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Er saß in diesem dunklen Raum, nur erleuchtet vom fahlen Schein des Bildschirms, und wartete auf den Kuss der Muse. Doch während er die Tastatur vor sich betrachtete, fühlte sich der Muse Kuss an wie Spinnenbeine auf seinem Rücken. Spinnenbeine, die langsam nach oben wanderten. Er schauderte, konnte er doch auch nicht feststellen, ob es sich bei dem Spinnengefühl wirklich um eine wahrhaftige Spinne handelte. Nicht nur, dass es im Raum viel zu dunkel war, er hatte auch keine Möglichkeit, sich selbst so weit über die Schulter zu sehen, als das er hätte erkennen können, was dieses kribbelnde Gefühl auf seinem Rücken wohl verursachte. Auch einen Spiegel suchte man im kargen Zimmer vergeblich, so dass er auch auf diesem Wege nicht feststellen konnte, welche Art Spinne oder anderes Getier da auf ihm herumkrabbelte. Er schluckte, doch das klamme Gefühl, das sich in seinem Hals als Kloß manifestierte, wollte sich davon nicht beeindrucken lassen.

Er starrte also weiter auf Bildschirm und Tastatur und in seinem Kopf malten sich die schrecklichsten Szenarien aus. Wie beispielsweise eine Riesenspinne, die plötzlich neben seinem rechten Ohr auftauchte und ihn mit ihrem giftigen Biss in seine Schulter betäubte, so dass er zwar noch fühlen, sich aber kein bisschen mehr regen konnte. Und er dann, gelähmt wie er war, jeden einzelnen kleinen Spinnenbiss in seiner Haut, seinem Fleisch, spüren konnte. Erleben konnte, wie sie ihn, Häppchen für Häppchen auffraß. Bis sie genug von ihm hatte und den Rest seines jämmerlichen Fleisches für ihre Brut einpackte. Wieder und wieder um ihn kreiste und ihn mit ihren klebrigen Fäden am Stuhl fixierte und wie der Saft der Fäden ihn langsam zersetzten, so wie sich Rindfleisch zersetzt, wenn man es gut abhängt. Er war nichts weiter als ein Stück Fleisch, so graute es ihm, und sein Schicksal war es, als Spinnenfuttervorratskokon zu enden.

Aber vielleicht war es auch keine Spinne, was er da spürte sondern eine große, mutierte Ameise, die mit ihren Fangkrallen seinen Rücken entlang trippelte bis der Rest ihres Staates kam, hunderte, tausende von Ameisen, eine ganze Armee kleiner Krabbeltiere, die ihn so lange biss, bis ihre Säure ihn erst lähmte und dann tötete, um ihn dann – mühelos – auf ihren winzigen, winzigen Rücken in ihren Hügel zu tragen, als Futter für die Nachkommenschaft.

Wie er es drehte und wendete, am Ende einer jeden Fantasie wurde er gefressen. Mal waren es blutdurstige Ratten, mal tausende gefräßiger Käfer, nie jedoch schaffte er es, zu entkommen, sich zu wehren oder etwas anderes zu sein, als ein Stück Fleisch, Nahrung, die von kleinen Mündern und winzigen Zähnen zerpflückt, zerrissen und zerkaut wurde.

Doch nichts passierte. Keine Spinne, kein Käfer, keine Riesenameise, kein Skorpion, auch keine Ratte, Maus oder ähnliches Getier erschien auf seiner Schulter und auch beim Ertasten auf dem Rücken, das er sich schließlich – aus lethargischer Lähmung erwacht – endlich traute, war kein Tier zu entdecken. Den ganzen Rücken rieb er sich, kratzte, stand auf, um sich gegen die Wand zu drücken, damit egal was es war zerdrückt wurde, doch nichts von alle dem half. Das Spinnenbeingefühl blieb.

Was, wenn es nun in seinem Innern war, wenn ein Insekt bereits von ihm Besitz ergriffen hatte und es sich nun, unter seiner Haut, gemütlich machte und ihn von innen heraus auffraß? Was, wenn er diese Milben unter der Haut hatte, die in ihm brüteten bis seine Haut schließlich aufplatzte und die ganze Brut aus ihm entließ, Millionen mikroskopisch kleiner spinnenartiger Tiere, die aus ihm heraus krabbelten. Oder vielleicht war es gar wie in diesem Film, den er einmal gesehen hatte, und ein Alien nistete in seinem Bauch und würde ihn, beim Versuch, die Welt zu erobern, töten. Oder seinen Geist übernehmen, mit seinen Tentakeln in seinem Gehirn herum manipulieren und dafür sorgen, dass er es war, der tötete. Das Alien im Menschfleischkostüm, das wahllos Mütter, kleine Kinder und auch niedliche kleine Hundebabys niedermetzelte, nur weil es Visionen von der Weltherrschaft hatte.

Möglicherweise, man wusste ja nie, war es auch ein Dämon. Er war besessen und bald würde sich sein Kopf in Windeseile um 360° drehen und dabei alles an Nahrung ausspucken, was er in den letzten Stunden und Tagen so zu sich genommen hatte und er würde über seinem Stuhl schweben und irre lachen und man würde mindestens einen, wenn nicht sogar zwei – man wusste ja nicht, welcher Konfession dieser Dämon angehörte - Pfarrer, Priester oder wie auch immer man diese Teufelsaustreiber nannte, verbrauchen, um ihn wieder zurück auf den Boden der Tatsachen zu bringen. Vielleicht würden sie es sogar mit Voodoo oder anderem Hexenkram versuchen müssen, bevor er wieder der war, der er eigentlich war. Frank Fischer, der Schriftsteller, ganz ohne Alien und Dämon und nicht aufgefressen von einer Horde wild gewordener Spinnen.

Er entschied sich, diesem blöden, juckenden Pickel auf seinem Rücken nicht länger so viel Aufmerksamkeit zu schenken und sich doch endlich an das erste Kapitel seines neuen Romans zu machen. Wenigstens hatte er nun eine Idee für den Titel... Der Kuss der Spinnenfrau.


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La-la Land

Und ich halluziniere mir eine Katze. Mit sehr langen Beinen. Ein Schreckkater. Er steht vor mir auf der Fahrbahn und reißt mich aus meinen Gedanken. Wo war ich gerade? Wo in diesem Universum bin ich gerade gewesen? Ich weiß es nicht. Wie so oft, ich weiß es nicht. Davon geglitten bin ich. Bis mich das Schattenbild einer nicht existenten Katze wieder in die Realität zurück gezogen hat. Da bin ich nun. Ich betätige den Blinker, biege rechts ab, stelle meinen Wagen auf den Parkplatz.

Es ist dunkel. Aus der Pizzeria an der Ecke dringen dumpfe Stimmen, Lachen und der Geruch von Rosmarin und erwärmter Tomatensauce. Darüber hinaus herrscht Stille. Ich steige nicht aus. Nichts erwartet mich da draußen und ich warte auf den Moment, in dem ich wieder weg drifte. Doch es passiert nicht. Nicht, wenn ich es will. Natürlich kann ich so, hier und jetzt, meinen Gedanken nachhängen. Das schon. Das geht immer. Aber ich bleibe, wo ich bin. Das Lala-Land ist nicht buchbar. Entweder es läd ein – oder man bleibt vor geschlossenen Türen. Ist vielleicht auch besser so. Die Tür der Pizzeria geht auf, ich erkenne es am Lichtstreifen, der sich kurz ausbreitet und wieder verschwindet, dann kommt ein junges Paar um die Ecke. Verliebt necken sie sich, dann legt er, im Rückspiegel meines Wagens, den Arm um ihre Schultern und sie gehen davon. Ich sehe ihnen nicht nach. Ich starre wieder ins Halbdunkel und rieche den Rosmarin. Vielleicht habe ich Hunger. Ich überlege, wann ich das letzte Mal etwas gegessen habe und komme zu dem Schluss, dass Hunger gerechtfertigt wäre. Doch nicht jetzt, es ist zu spät, schon nach 22 Uhr, das muss bis morgen warten. Oder den Tag danach. Ich messe der Nahrungsaufnahme keine große Bedeutung mehr bei.

