Unberührbare, der cool an die Wand gelehnt sein Bier trank und die Leute um ihn herum abschätzend beobachtete. Das braune Haar gelgestylt zurückgekämmt, das sorgsam gebügelte Polohemd ordentlich zurechtgezupft, kein Millimeter zu weit aus der wie neu wirkenden Jeans gezogen. Alles farblich aufeinander abgestimmt, als wäre er einem Männermagazin entsprungen.
Da stand sie wieder, blickte ihn unverwandt an, taxierte ihn mit ihrem abweisenden Blick um schließlich zu dem Ergebnis zu kommen, er sei zu groß, zu alt oder einfach zu unansehnlich. Wie gerne würde er sie ansprechen. Hatte er doch trotz allem das Gefühl, das hinter dieser wohlgeformten, nichtssagenden Maske dieses aufgemotzten Girlies noch mehr steckte, als nur der Wunsch, einen Typen zu treffen, der ihren Lebensstil finanzierte.
Sollte sie es wagen? Sollte sie ihr Glück versuchen und einmal etwas vollkommen Außergewöhnliches tun? Sollte sie ihre sogenannten Freundinnen in Erstaunen versetzen und es riskieren, einen Korb zu kassieren? Sollte sie tatsächlich einmal in ihrem Leben auf die Meinung der Anderen pfeifen und einfach einmal sie selbst sein? Revolutionär und gar nicht ängstlich? Selbstbewusst und voller Kraft? Sie atmete tief durch. Jetzt oder nie. Wenn sie jetzt nicht den Teufelskreis durchbrach würde sie wieder wie alle gesichtslos in der Menge verschwinden ohne jemals gelebt zu haben.

Was dachte sie wohl über ihn? Hielt sie ihn für einen angeberischen Schnösel oder überlegte sie wohl gerade, wie viel er im Monat nach Hause brachte? Er konnte die Spannung, die zwischen ihnen beiden aufkam, schon fast mit Händen greifen und die Härchen in seinem Nacken stellten sich auf, als ihm vor lauter Anspannung ein kalter Schauer über den Rücken lief. Zu gern würde er auf sie zu gehen. Sie ansprechen, sie wirklich kennen lernen. Keine Floskeln über das Wetter und irgendwelche uninteressanten Aktienkurse. Ein richtiges Gespräch, von Mensch zu Mensch, ein Gespräch, bei dem man mehr von sich Preis gab, als Alter und Wissensstand.

Ihre Hand verkrampfte sich um das Glas, in dem entgegen ihrer sonstigen Gewohnheiten pures Cola war. Die Kälte des Getränks verursachte Wasserperlen auf der Außenseite des Glases und sie spürte die Flüssigkeit an ihren Fingern. Ein Schritt nur. Ein Schritt nach vorn, dann gäbe es kein zurück mehr. Sein Blick ließ sie schaudern, was dachte er wohl über sie? Überlegte er wohl gerade, ob ihre Brüste echt waren? Oder dachte er darüber nach, was es ihn wohl wieder kosten würde, wenn er sie einlud? Sie musste es herausfinden. Jetzt oder nie, die Zeit war gekommen.

Mechanisch nahm er einen Schluck aus seinem Glas, doch das abgestandene Bier konnte den Kloß in seinem Hals nicht auslöschen. Er spürte, das seine Hände zitterten, als er das Glas hob. Konnte sie das sehen? Nahm sie seine Anspannung wahr? Wollte sie seinen Schwachpunkt ausnutzen und überlegte sie schon, wie sie ihn wohl abblitzen lassen konnte? Der Schweiß lief ihm in kleinen Tropfen über den Rücken und sein Herz schlug hart gegen seine Brust. Was war das nur? Wieso hatte er soviel Angst, auf sie, die er schon so oft gesehen und nie angesprochen hatte, zuzugehen?

Sie wagte es. Schwer hob sich ihr Fuß vom klebrigen Boden und trug ihren bebenden Körper einen Schritt auf ihn zu. Es war vollbracht. Sie hatte es getan und nun gab es kein zurück mehr. Nur noch ein kleines und doch unendliches langes Stück und sie stand direkt vor ihm. Konnte sehen, wie er schwitze und wie sein linkes Augenlid zuckte. War er etwa nervös? Suchte er nach einer Ausrede, nicht mit ihr sprechen zu müssen?