Irgendwann drifte ich doch davon, das Lala-Land hat die Türen geöffnet und mich willkommen geheißen. Wann und wie, das weiß ich nicht, ich merke so etwas immer erst, wenn ich wieder hinaus komplementiert werde. In diesem Fall durch eine Eichel, die auf meine Motorhaube kracht. Natürlich kracht sie nicht wirklich, es ist ja keine Drei-Kilo-Eichel, doch mir kommt es wie ein Krachen vor, denn das Geräusch zerbricht die Stille in der ich bis dahin saß. Ich bin ganz steif und ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass ich mich darüber nicht wundern darf. Es ist kurz nach drei Uhr nachts, kein Rosmarinduft mehr, kein verhaltenes Lachen, sogar die Straßenlaterne gegenüber ist dunkel. Ich seufze und schäle mich aus dem Sitz und versuche, die Autotür möglichst leise zu schließen. Sie soll nicht die einschlagene Eichel für meine träumenden Nachbarn sein.

Müde schlurfe ich ins Haus, quäle mich die zwei Treppen nach oben und dann in die Wohnung. Leer und kalt. Was Anderes hätte ich auch erwarten sollen. Was auch anderes hätte mich erwarten sollen. Ich grüße meine Wohnung nicht, sie hat es nicht verdient, so kalt und leer. Beim abstreifen der Kleider komme ich am Bad vorbei und entschließe mich, dass Zahngesundheit noch immer ein wichtiger Punkt sein könnte. Mit der Zahnbürste zwischen den Zähnen setze ich mich aufs Klo und sehe meine Post durch. Zwei Werbeanschreiben, ich kann mir tolle Möbel kaufen und ein neues Auto, eine Urlaubskarte meiner Nachbarn – ob ich denn auch ans Blumen gießen denke (nein, das habe ich vergessen – verdammt!) - und ein Brief vom Notar. Den lasse ich zu. Der schreibt mir ohnehin immer den gleichen Kram. Wer will das schon wissen. Ich werfe mir den Bademantel über, schnappe mir die Schlüssel und fange um vier Uhr nachts an, die Blumen meiner Nachbarn zu retten. Für die Orchidee kommt die Rettung fast zu spät, ich hätte sie täglich ein wenig einnebeln sollen. Jetzt bekommt sie die ganz Nebelladung eben auf einmal. Dem Rest geht es, soweit ich das mit meinem schwarzen Daumen überhaupt beurteilen kann, noch soweit gut. Wieso mir alle Nachbarn immer ihre Pflanzen anvertrauen, ich werde es nie verstehen.

Zurück in meiner Wohnung bin ich leider nicht mehr müde und da sie von den letzten nächtlichen Aktionen schon blitzt und blinkt wie in guter amerikanischer Möbelhauswerbung setze ich mich an den PC. Er fährt hoch, ich öffne mir mit dem Firefox die weite und bunte Welt des Internets und starre auf den Bildschirm. Vielleicht einfach mal die Nachrichten lesen, Informationsaufnahme, falls man mal ein Gesprächsthema braucht sicher keine dumme Idee. Wir werden alle sterben. Manche natürlich etwas später, aber bei anderen hat der Sensenmann schon zugeschlagen. Giftschlamm in der Donau. Will ich das wirklich wissen, frage ich mich und klicke mich an Stuttgart 21 vorbei durch bis zur Boulevard-Presse. Schon besser. Mehr Lala für meinen Kopf. Ich schaue mir weg retuschierte Arme von ach so wichtiger Hollywood-Prominenz an und Models mit drei Händen und überlese Spekulationen zum Beziehungsstand bei Brangelina. Das sind wirklich wichtige News. Dinge, die die Welt nicht braucht und ohne die sie sich scheinbar trotzdem nicht mehr weiterdrehen kann. Ich frage mich kurz, ob das die vielen verhungernden Kinder in Afrika genauso sehen, verwerfe den Gedanken aber direkt wieder, weil er mir die Türen zum Lala-Land so fest verschließt wie den Gold-Tresor der Royal Bank of Scotland.

Die Uhr tickt. Nicht im übertragenen Sinn oder wegen irgendwelcher Lebensendszenarien sondern sie tickt. Ich sehe ihr dabei zu. Der Sekundenzeiger hüpft und schleicht. Nach unten hin hüpft er, geht es nach oben, müht er sich sichtlich ab. Die arme Uhr. 24-Stunden-Schichten und das jeden Tag. Da geht es mir doch besser. Vermeintlich jedenfalls. Als der Stundenzeiger auf die 6 springt entscheide ich, dass man um diese Zeit gut frühstücken kann. Falls man denn etwas zum frühstücken hat. Entschieden öffne ich den Brotkasten, doch der lebt mittlerweile in seiner eigenen Welt. Grün und giftig scheucht er mich und ich schließe ihn wieder. Soll er doch. Wer braucht den schon. Vielleicht habe ich ja noch Brötchen für den Ofen im Schrank, doch im Vorratsschrank erwartet mich nur noch ein Liter H-Milch und ein abgelaufenes Päckchen geriebene Mandeln. Lecker. Auch das Gefrierfach gibt nichts essbares her. Aber ich könnte Eiswürfel lutschen. Doch das will ich jetzt nicht.

Ich gehe also statt dessen ins Bad um mich in einen Menschen zu verwandeln, was mir auch einigermaßen gelingt, sogar das Vogelnest auf meinem Kopf kriege ich gebändigt. Ordentlich wie ich nun bin verlasse ich die Wohnung. Zum Glück gibt es beim Bäcker an der Straße vorne ab 6 Uhr Frühstück. Ich bestelle mir ein Croissant und eine Brezel, nicht, weil ich plötzlich unmäßig werde sondern weil ich beim anziehen festgestellt habe, dass meine Hosen nach mehr Inhalt verlangen, einen Latte Macchiato dazu und setze mich an den kleinen Ecktisch. Von dort habe ich den perfekten Blick auf alles, was sich sonst noch um diese Uhrzeit in der Bäckerei tut. Der Müllwerker, der für sich und seine zwei Kollegen Butterbrezeln und Granatsplitter besorgt, eine ältere Frau, die nur einen schwarzen Kaffee möchte – und, wie ich vermute, etwas Gesellschaft, die sie von mir aber nicht bekommt – und je weiter der Tag fortschreitet, desto mehr Schulkinder, Lehrer und Kindergärtner decken sich für den Tag oder zumindest den Vormittag mit Backwaren, Cola und Kakao ein.

Ich habe fertig. Der Latte Macchiato ist, bis auf einen Rest Milchschaum, den ich nicht ausschlürfen möchte, leer und auf dem Teller befindet sich nur noch ein kleines Stück angebissene Brezel und ein paar Croissantkrümel. Auch ich sollte in den Tag starten, doch der Tag verlangt nicht nach mir. Und die Blicke der Bäckereifachverkäuferin verlangen deutlich eine weitere Bestellung oder das Verlassen dieser Stätte. Ich entscheide mich für Letzteres und schlurfe zurück in die Wohnung. Wenigstens weiß ich seit heute früh, was ich noch putzen kann. Oder besser gleich total entsorgen. Der Brotkasten soll sein gruseliges Dasein nicht mehr unter meiner Obhut führen dürfen. Wenigstens das kann ich heute tun.

Als ich vom nun aufs Schwerste kontaminierten Mülleimer wieder zurück in meiner Wohnung bin klingelt das Telefon. Arglos und vor allem abgehetzt wie ich bin nehme ich ab ohne vorher auf dem Display nach der Nummer zu sehen. Und als ich die Stimme des Notars höre ist es zu spät um einfach wieder aufzulegen. Ich habe mich bereits gemeldet, er weiß, dass ich da bin, wach bin, am Telefon bin. Er möchte wieder irgendwelche Unterschriften von mir. Wozu, das weiß ich nicht, ich will es auch gar nicht wissen. Ob ich nicht endlich meine Sachen packen und die Wohnung verlassen möchte, fragt er mich. Ich verneine. Wozu sollte ich auch. Das ist nur Aufwand. Ich könnte auch machen lassen, schlägt er vor. Es gäbe da ja Unternehmen, die sich auf so etwas spezialisiert hätten, ich hätte gar keine Arbeit, keinen – kaum, denke ich mir - Ärger und dann könnte ich mein altes Leben hinter mir lassen.

Aber das möchte ich gar nicht. Ich meine, ich möchte schon, irgendwie. Wer mag schon dunkle, leere, kalte Wohnungen. Aber ich kann nicht. Lethargie ist mein zweiter Vorname. Er nennt, das höre ich durch meine Gedanken hindurch, den Namen eines Therapeuten. Der hätte auch schon Prominenz, er könnte den nur empfehlen, sogar er wäre schon mal. Nein, danke. Ich mag nicht. Ich meine, ich mag schon, irgendwie. Wer mag schon katatonische Lala-Land-Reisen und das jeden Tag. Aber ich kann nicht. Wie ich schon sagte, Lethargie ist mein zweiter Vorname. Ich meine, es ist nicht so, dass ich gar nicht mehr funktioniere. Ich weiß nur nicht mehr, was ich noch tun soll. Es ist alles getan. Ein Umzug würde daran nichts ändern. Ein Therapeut vermutlich auch nicht. Der Notar möchte wissen, ob er einen Boten mit den Papieren schicken soll oder ob ich vorbei komme. Ich entschließe mich, einen Ausflug in die Stadt zu machen und nenne ihm eine Uhrzeit, nicht all zu weit von der jetzigen entfernt. Er freut sich, bedankt sich artig und beendet das Gespräch. Schleimer. Vielleicht sollte ich ihm das einfach mal sagen. Das wäre eventuell ein Spaß. Aber nur von sehr kurzer Dauer. Also verwerfe ich den Gedanken wieder.

Ich packe also meine Sachen zusammen und steige ins Auto. Nur gleich starten, bevor ich mich wieder weg träume. In der Stadt muss ich wach sein, alle Sinne beisammen haben, sonst krachts. Was auch nicht tragisch wäre. Aber es muss ja nicht sein. Wäre auch nur wieder Arbeit und Ärger. Beidem gehe ich derzeit geschickt aus dem Weg. Vielleicht ein Fehler. Aber wer weiß das schon so genau. Ich finde einen Parkplatz direkt vor der Kanzlei und fast vermute ich, dass er einen seiner Angestellten gescheucht hat, den Platz zeitentsprechend zu räumen, so dass der Platz für mich frei ist. Egal. Privilegien darf man auch mal nutzen.

In der Kanzlei sind sie alle wieder scheiße freundlich. Erschreckend, was so ein paar Zahlen doch ändern können. Vor drei Monaten wäre ich hier wie jeder andere Hans Wurst behandelt worden oder noch schlimmer, wie ein Bittsteller, den man loswerden möchte. Nichts mit reserviertem Parkplatz oder sollen wir einen Boten schicken. Jetzt umgarnen sie mich, als wäre ich der Messias schlechthin – als ob mein Kontostand für irgendjemanden hier wirklich einen Unterschied machen würde. Außer natürlich für den Notar selbst. Der freut sich, dass ich endlich meine Papiere unterzeichne. Ich kann schon die Eurozeichen in seinen Augen sehen. Geldgeiles kleines Schweinchen. Aber es juckt mich nicht wirklich. Soll er doch. Wenigstens einer, der sich freut. Mir geht das irgendwie ab. Ich verstehe die Zahl, die da steht. Aber sie geht mir nicht unter die Haut. Sie ist zu lang, deswegen kann ich ihre Bedeutung nicht mehr ermessen. Und was hat sie mir schon gebracht. Ein leeres Leben.

Kaum hat man so viel Geld auf dem Konto, dass man von den Zinsen ein ganzes Dorf finanzieren könnte, schmeißt man seinen Job hin und gerät an die falschen Freunde – und die richtigen ziehen sich zurück, weil sie sich nicht mehr für adäquates Klientel halten. Jetzt muss ich mir keine Sorgen mehr machen. Nie wieder. Sagt der Notar. Ich nicke nur und freue mich auf die geöffneten Türen zum Lala-Land, die mich später hoffentlich wieder erwarten werden. Anderes habe ich jetzt nicht mehr. Ich könnte es mir kaufen. Aber ich mag nicht. Ich meine, ich mag schon, irgendwie. Aber nicht so. Nicht wahllos alle Wünsche erfüllen können. Shopping ist nicht erfüllend, wenn es einem nichts mehr wirklich bedeutet. Und alleine macht es ohnehin keinen Spaß. Und ich mag mir niemanden kaufen, der mit geht.

Zurück hätte ich gerne mein altes Leben. Aber als ich ja zu meinem Erbe gesagt habe, habe ich es abgestreift und nun werde ich es nie wieder zurückbekommen.

Das Geld spenden, wieder hergeben? Hm. Nein. Ich mag nicht. Ich mag wirklich nicht. Schließlich muss ich mir jetzt um nichts mehr Gedanken machen. Sagt nicht nur der Notar. Ich schlüpfe lieber wieder durch den Spalt da in meinem Raum-Zeit-Kontinuum und verbringe den Rest meines Lebens im Lala-Land.

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Der Test (2Enden-Geschichte)

Ich erzähl ihm Märchen, fütt’re ihn mit Unwahrheiten, warte ab, wieviel er schluckt.

Begierig saugt er jede Lüge auf, das bißchen Wahrheit, das dazwischen steckt, erkennt er nicht. Will nur Geschichte hören, Sensationen. Und damit kann ich dienen, erfinde und dichte, wie es mir gefällt. Möchte seine Reaktion sehen, ihn kennenlernen und das tue ich, weiß Gott.

Benutzt mich als Informationsquelle für schmutzige kleine Details, amüsiert sich über menschliche Abgründe und tut dabei den größten vor mir auf. Läßt mich das Dunkel seiner Seele sehen, ein hämisches Grinsen auf dem Gesicht.

Er ahnt nicht die Wahrheit, denkt ich bin Freund, nicht Feind. Läßt mich reden, findet mich witzig und interessant. Will ihm die Worte ins Gesicht spei’n, um die Ohren hau’n. Will ihn wachrütteln, seine Augen für die Wahrheit öffnen. Habe seine Seele, sein inneres Ich noch nicht aufgegeben und verwzeifle doch mit jedem Märchen mehr.

Viel schlimmer noch ist seine unehrliche Offenheit, behielte er doch wenigstens für sich, was er hier hört. Doch treff‘ ich andre, erzähl’n sie mir hinter vorgehaltner Hand, was ich erfunden und nur ihm erzählt. So muß ich der Wahrheit letztendlich ins Gesicht seh’n, muß mit kalten Augen mein hartes Urteil fällen.

Schuldig im Sinne der Anklage, denke ich laut und verschließe mit den Händen die Ohr’n, das Urteil nicht zu hör’n. Und doch, es ist vorbei, er hat den Köder geschluckt, ist mir auf den Leim gegangen. Stechender Schmerz erfüllt mein Herz über eine weitere verlorene Seele.

1. Tief im Innern weine ich, läßt der Verlust mich trauern. Auch er kommt nicht als Freund in Frage, schreib ihn ab, warte auf die nächste, ehrlich scheinende Haut, der Freundschaft wicht’ger ist als Sensation. Einen, dem meine Gefühle über allgemeiner Beliebtheit steh’n.

2. Tief im Innern weine ich, läßt der Verlust mich trauern. Doch als Teufel, der die Hölle hütet, begebe ich mich auf die Suche nach dem nächsten Opfer, dem nächsten bißchen Mensch, der als Brennstoff für mein Feuer dient.
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Nine-eleven

Sie sah sich um. Ihrem Auge bot sich ein Bild der Verwüstung. Den Ort, den sie heute morgen verlassen hatte, gab es nicht mehr. Und so würde es ihn nie wieder geben. Nie wieder würde ihr Tobi auf diesem Gang zwischen Teeküche und Schreibstube entgegenkommen um einen seiner Witze zu reißen, bei denen sie sich nur selten bemühen musste zu lachen. Nie wieder würde sie in die Schreibstube gehen, um mit Veronica, Lisa, Tom und Babs bei ein paar Muffins und Cappuccino den neuesten Firmentratsch auszutauschen. Nie wieder würde sie morgens mit diesem Aufzug fahren, vor ihr der Typ in Anzug und Krawatte mit diesem knackigen Hintern und diesem unwiderstehlich gutem Duft aus teurem After-Shave und Babyöl, der immer im 60. Stock ausstieg. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie daran dachte, wie oft sie sich gefragt hatte, ob er das Öl wohl selbst benutzte oder Vater eines süßen Babys war. Irgendwann hatte sie herausgefunden, dass er sein Leben mit seinem Kollegen teilte und das Öl tatsächlich selbst benutzte. Diesen Duft würde sie nie vergessen.