Er konnte es kaum glauben. Sie war nicht wieder weggelaufen, hatte sich nicht wieder umgedreht und einem anderen ihren Gunst geschenkt. Sie hatte das Unglaubliche getan und war auf ihn zugekommen! Nun konnte er nur noch hoffe, dass er sich nicht getäuscht hatte. Flehte innerlich, sie möge ihn nicht fragen, ob er ihr einen ausgibt sondern würde einfach ein Gespräch beginnen.
Ihr Mund war trocken, doch jetzt war es zu spät, über Kleinigkeiten nachzudenken. Was sollte sie sagen, wie konnte sie ihn ansprechen ohne dumm zu erscheinen? Sie öffnete die Lippen und alles was sie sagen konnte war „Ha...“, dann blieb ihr das Wort im Halse stecken.

Befreit grinste er sie an. „Genau das wollte ich auch sagen!“ Das Eis war gebrochen. Er war gar nicht so cool, sie gar nicht so unnahbar. Sie waren beide zwei ganz normale Menschen, die sich nur ein bisschen Glück erhofften. Er nahm ihren Arm und führte sie hinaus an die warme Sommerluft. Sie sah ihm tief in die Augen, dann lachten sie beide los. So einfach war das also. Keine Spielchen mehr. Sie ließen sich auf die trockene Wiese fallen, die sich ihr Leben neben dem vollen Parkplatz bewahrt hatte und fingen an zu reden. Und als am Morgen die Sonne aufging, war ihnen klar, dass ab jetzt alles anders war.
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Die Nachbarin

Da steht sie wieder. Jede Nacht sehe ich sie. Wie sie einsam aus dem Fenster sieht. Egal, wann ich nachsehe, sobald es dunkel ist kann ich sicher sein, sie ist da.

Tagsüber habe ich sie schon lange nicht mehr gesehen. Das letzte Mal war glaube ich so ungefähr vor einem Jahr. Da traf ich sie beim Bäcker, die blaugeschwollenen Augen mühsam unter der Sonnenbrille versteckt. Ihre mageren Arme übersät mit Flecken aller Farbschattierungen. Und nicht nur das. Obwohl sie alles unter einem viel zu großen Shirt zu verbergen suchte, sah ich deutlich auch die Brandspuren, die seine Zigaretten in ihrer zarten Haut hinterlassen hatten.

Ich sprach sie an. Wollte ihr meine Hilfe anbieten. Lud sie auf einen Kaffee ein, um sie zum Bleiben zu überreden. Doch sie lächelte nur scheu und nahm Reißaus. Abends stand dann mal wieder der Krankenwagen vor der Tür. Er war erst zwei Wochen zuvor aus der Haftanstalt zurückgekehrt. Und schon war sie wieder sein Opfer geworden.

Diesmal sah es schlimm aus. Er hatte sie geschlagen und gewürgt und dann war sie bewußtlos mit dem Kopf auf den Rand des Küchentischs aufgeschlagen. Keiner wußte, ob sie die Nacht überleben würde. Ich ging ins Krankenhaus, doch sie schickten mich weg. Nur die Familie durfte sie sehen. Was für eine Ironie des Schicksals, bestand ihre Familie doch nur noch aus dem Mann, der sie mit seinen Gewaltattacken hierher gebracht hatte.

Dann waren sie für einige Zeit verschwunden. Es hieß, sie sei in Kur geschickt worden. Mit ihm! So eine Art Partnertherapie. Was für ein Hohn. Natürlich, beide benötigten eine Therapie. Aber bestimmt nicht zusammen. Sie war ein Opfer. Er ein Täter. Und sie ließen ihn nicht nur auf freiem Fuße, nein, sie sorgten auch noch dafür, daß er in ihrer direkten Nähe war.

Daß sie wieder da war, bemerkte ich zuerst gar nicht. Erst, als ich eines nachts den Rolladen meines Schlafzimmerfensters schließen wollte, sah ich die zierliche Gestalt am Fenster gegenüber. Reglos stand sie im geöffneten Fenster und starrte in die Nacht. Ich winkte ihr doch sie reagierte nicht.