Auch nicht das aufdringliche Lachen der überschminkten Mittvierzigerin, die immer dienstags und donnerstags im vierten Stock zustieg und sich direkt neben Mr. Aftershave-Babyöl-Duft stellte, um ihn mit schriller Stimme an ihrem nicht vorhandenen Liebesleben teilhaben zu lassen. Zum Glück stieg sie immer schon im 45. Stock aus, so dass sie seinen Duft noch eine kleine Weile in Ruhe genießen konnte. Sie ließ ihren Blick weiterwandern und dachte an Dick aus dem Rechnungswesen. Er war erst vor 2 Wochen Vater geworden. Sie fragte sich, ob er es geschafft hatte, diesem Inferno zu entkommen. Sie hatte seine Frau Jenny vor 2 Jahren auf dem Betriebspicknick kennen gelernt. Eine süße, kleine, quirlige Frau, die gerne lachte. Es wäre sehr bedauerlich, wenn sie dieses Lachen mit dem heutigen Ereignis verlieren müsste. Frank vom Empfang fiel ihr ein. Er hatte gerade eine intensive Krebsbehandlung hinter sich, hatte erst vor 3 Monaten wieder angefangen zu arbeiten. Er hatte den Krebs besiegt – hatte der Tod jetzt trotzdem gewonnen? Und was war mit Judith? Wie lange hatten sie und ihre Freundin Beth, die einen Stock tiefer bei Brehms arbeitete – gearbeitet hatte – für eine künstliche Befruchtung gespart und jetzt endlich, nach 5 Versuchen, hatten sie es im letzten Anlauf tatsächlich geschafft. Wie stolz hatte Judith noch heute morgen ihren kaum sichtbaren Babybauch durch die Gänge getragen – das heimliche Glühen einer Schwangeren im Gesicht. Hatte Judith die Flucht geschafft? Und Beth?

Sie ließ ihren Blick weiter wandern und dachte an Marc und Dennis aus der Werbeabteilung, die erst am Wochenende für ihr tolles neues Konzept ausgezeichnet worden waren. Und sie dachte an Peter, den Assistenten von Robert Finch, dem Juniorchef – und ihren Lebensgefährten seit nun mehr fast 4 Jahren. Peter, dem sie heute morgen noch die Krawatte zurechtgerückt hatte. Peter, der sie immer mit einem sanften Kuss auf die Stirn weckte. Peter, der seinen Kaffee schwarz trank und in jede Tasse 5 Stück Zucker warf, um sich bei der Hälfte der zweiten Tasse darüber zu beschweren, dass der Kaffee wieder viel zu süß war. Peter, der seiner Mutter jedes Jahr zu Weihnachten einen Schal schenkte, weil er stets besorgt war, sie könne sich erkälten. Peter, der stets den Sportteil der Zeitung dazu benutzte, um das Katzenklo auszulegen. Peter, der abends grundsätzlich die Spätnachrichten ansehen wollte und grundsätzlich 10 Minuten vorher einschlief und dann so seligsüß schlummerte, dass sie ihn nie wecken wollte.

Peter. Der Peter, der ihr am vergangenen Unabhängigkeitstag auf dem traditionellen BBQ seiner Eltern einen Antrag gemacht hatte und dem sie am 12.12. hatte das Ja-Wort geben wollen. Peter. Sie dachte an seine blauen Augen. Peter. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Peter. Sie sah sich um. Peter hatte sicher versucht, andere in Sicherheit zu bringen. Sie sah sich um. Hatte er das Flugzeug kommen sehen? Was hatte er in diesem Augenblick gedacht? Vielleicht war er auch sofort tot gewesen. Sie wünschte sich, dass alles nur ein Traum wäre, doch der beißende Geruch nach verschmortem Plastik, verbranntem Holz und verkohlten Fleischs und dieser alles unterstreichende Duft von Kerosin holte sie viel zu schnell in die Realität zurück. Sie wünschte sich, dass alle hatten fliehen können und ohne große Schäden überlebt hatten. Aber sie wusste, in welchem Stockwerk das Flugzeug eingeschlagen war und sie wusste, dieser Wunsch würde maximal für ein oder zwei ihrer ehemaligen Kollegen zutreffen. Und auch nur dann, weil sie unten im Gebäude gewesen waren. Und im Coffee-Shop ein paar Muffins zu besorgen. Unten im Keller, um etwas aus dem Archiv zu holen oder ins Archiv auszulagern. Unten, weil sie wie sie selbst aus dem Haus mussten, um irgend etwas einzukaufen oder einen Botengang zu erledigen. Unten, weil sie im Nachbarturm in die Druckerei mussten, um einen größeren Auftrag abzugeben. Peter war kein Botengänger, Muffinsbesorger oder Archivar.

Sie wünschte sich, dass die, die nicht unten gewesen waren wenigstens ohne Angst und Schmerzen sofort gestorben waren. Aber sie wusste, in welchem Stockwerk das Flugzeug eingeschlagen war und sie wusste, dieser Wunsch würde nur auf maximal ein oder zwei ihrer ehemaligen Kollegen zutreffen. Und auch nur dann, wenn sie einen Herzinfarkt bekommen hatten oder an einem Schlaganfall gestorben waren. Peter war kerngesund. Gewesen.

Tränen liefen ihr über die Wangen und hinterließen deutliche Spuren in ihrem von einer dicken Staub-Rußschicht bedeckten Gesicht. Sie sah das Chaos. Dieses Inferno, die schreckliche Verwüstung. Sie hörte die Sirenen. Schreie. Menschen, die weinten. Sie roch diesen schrecklichen Gestank von Unglück und Tod, von Kerosin und Leichen. Sie war bedeckt von Ruß und kleine Glassplitter steckten überall in ihrer Haut. Doch das spürte sie nicht. Sie merkte auch nicht, wie das Blut an ihrem Arm herunter lief und sie hatte keine Schmerzen, obwohl ihr rechtes Bein seltsam verdreht war. Männer in Uniformen rannten an ihr vorbei. Andere verwirrte Menschen irrten blutend, weinend und nach Hilfe rufend durch den fast undurchdringlichen Nebel aus Staub, Ruß und Rauch.

Magda! Sie glaubte, sich daran zu erinnern, dass das ihr Name war und blickte neben sich. Blickte in ein vom Ruß fast schwarzes Gesicht, auf dessen Kopf sich kaum noch Haare befanden und auch die Kleidung war größtenteils verbrannt. Magda. Eine rotverbrannte Hand legte sich auf ihren Unterarm. Magda, du lebst. Verständnislos suchte sie in dem Gesicht irgendetwas, das ihr bekannt vorkam und dann endlich drang diese schrille Stimme durch ihr Bewusstsein. Magda, ich glaube, es ist etwas Schlimmes passiert. Das verrußte Gesicht unter den verkohlten Haaren verzog sich zu einer Grimasse und Tränen begannen sich ihren Weg zu suchen. Sie kannte diese Stimme. Es war die Frau aus dem Fahrstuhl. Die dientags-donnerstags-Frau ohne Liebesleben.

Die beiden Frauen sahen sich an. Sahen das Entsetzen und fielen sich in die Arme. Eine Insel mitten im Chaos. So standen sie da, schluchzend, weinend, sich gegenseitig stützend. Eng umschlungen, als wollten sie sich nie wieder loslassen. Sie hätten hinterher nicht mehr sagen können, wie lange sie da standen. Sie wussten auch nicht mehr, wer sie da weggebracht hatte. Als sie im Krankenhaus wieder im gleichen Zimmer landeten, beschlossen sie, sich nie wieder aus den Augen zu verlieren.