An den darauffolgenden Tagen versuchte ich, sie zu erreichen. Klingelte bei ihr, rief sie an, warf ihr Nachrichten in den Briefkasten. Doch keine Resonanz. Auch nach ihm hielt ich Ausschau. Wußte ich doch, daß er diesmal ohne Strafe davongekommen war. Doch nichts, er blieb verschwunden.

Bis heute gibt es keine Spur von ihm. Und jeden Abend steht sie am Fenster und blickt in die Nacht. Mit einem unendlich traurigen, wissenden Lächeln.
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Nur ein Traum?

Als sie die Augen öffnete war es dunkel um sie. Sie versuchte, sich umzusehen, eine Lichtquelle zu entdecken, doch nur Schwärze umgab sie. Ihr Kopf schmerzte und ihr war schlecht. Sie wollte aufstehen, um die Umgebung tastend zu erforschen, doch es gelang ihr nicht. Ihre Muskeln reagierten nicht auf die Befehle, die ihr Gehirn an sie versendete. Sie versuchte sich zu erinnern, was passiert war. Wie lange lag sie schon hier? Gedankenfetzen zogen an ihr vorüber wie Wolken am Himmel. Sie und ihre Freundinnen, dann sie allein. Eine Bar, Alkohol. Das würde die Kopfschmerzen erklären, dachte sie. Wieder ihre Freundinnen. Erschreckte Gesichter. Ein Mann. Sie erinnerte sich an diesen Mann. Er hatte sie von der U-Bahnstation aus verfolgt. War er schon in der Bar gewesen? Ihr wurde plötzlich sehr kalt.

Als sie wieder erwachte, ging es ihrem Kopf schon etwas besser, doch bewegen konnte sie sich noch immer nicht. Einzig der kleine Finger ihrer rechten Hand schien ihr zu gehorchen. Doch mit ihm konnte sie nur erkennen, was sie ohnehin schon ahnte: sie lag auf etwas Weichem – einem Bett? – und dieses Bett schien direkt an der Wand zu stehen, denn sie spürte einen Widerstand. Sie versuchte, nachzudenken um herauszufinden, wo sie war und warum sie hier war. Wieder sah sie die Bar, es war ein lustiger Abend. Ihre Freundinnen und sie saßen am Tresen und machten sich beim Genuß einiger Cocktails über die Männer im allgemeinen und diesen einen schweigsamen Typ, der am Ende des Tresens saß und auf den Boden starrte, lustig. Ein anderes Bild schoß ihr durch den Kopf – diese Typ, direkt hinter ihr, ein plötzlicher Schmerz, dann Stille.

Was hatte er ihr angetan? Wo hatte er sie hingebracht? Sie erinnerte sich an den Geschmack von Blut und an den Geruch von Moder. Ein feuchter Keller, eine stockfleckige, nach altem Urin stinkende Matratze, Holzverschläge. Dann wieder ein Blackout. Das nächste, an das sie sich erinnern konnte, war gequältes Schreien, das langsam in ein Wimmern überging, die Stimme – ihre Stimme – wurde immer leiser und verstummte schließlich ganz. Das Geräusch brechender Knochen, die Erinnerung daran erzeugte eine Gänsehaut. Sein Atem, wie er ihr heiß und feucht in kurzen, heftigen Stößen ins Gesicht blies und dabei den Geruch von Bier und Erdnüssen zu ihr trug. Er roch nach Schweiß und billigem Aftershave. Der Verschluß seiner Uhr hatte ihren Unterarm aufgekratzt. Sie konnte sein Gesicht nicht erkennen. Wieso? Das Aufblitzen einer Nadel in der aufgehenden Sonne, dann Ruhe, die sie wie Watte umgab.

Wo war sie? Das hier war nicht der Keller, unter ihr nicht die alte Matratze. Wie lange war sie schon hier? Wieviel Zeit war seit der Erinnerung im Keller vergangen? Sie nahm den Duft von Blumen war. So kalt und still. Leise und weit entfernt plötzlich Stimmen. War das Musik? Sie wollte schreien. War da jemand? Hilfe! Warum half ihr denn niemand? Kein Laut drang aus ihrem Mund, der wie ausgetrocknet schien. Verzweifelt versuchte sie, sich zu bewegen, die Menschen, die ganz offensichtlich in der Nähe waren, auf sie aufmerksam zu machen. Nichts passierte. Kein Muskel zuckte. Das Herz in ihrer Brust schien von der Anstrengung fast zu bersten und wieder wurde ihr schwarz vor Augen.