Sie wohnen jetzt Tür an Tür. Besuchen beide jeden Montag abend die gleiche Gespächsgruppe. Gehen gemeinsam zum Friedhof, um Blumen auf die Gräber zu legen. Sind sie allein, sprechen sie nicht mehr über die Ereignisse. Seit ein paar Monaten arbeiten sie auch wieder. Im dritten Stock eines vierstöckigen Gebäudes. Vergessen können sie beide nicht und manchmal nachts riechen sie, wie es damals gerochen hat und hören die Schreie. Dann klopft die eine bei der anderen und sie halten sich stumm und wissend in den Armen, bis die frühe Morgensonne sie daran erinnert, dass sie einen neuen Tag erleben dürfen.
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Herzschlag

Die Stille um ihn herum ist fast greifbar. Ausgebremst. Das Herz schlägt qualvoll langsam. Er sieht sich selbst von außen. Sieht sich da sitzen. Spürt seine verkrampfte Brust und diese Stille. Diese entsetzliche Stille. Sie erfüllt seinen Kopf. Während sein Körper erfüllt ist von diesem seltsamen Schmerz, dieser Atemnot. Jeder Schlag, so anstrengend. Das Blut fließt dickflüssig durch seinen Körper. Klebriges Sirupblut. So anstrengend für sein Herz. So qualvoll. Wäre da nicht diese alles ausfüllende Stille in seinem Kopf - würde er sich wohl stöhnen hören? Was kam da aus seinem Mund außer der glühend heißen Luft seiner Lungen? Immer langsamer wurde das angestrengte Schlagen. Immer träger bewegte sich das Sirupblut durch seinen schmerzenden Leib. Und dabei diese entsetzliche Stille. Nur Stille - so laut, dass sie in seinen Ohren schmerzte.

Was hatte er sich nur dabei gedacht. Was hatte er denn geglaubt, was kommen würde? Hatte er gedacht, er würde Musik hören? Einfach aus seinem Körper schweben? Hatte er das wirklich gedacht? War er wirklich so naiv? Und warum nur hatte er es tatsächlich getan? Kaum mehr ein Schlagen war das in seiner Brust. Mehr ein Herzflüstern. Eine leise Bitte, doch kein Sirupblut mehr pumpen zu müssen. Er sah sich an. Die weit aufgerissenen Augen. Der Brustkorb, wie er sich schnell leicht hob und senkte, kaum in der Lage, seine Lunge mit Luft zu befüllen. Das war kein Atmen. Das war ein Hecheln. Ein Jappsen. Wie ein Fisch auf dem Trockenen. Zeitlupenleben. Und dann - mit einem Mal - der freie Fall.

Sein Hirn, gegen die Schädeldecke gepresst. Adrenalindurchflutung, pocht an seinen Schläfen. Macht aus dem klebrigen Sirup einen reißenden Bach und läd das Herz zum Rasen ein. Und dann verschwindet auch die Stille. Weicht dem Geschrei, dem Johlen und Juchzen der anderen. Und auch seine eigene Stimme schreit. Angst. Erleichterung. Kick. Adrenalin. Spaß und Genuß.

So war das also, wenn man mit dem Freefall-Tower fuhr. Gar nicht so schlecht...
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Vorsehung

Der Nieselregen hatte eingesetzt, ein feiner, warmer Regen, der von allein Seiten zu kommen schien. Die Feuchtigkeit hüllte sie ein, kroch durch ihre Kleider und schmiegte sich sanft an ihre Haut. Doch sie nahm kaum wahr, dass sie triefnass wurde. Sie starrte nur ans Ende der Straße, wo vor langen Minuten bereits die Rücklichter des Busses verschwunden waren. Wie gebannt starrte sie auf die beiden längst nicht mehr existenten roten Punkte in der Ferne. Nahm ihre Umwelt dabei nicht mehr wahr. Nicht den feinen Regen, nicht die Menschen um sich herum, weder das langsam näher kommende Donnergrollen noch das Hupen der Autos, die ihr ausweichen mussten, weil sie nur noch mit den Hacken auf dem Gehweg stand.

Dort mit diesem Bus war sie verschwunden. Einfach eingestiegen, nicht einmal mehr ein ‚es tut mir leid‘ oder wenigstens ein ‚mach’s gut‘ auf den Lippen. Nichts. Kein Blick mehr, kein Kuss, keine Umarmung. Sie hatte sich entschieden, hatte sich umgedreht, war eingestiegen und verschwunden. Wieso das so gekommen war – sie verstand es nicht. Oder vielleicht verstand sie es ja doch. Es hatte so kommen müssen. Alles Schöne in ihrem Leben hatte immer irgendwann ein Ende gefunden. Es war fast, als wären das Glück und sie nicht kompatibel. So oft schon hatte sie gehofft, so manches mal gekämpft, nicht selten geglaubt, es diesmal endlich geschafft und verdient zu haben. Wie oft hatte sie schon aufgegeben, das Herz verschlossen und sich dann doch wieder inspirieren lassen. All die wohlmeinenden Meinungen, die unzähligen Tipps und Tröstungsversuche, all die lieben Worte, die sanften aber nachdrücklichen Schubser, die Freunde, die versuchten, sie mitzuziehen. Umsonst. Zu oft hatte sie sich überreden lassen, zu oft noch an das Gute geglaubt. Zu oft war ihr das Herz schon gebrochen worden, vernarbt war es, die dunklen Ecken wuchsen, das Kerkerversteck wurde immer tiefer, immer besser gesichert.

Für sie gab es keine Liebe, das hatte sie begriffen als die roten Lichter des Busses am Horizont verschwunden waren. Sie hatte diese Frau aus ganzem Herzen geliebt, offen und ohne Hintergedanken. Rein und voller Wärme. Hatte alles gegeben und war wieder einmal nur enttäuscht worden. Erwartete sie zu viel, hängte sie ihr Herz an die falschen Menschen? Was hatte sie getan, was versäumt, dass es auch dieses mal wieder gescheitert war? War sie zu offen, zu freigiebig, zu ehrlich gar? Oder doch zu verschlossen, nicht zugänglich genug? War sie zu anhänglich? Oder gab sie den Menschen zu viel Raum, so dass es ein Leichtes war, sie zu verlassen? Vielleicht war sie zu romantisch, zu sehr Tagträumerin, vielleicht hing sie unrealistischen Illusionen nach. War sie zu sehr fixiert auf ein Happy End? Auf ein ‚bis dass der Tod uns scheidet‘? Sie wusste es nicht.

Sie hatte es mit Männern versucht. Und mit Frauen. Sie hatte geredet. Und geschwiegen. Sie war immer da gewesen. Und sie hatte sich rar gemacht. Sie war Diva gewesen, hatte den Beschützerinstinkt geweckt, sie war sie selbst gewesen, sie hatte sich versteckt und verstellt. Egal ob Modepüppchen oder Ökotussi, Normalo , Lolita oder Punk – immer war sie gescheitert. Mit Maske wurde sie genauso verletzt wie ohne, alle Illusionen platzten wie Seifenblasen, nichts funktionierte.

Sie war so müde. Und so leer. Sie fühlte nichts mehr, da im Regen, zwischen all den Menschen, die sie gar nicht wahrnahmen. Am Horizont war mit den roten Lichtern des Busses auch all ihre Hoffnung auf Liebe und Glück verschwunden. Sie war leer und müde. Nicht einmal mehr Schmerz verspürte sie. Es war vorbei. Zwischen der Liebe und ihr war es aus. Endgültig. Für den Rest ihres Lebens würde sie arbeiten und atmen, essen und trinken was der Körper verlangte, weiter atmen und schlafen, belanglose Gespräche führen, schlafen und sich weiter bewegen, immer weiter vorwärts bis sie eines Tages am Ende des Lebens angekommen wäre. Dann würde sie aufhören zu atmen, nicht mehr arbeiten, essen, reden und trinken. Nur noch schlafen. Bis das Fleisch sich von den Knochen löste, ihre irdische Hülle langsam verwitterte und schließlich nichts von ihr übrig blieb als ein flüchtiges Flüstern im Wind. Es war vorbei. Zwischen ihr und der Liebe war es aus. Kein Zurück mehr, keine Debatten.

Scheinwerfer leuchteten auf und ein lautes Hupen holten sie zurück aus ihrer Trance, sie schwankte, die Bilder um sie herum verschwommen. Es wurde ihr schwarz vor Augen und fast wäre sie vor den hupenden Wagen gestürzt, als zwei kräftige Arme sie zurückrissen, umfingen, festhielten, so starke Arme. Sie ließ sich hineinfallen in diese starken Arme und plötzlich wurden sie mit einem ohrenbetäubenden Schlag hell erleuchtet. So grell, dass sie trotz geschlossener Augen meinte, erblinden zu müssen. Sie lag noch immer in seinen Armen, fest umklammert und spürte doch keinen Herzschlag mehr, seinen Atem nicht in ihrem Haar. Alles war still, eine schöne Ruhe, Labsal der Geborgenheit. So gut fühlte es sich an in diesen Armen zu liegen. So warm. Obwohl auch sein Herz nicht mehr schlug. Pure Zweisamkeit mit einem völlig Fremden. Der nicht ihr Leben, aber ihre Seele gerettet hatte.

Sie löste sich leicht, drehte sich um und sah ihm in die Augen, so vertraut, und fast gleichzeitig sagten sie ‚ich danke dir‘. Lächelnd nahm sie seine Hand. So eine selbstverständliche Geste, als hätte sie Leben lang nur auf diese Hand, auf diesen Menschen gewartet. ‚Lass uns gehen‘, sagte er, ebenfalls lächelnd, und gemeinsam liefen sie in das goldene Licht, das nun ihre Vergangenheit und Zukunft war.



Er sah sie, wie sie da verloren in den Regen starrte. Er kannte diese Haltung, diesen Blick. Er hatte zurückgeblickt, sie da stehen sehen. Ihre Blicke würde er nie vergessen. Verloren, verzweifelt, leer. Doch er hatte nichts gespürt. Nie. Er hatte sich umgedreht und war gegangen. Jedes einzelne Mal. Er hatte nichts gespürt als er sie getroffen hatte, hatte nichts gespürt, wenn er Zeit mit ihnen verbrachte, er fühlte nichts, wenn er sie verließ. Kurzweil, sexuelle Befriedigung, dann irgendwann Langeweile und Last und schließlich die Trennung. So lief es jedes Mal. Er vermisste das Gefühl. Das hatte er nicht immer getan. Früher war es ihm egal gewesen, nicht bewusst gewesen, dass etwas fehlte. Doch je älter er wurde, desto klarer wurde ihm, dass das nicht alles war, dass etwas fehlte. Er strengte sich an, bildete sich ein, wirklich zu fühlen, zu lieben. Er hoffte es, wollte es, wünschte sich nichts mehr. Doch er fühlte nichts. Außer Bedauern, wenn er wieder einmal feststellte, dass die Frau da in seinen Armen ihm nichts bedeutete. Er bedauerte nie die Frauen, kein einziges Mal, denn er verstand ihren Schmerz nicht. Er sah die Haltung, die Blicke, diese traurigen Augen, doch er verspürte nichts. Er wusste, etwas fehlt. Doch was, das wusste er nicht, spürte er nie.

Er spürte den Regen und ärgerte sich, dass er seinen Schirm zu Hause vergessen hatte. Und das Donnergrollen in der Ferne verhieß noch stärkeren Regen. Der Bus ließ auch mal wieder auf sich warten. Wie immer, wenn er einen langen, anstrengenden Arbeitstag hinter sich hatte. Er überlegte schon, ein Taxi zu rufen, doch die Frau, die da so verlassen und völlig durchnässt am Straßenrand stand, rührte ihn irgendwie. Ja, sie rührte ihn, er spürte etwas in sich. Faszination. Und einen seltsamen Wunsch nach Trost. So einsam und verlassen stand sie da, so desillusioniert. So schutzlos, dass er plötzlich das Bedürfnis hatte, Geborgenheit zu schenken.

In der Ferne waren die ersten Blitze zu sehen und der Regen wurde stärker. Der Himmel wurde immer dunkler, fast bedrohlich schwarz. Doch diese Frau dort schien das überhaupt nicht zu stören, ja sie schien es nicht einmal zu bemerken. Wie angewurzelt stand sie dort am Bordstein, viel zu weit vorne, zu nah an der Straße, die Autos mussten ihr teilweise schon ausweichen. Und ein weiteres Gefühl gesellte sich in seinem Herzen zu den anderen. Er machte sich Sorgen, hatte Angst. Angst, dass diesem Wesen da vor ihm etwas zustoßen könnte.
Die Gefühle irritierten ihn und bescherten ihm gleichzeitig eine unbekannte Wärme, die von seiner Körpermitte aus seinen ganzen Körper zu durchfluten schien. Er fühlte. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte er. Und das Gefühl füllte ihn aus, kroch in jede seiner Zellen. Endlich wusste er, was ihm all die Jahre gefehlt hatte, was er so vermisst hatte. Endlich wusste er, was sie Frauen gefühlt hatten, als er ging. Endlich begriff er.

Er sah, wie dieses wunderbare Wesen vor ihm schwankte und nahm gleichzeitig den Wagen wahr, der sich mit hoher Geschwindigkeit von links näherte. Er machte einen großen Schritt nach vorn, Griff nach ihr, legte die Arme um sie und zog sie zurück auf den Gehweg.

Genau im gleichen Augenblick als er sie berührte, sie Schutz in seinen starken Armen fand, entlud sich der Himmel und schweißte die beiden mit einem ohrenbetäubenden Knall für die Ewigkeit zusammen.

Sie löste sich leicht von ihm, drehte sich um und zum ersten Mal sah er ihre Augen, so vertraut, und fast gleichzeitig sagten sie ‚ich danke dir‘. Lächelnd nahm sie seine Hand. So eine selbstverständliche Geste. ‚Lass uns gehen‘, sagte er, und lächelte nun auch, endlich die Hand haltend, auf die er sein ganzes Leben lang gewartet hatte, und gemeinsam liefen sie in das goldene Licht, das nun ihre Vergangenheit und Zukunft war.
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Hoffnungsperlen

Alles, was sie sich je gewünscht hatte, war ein Mensch, den sie bedingungslos lieben durfte. Aber bedingungslose Liebe war nicht mehr gefragt. Sie engte ein, machte Angst, war so absolut, ließ keine Alternativen mehr zu. Locker, unverbindlich, nichts Ernsthaftes. Das war, was heutzutage zählte. Liebe wurde konsumiert wie Fast Food. Zwar gab es immer noch Menschen, die Nobelrestaurants bevorzugten, aber auch dort war Liebe portioniert. Kleine, exklusive Häppchen, nur kein Völlegefühl entstehen lassen. Bedingungslose Liebe wurde verdammt, als krank und naiv angesehen, psychopathische Klammerer ohne eigenes Leben, nur im Zweierpack existent, ansonsten nur vegetierendes, wartendes Individuum. Verlacht wurden solche Menschen.

Bindungsängste, weil man ja schließlich überall vorgelebt bekam, dass Liebe ohnehin irgendwann zum Scheitern verurteilt war. Eltern, Freunde, nicht einmal das Fernsehen konnte glückliche Pärchen einfach sein lassen was sie waren. Serienpaare, die eben noch Silberhochzeit gefeiert hatten, betrogen sich plötzlich und statt bedingungsloser Liebe ging es nur noch darum, wer aus dem Rosenkrieg als Sieger hervorging. Als ob es bei so etwas überhaupt Sieger geben konnte.

Liebe tat weh, selbst wenn sie nicht scheiterte. Man musste sich für die Liebe öffnen, verletzbar machen. Doch wer wollte das schon? Verpflichtungen, Erwartungen, Verschlossenheit, nur nicht zu viel geben, nur nie der schwächere Part sein. Doch sie sah sich nicht als vermeintlich schwächeren Part an. Sie hatte genauso viel Angst davor, verletzt zu werden, bloßgestellt zu werden. Verlassen zu werden. Nicht, weil sie sich alleine nicht vollständig fühlte. Das war sie. Natürlich war das Leben gemeinsam schön. Vielleicht sogar hier und da schöner. Doch sie konnte problemlos mit sich alleine sein. Sie war kein Klammeraffe, sie gab gerne Freiräume, denn ihr Partner sollte sich wohl fühlen und nicht eingeengt. Sie wollte nur das Gefühl haben, dass sein Herz, seine Seele, zu ihr gehörten. Bedingungslos. Das hieß auch, die dunkleren Seiten, jede Ecke, jede Kante zu lieben. Den anderen so zu akzeptieren wie er war. Nicht verbiegen, nicht verändern. Im Alltag ein bisschen aneinander anpassen, sich aufeinander abstimmen, das ja. Aber sie verliebte sich schließlich in einen fertigen Menschen und nicht in eine Leinwand auf die sie dann ein Traumbild projizieren konnte. In guten wie in schlechten Tagen, das war, was sie sich immer erhofft hatte. Sie wollte rücksichtslos lieben können. Keine Rücksicht auf Bindungsängste , andere Menschen, vor anderen ungewollten Eigenheiten des anderen. Einfach nur lieben dürfen. Ohne sich Gedanken darüber machen zu müssen, ob der andere diese Liebe überhaupt wollte. Weil es in Ordnung war, dass sie liebte – und danach handelte.