Bewegte sie sich? Was war das? Wieso hatte sie das Gefühl, das sich der Raum bewegte? Keine Musik mehr, keine Stimmen, der Duft der Blumen fast unerträglich. Es ratterte und sie spürte Erschütterungen. Dann ging es bergab und plötzlich stoppte es wieder. Hatte sie sich das alles nur eingebildet? Noch immer kam kein Ton über ihre Lippen, ihr Körper gehorchte ihr nicht. Dann wieder Bewegung. Ging es jetzt nach unten? Sie schloß die Augen, versuchte, sich zu konzentrieren, langsam zu Atmen. Wo war sie?

Dann ein Ruck und wieder Stoppen. Der Duft der Blumen wieder schwächer. Roch es jetzt nach Erde? Ein dumpfer Schlag direkt über ihr. Dann ein zweiter und dritter. Und mit einem Mal war ihr bewußt, wo sie war und wissend begann sie hysterisch zu lachen. Ein tonloses Lachen voller Verzweiflung verkrampfte ihren Brustkorb.

Als er die Schaufel mit der Erde über ihrem Sarg leerte, löste sich seine Uhr, deren Armband schon lange kaputt war, von seinem Handgelenk und fiel in die, nach nasser Erde riechende, tiefe Grube um mit einem Schlag auf dem Holz aufzukommen. Er mußte das Lächeln ob dieser Ironie unterdrücken, als er sich zu seinem Bruder umdrehte um ihm sein Beileid auszusprechen.
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Stil-l-eben

Jetzt sitze ich hier. Wohl schon zum hundersten Mal. Ich frage mich, was mich immer wieder an diesen Ort treibt. Doch dann lausche ich. Lausche hinaus in die weite Stille und weiß es eben doch wieder.

Er ist es, der mich hierher zieht. Dieser Bann, der diese Stelle wie ein wabernder Nebel umgibt. Es ist, als würde man eine andere Welt betreten. Nicht unbedingt eine Schönere – das nicht. Doch anders, soviel steht fest. Ich blicke mich um, so wie ich es wohl schon hundert Mal getan habe. Dort der weiße Tisch, auf dem wie immer wohl platziert in der exakten Mitte ein grüner Apfel sein Lebensende fristet. Mein Blick geht weiter, gleitet über das weiße Kamel, dessen Stoff so rein und weiß ist, dass es fast zu leuchten scheint. Seine Höcker sind hoch und fest und ragen zwei Türmen gleich von seinem Rücken auf. Hier vermisst sich die Perfektion der Natur, die Nichts dem Andern ähneln lässt. Zu gleich sind sich die Höcker, hier war ein fabelhafter Diletant am Werk. Doch tut’s der Schönheit insgesamt fast keinen Abbruch, gehört doch dieses eine Stück zu einem ganzen Kunstwerk.

Der Schemel neben ihm wirkt wie ein Anker in dem ganzen Bild. Ein Platz zum Niederlassen, doch der Besucher zögert ob des reinen, unbefleckten Weiß, welches sich ihm als Sitzfläche bietet. Trügerisch ist er, dieser Anker, der ähnlich einem Schiff im ruhigen Hafen liegt.

Doch das ist nicht das ganze Bild, trifft jetzt mein Blick den Spiegel, dessen schneeweißer Rahmen fast wie eine heiße Flamme glänzt. Er ist perfekt und spiegelt alles wider. Und lenkt dabei meinen Blick nach rechts wo auf dem Boden schwer die Truhe steht – natürlich kreideweiß, wie alles andre hier im Bild. Vor ihr auf den lilienweißen Fließen liegt weich der Teppich, dessen langes, schlohweißes Haar mich gleichsam an ein Fell erinnert.