Und wenn das bedeutete, dass sie sich dann und wann in den Augen anderer zum Narren machte, dann wollte sie auch darauf keine Rücksicht nehmen. Narren waren in ihren Augen nur die, die niemals ihr Herz öffneten und spürten, was Liebe bedeutete. Sollten die anderen sie doch für eine Närrin, für naiv halten. Sie wusste um das Gefühl der Liebe, sie wusste, dass Liebe Schmerz bedeutete – aber auch unendliche Freude. Und sie wusste, dass man dafür über Schatten springen musste. Weil Fast-Food-Liebe einfach nichts Echtes war. Rücksichtslos, bedingungslos, absolut, rein. Frei von Erwartungen, frei von Verpflichtungen, frei von Geheimnissen und Lügen. Das war nichts Schnelllebiges, so etwas brauchte Zeit.

Zeit, am Wegesrand stehen zu bleiben um sich eine unscheinbare Blume näher zu betrachten und so ihre Schönheit und Einzigartigkeit zu erkennen. Aber Stehenbleiben war ein Zeichen von Schwäche, zeugte von zu wenig Energie, zu wenig Ehrgeiz um es weiterzubringen. Ehrgeiz, Energie, Streben nach mehr, nur nie Schwäche zeigen. Die Höher-Schneller-Weiter-Gesellschaft in der anderes als Fast-Food-Liebe gar nicht mehr möglich schien. Zwischen Karriere und Fitness-Studio schnell so viel vom anderen konsumieren wie die Zeit und die Austernherzen es zuließen und wenn man nichts mehr bekommen konnte, weil man dazu auch mehr geben müsste, wozu man ja schließlich nicht bereit, ja nicht einmal mehr fähig war, weg damit und auf zum Nächsten.

Das war nicht, was sie brauchte. Das war nicht, was sie wollte. Sie wollte stehen bleiben, die Blume betrachten, ausgiebige Picknicks am Wegesrand, lange Abende am Kamin bei denen es um mehr als schnellen Sex mit dem Vorzeigepartner ging. Alltag. Das war das Stichwort. Ungeschminkte Wahrheiten. Probleme, die einer gemeinsamen Lösung bedurften. An einem Strang ziehen. Die Austernschalen knacken, um sich an den Perlen in ihnen zu erfreuen. Nicht um sie zu stehlen und sie, gemeinsam mit all den anderen gestohlenen Perlen in eine Kiste zu werfen, sie fest zu verschließen und dann und wann vor anderen mit seinem Schatz, dem Perlenreichtum, anzugeben. Diese eine Perle war etwas ganz besonderes, sie aus ihrem Umfeld zu reißen, nahm ihr die natürliche Schönheit und die Einzigartigkeit. Doch auch hier schlug wieder die mehr-mehr-Mentalität der Höher-Schneller-Weiter-Gesellschaft zu. Es ging nicht darum, die eine Perle zu finden und sich an ihr zu erfreuen. Es ging darum, sie dem anderen zu entreißen, schnell und unbarmherzig und ohne die eigene Perle dabei zu gefährden. Und es ging darum, möglichst viele dieser gestohlenen Perlen zu sammeln. Ehrgeiz und Gier. Der sichere Tod jeder Perle.

Entdeckte sie auf ihrem Weg durchs Leben zwei Menschen, die versonnen am Wegesrand die Perle des anderen betrachteten, wusste sie, dass ihr Weg nicht umsonst war. Sie erhaschte einen heimlichen Blick auf Glück und das gab ihr die Energie, weiterzulaufen. Zu wissen, dass es eben doch nicht nur Fast-Food-Konsumenten da draußen gab. Sondern auch jene, die glaubten und vertrauten und sich die Zeit nahmen, genauer hinzusehen. Gemeinsam. Die nicht darauf aus waren, nur zu konsumieren und die wussten, dass die Perlen nur dann glänzten, wenn man sie an ihrem natürlichen Lebensraum beließ. Und man sich am Glanz erfreuen konnte, der einem auch durch dunkle Tage half.

Das war, was sie sich wünschte. Einen Menschen, dem sie ihre Perle zeigen konnte und der sich daran erfreute und nicht achtlos daran vorüber ging oder darauf aus war, sie zu stehlen. Sie war eben ein Langsamgänger, sie liebte die Blumen am Wegesrand und verbrachte gerne ihre Zeit damit, sie zu betrachten. Und sie freute sich, wenn sie dies nicht alleine tun musste, wenn da jemand war, der mit ihr stehenblieb und der nicht davon rannte, wenn sie ihre Austernschale ein wenig öffnete, um dem anderen ein bisschen den Glanz ihres Schatzes zu zeigen.

Perlen. So einzigartig. Sie brauchten lange, um zu reifen und zu neuem Glanz zu finden. Natürlich war auch sie schon an Perlendiebe geraten und auch sie hatte schon die bittere Erfahrung machen müssen, plötzlich perlenlos zu sein, weil das Gegenüber sie ihr einfach entrissen hatte. Doch das Schöne am Leben war, dass man trotz aller Verletzungen, trotz der Schmerzen irgendwann wieder in der Lage war, eine neue, einzigartige Perle in sich wachsen zu lassen. Ein wohl behüteter Schatz. Den man jedoch nie wirklich würde alleine genießen können, denn Perlen glänzten nur im Licht. Und Licht gab es nun mal nur dann, wenn man bereit war, sich traute, die Schale zu öffnen.

Zu lieben erforderte Mut. Und es war immer ein Risiko, die Schale zu öffnen, denn eventuell war das Gegenüber ja wirklich ein Perlendieb. Den man zwar durch schnelles Zuschnappen der Schale von seinem Tun abbringen konnte – was dem anderen vielleicht die Finger verletzte, dennoch vor Diebstahl schützte – aber den man doch meist zu spät erkannte. Denn meist erkannte man die Absicht erst dann, wenn der andere bereits heftig an der Perle riss, um sie aus ihrer Verankerung zu lösen. Aber dieses Risiko musste sie eingehen. Denn was nutzte ihr die schönste Perle, wenn sie ihren Glanz nicht genießen konnte?

Vielleicht war sie leichtsinnig, vielleicht sogar ein bisschen naiv. Aber sie war immer noch und immer wieder bereit, die Schale zu öffnen um schutzlos ihre Perle zu präsentieren. Natürlich nicht jedem, dazu hatte das Leben sie bereits ausreichend Misstrauen gelehrt, aber doch gab es noch genug, die sie für würdig erachtete. Denn sie hatte nicht aufgegeben, eines Tages doch noch den zu finden, der den Glanz ihrer Perlen gemeinsam mit ihr genießen würde.

Ein Halt am Wegesrand. Weg vom Strom der Masse, die sich im ewigen Fluss einfach treiben ließ. Stehen bleiben und gemeinsam das Glänzen der Perlen entdecken und genießen und fortan den Weg gemeinsam gehen, das war ihr Wunsch. In guten wie in schlechten Tagen, geführt vom gemeinsamen Leuchten.

Das allein war ihr Wunsch und die Hoffnung, die sie durchs Leben trug.
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Mut zum Risiko

Vielleicht war das da in ihm drin wirklich keine Liebe. Wer wusste schon so genau, wie Liebe sich wirklich anfühlte? Er war kein Experte in diesen Dingen. Im Grunde genommen war er nur für sehr wenige Dinge Experte. Man konnte ja schließlich auch nicht alles wissen. Und im Prinzip trug er ohnehin viel zu viel unnötiges Wissen mit sich herum. Er wusste nicht, wie Liebe sich anfühlte. Er hatte eine Ahnung, das ja. Gelesen hatte er über Liebe. Entsprechende Filme hatte er natürlich auch gesehen. Und er hatte immer nur gedacht, dass Liebe wohl so eine Art Virus sein musste, so wie eine Erkältung. Nur dass man eben nicht ständig Niesen musste sondern ständig aus unerfindlichen Gründen weinte. Und das sogar, obwohl man absolut glücklich war. Außerdem stand man wohl ständig neben sich und tat Dinge, die man als rationaler Mensch nie auch nur in Erwägung ziehen würde. Und es konnte jeden treffen. Keiner war wirklich immun. In einer Reportage hatte er sogar einmal gehört, dass Hitler, dieser menschenverachtende Diktator einmal geliebt hatte. Also war Liebe etwas für jeden. Männer, Frauen, alt und jung, reich und arm.