Nun sitze ich hier, auf diesem weißen weichen Sofa, das weißer ist als alles Weiß in diesem wohlbekannten Bild, blicke an die weißen Wände und sauge begierig die Stille in meinen warmen Körper auf. Kein Laut dringt zu mir durch, kein störendes Geräusch zerbricht die Ruhe. Hier kann ich Frieden finden, hier bin ich eines mit mir selbst. Vor lauter Glück rennen tonlos Tränen über meine Wangen, so gerne möchte ich bleiben. Möchte sein, wie dieser Apfel, dessen Haut so undurchdringlich grün und fröhlich. Er ruht in sich selbst, edel und erhaben macht er sich, mit einer Geste nur, diese Welt zum Untertan. Er ist so einzigartig, dass um ihn herum so alles erfuchtsvoll erblasst.

Ich spüre mein Herz, möchte selbst pergamenthaft erscheinen, damit nichts die Perfektion des Raumes stört. Ich bin zu Haus, das weiß ich jetzt, nur hier gehör’ ich her. Doch plötzlich spüre ich, wie etwas an mir reißt und zieht. „Nicht!“ will ich rufen. „Hier ist es doch so schön!“

Doch die grausame Hand lässt mich nicht los, sie gibt nicht auf. Sie zieht und zerrt mich ins wirkliche Leben zurück. „Lasst mich!“ will ich rufen. „Lasst mich hier! Hierher gehöre ich, will nicht zurück in eure Welt!“ Ein kurzer Ruck und ich entschwinde aus dem perfekten Spiegel, der nun wieder für sich selbst erstrahlt.

Ich bin zurück in meiner Welt, die ganz und gar nicht meine ist. Zurück bleibt Wehmut und ein kalter Schmerz, als mich ein Herr in weiß – welch Ironie – behutsam auf die Trage legt.
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Das Wiedersehen

Ihr Herz schlägt schneller, als er um die Ecke kommt. Da ist er, der Mann ihrer schlaflosen Nächte. Sie beschleunigt die Schritte, eilt ihm entgegen und senkt doch im entscheidenden Augenblick den Kopf und rennt an ihm vorbei.

Es war vor fünf Jahren, als sie ihn zum ersten und letzten Mal sah. Seitdem hat sie sich sehr verändert. Ihre Haare sind jetzt länger, wie ein Vorhang hängen sie um ihren Kopf. Und sie hat zugenommen. Viel zugenommen, hat sich von Kleidergröße 38 auf 52 hochgefuttert. Fünf Jahre hat sie ihn nicht gesehen, doch dann im Bus hat sie ihn sofort erkannt. Seine stechenden blauen Augen, die kleine Narbe auf seiner Stirn, den muskulösen Körper und dann diese Stimme.

Er war einfach an ihr vorübergegangen. Hatte nur einen abwertenden Blick auf sie geworfen und sich dann mit seinem Freund weiter unterhalten.

Sie hatte ihn nie vergessen. Keine Sekunde lang. Konnte kaum an etwas anderes denken, lag nachts wach, immer nur ihn im Kopf. Drei Jahre keine Sekunde ohne ihn. Dann endlich schaffte sie es, sich wenigstens tagsüber auf andere Dinge zu konzentrieren. Und auch die Träume wurden langsam weniger.

Bis zu jenem schicksalhaften Tag im Bus, der schlagartig alles Vergessene zurückbrachte. Wochenlang war sie danach mit diesem Bus gefahren, war ihm gefolgt, hatte herausgefunden, wie er hieß, wo er lebte, wo er arbeitete, mit wem er sich traf. Hatte sich monatelang jede seiner Gewohnheiten aufgeschrieben, bis sie ihn in- und auswendig kannte. Bis sie fähig war, ihn zu durchschauen und jeden seiner Schritte vorher zu kennen.

Sie hebt den Kopf und macht kehrt. „Hey, du Schwein“, er dreht sich um, „Kennst du mich noch?“ Erstaunt blickt er sie an. Dann ein Aufflackern des Erkennens in seinem Blick. Schrecken breitet sich auf seinem Gesicht aus, als er die Waffe in ihrer Hand sieht.

„Fünf Jahre Angst, fünf Jahre Schmerz, kein Vergessen möglich“, sagte sie ruhig und mit fester Stimme und geht langsam auf ihn zu, „fünf Jahre ohne Leben“, sie blickt ein letztes Mal in seine Augen, hebt die Waffe und drückt ab.



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