Er wusste nicht, ob das da in ihm drin Liebe war. Er musste nicht ständig weinen und bisher hatte er auch nichts wirklich Merkwürdiges getan. Sein Verstand funktionierte nach wie vor einwandfrei. Aber er hatte so ein komisches Kribbeln im Bauch wenn er an sie dachte und er dachte wirklich häufig an sie. Sehr sehr häufig. Und wenn er dann ihre Stimme hörte oder sie sogar traf, dann klopfte sein Herz so viel kräftiger als sonst und das Kribbeln in seinem Bauch wurde hundertfach stärker. Zuerst hatte er wirklich befürchtet, krank zu sein. Ein Magen-Darm-Virus oder vielleicht sogar ein Herzleiden. Aber er hatte sich so gut dabei gefühlt und als nichts weiter passierte und er auch keine weiteren – negativen – Symptome bekam hatte er entschieden: das musste Liebe sein.

Beziehungen hatte er früher schon geführt. Gute Gespräche, gemeinsame Freunde, nette Abende und natürlich auch Sex, all das hatte er schon gehabt, mehr als nur einmal. Hatte sich dabei die ersten Wochen und Monate auch immer gut gefühlt und immer erst mit der Zeit das Gefühl bekommen, dass etwas fehlte. Aber dann hatte er es eben irgendwann beendet und gewartet, bis sich wieder etwas Ähnliches ergab.

Aber jetzt was alles anders. Er war verwirrt. Nicht negativ. Nein. Einfach nur verwirrt. Und ständig musste er an sie denken. Wenn er aufwachte galt sein erster Gedanke ihr und wenn er neben ihr aufwachte hoffte er immer, sie möge noch schlafen, weil er ihr so gern dabei zusah, sie betrachtete. Sie sah dann so friedlich, so unschuldig aus. Und so schön. Sie war so schön, er konnte sich gar nicht sattsehen. So etwas hatte er noch nie empfunden. Egal ob das nun Liebe war oder nicht, es fühlte sich gut an, es war schön. Er sah die Welt plötzlich mit ganz anderen Augen, es kam ihm vor, als hätte jemand kleine rosa Wölkchen unter seine Füße geschnallt, die ihn nun sanft durchs Leben trugen und ihn mit ihrem Dunst einlullten. Aber das war nicht schlimm, gar nicht schlimm. Es war wie ein ganz leichter Rausch. Leicht, ganz leicht benebelt. Ein gutes Gefühl, ganz warm.

Trotzdem bekam er manchmal, ganz plötzlich Angst, so als hätte sich eine dunkle Wolke vor sein Glück geschoben. Er hatte Angst davor, dieses gute Gefühl wieder zu verlieren. Er hatte Angst davor, sie zu verletzen. Er hatte Angst davor, sich selbst in diesem watteweichen Wohlgefühl zu verlieren. Wer konnte schon sagen, was morgen war? Und was wusste er schon über ihre Gefühle? Vielleicht war sie zu ihm wie er früher zu den anderen Frauen gewesen war. Auch er hatte früher von Liebe gesprochen, einfach, weil er genau gewusst hatte, dass es das war, was die Gegenseite hören wollte. Alles andere rief nur Grundsatzdiskussionen auf den Plan. Sicher hatte er auch ein paar Mal geglaubt, wirklich zu lieben. Oder hatte es sich zumindest gewünscht, hatte gehofft, dass es dies Mal Liebe war. Aber es hatte sich eben nie so angefühlt wie jetzt. Gar nicht. Das jetzt – das war anders, ganz anders. Besser, viel besser. Aber wer wusste nicht, wie es für sie war, ob sie ihre Worte ernst meinte oder es einfach nur nicht besser wusste. Oder ob sie es nur sagte, weil sie wusste, dass er es sich wünschte. Und wenn ihre Worte tatsächlich ernst gemeint waren, wie groß war dann seine Verantwortung ihr gegenüber? Würde er sie wirklich glücklich machen können? Was, wenn er sie verletzte? Was, wenn er sie so sehr verletzte, dass sie ihm nicht verzeihen konnte, ihn verließ? Er war nicht unfehlbar, er war auch nur ein Mensch und noch dazu ein in Liebesdingen sehr unerfahrener. Er würde sie über kurz oder lang verletzen, das lag in seiner Natur, das tat er immer, auch bei Freunden und Familie. Nicht selten war er als unsensibler Klotz bezeichnet worden. Und das war er wohl auch. Er war rational und logisch. Dass er etwas Verletzendes gesagt oder getan hatte fiel ihm oft erst auf, wenn die Gegenseite sich zurückzog oder es ihm ziemlich deutlich sagte. Emotionalität, das lag ihm nicht, Gefühlsduseleien passten nicht in seine Welt. In seiner Welt wurde mit dem Kopf entschieden, das Pro und Contra ab gewägt, immer auf Vorteil bedacht. Bauchgefühl funktionierte bei ihm nicht, nicht einmal beim Sport, obwohl er dabei für seine Verhältnisse sehr emotional war.

Sie war ihm so wichtig. Sie hatte ihm die Welt aus einer ihm völlig neuen Perspektive eröffnet. Sie war schön, hatte Humor, war intelligent und einfühlsam, es machte Spaß mit ihr zu reden, ja sogar das Schweigen mit ihr war schön. Sie betrachteten gemeinsam ein Bild, hörten das gleiche Lied und dachten dasselbe. Fast so, als gäbe es eine magische Verbindung zwischen ihnen beiden. Er genoß jede Sekunde ihrer Gegenwart, saugte sie in sich auf wie ein durstiger Schwamm, inhalierte sie, konnte einfach nicht genug bekommen. Nie zuvor hatte er so etwas gespürt. Und doch kam er nicht umhin, auch diese Angst zu verspüren. Wie konnte er ein selbständiger Mensch bleiben, wenn er so abhängig von ihr war? Er war es sein ganzes Leben lang gewöhnt, Verantwortung für sich zu übernehmen – ohne dabei anderen gegenüber zu Rechenschaft verpflichtet zu sein. Er hatte früh gelernt, dass man sich auf andere nicht verlassen sollte, nicht verlassen konnte. Er hatte früh begriffen, dass Abhängigkeit von anderen immer schlecht war. Er war in dem festen Glauben durchs Leben gegangen, dass Bindungen nur hinderlich waren, dass man sich nur auf Unverbindlichkeiten einlassen sollte.

Das war jetzt anders. Weil er plötzlich im Wir-Modus dachte, weil er sich plötzlich nicht mehr als eigenständiges Individuum wahrnehmen konnte. Unsicherheit trübte das Glücksgefühl und verhinderte, dass es ihn ganz und gar durchströmte. Ein Dorn des Zweifels, den er sich vor langer Zeit zugezogen hatte und nie hatte ziehen können, ja sogar für eine ganze Weile vergessen hatte, meldete sich nun. Das warme Glücksgefühl hatte an ihm gerüttelt und nun hatte sich das Fleisch um ihn herum entzündet. Und es schwärte, fraß schwarze Löcher in das gute Gefühl. Er wollte das nicht, doch er konnte es nicht verhindern, der Dorn saß an einer für ihn unerreichbaren Stelle und es schien kein Heilmittel zu geben. Konnte die Entzündung ihn vergiften? War der Dorn in der Lage, die Liebe zu töten? Dieser Gedanke ängstigte ihn so sehr, dass er zu frösteln begann. Er wusste nichts von diesem Dorn oder wie er dahin gekommen war, so dachte er nicht. Doch er ahnte seine Existenz und er spürte den Schmerz der Entzündung, das schwarze Gift in seinen Adern. Und er hatte Angst. Angst davor, sich auf jemand anderen zu verlassen, wirklich zu vertrauen, echte Nähe dauerhaft zuzulassen. Und er hatte Angst vor seinem Zweifel und Misstrauen, weil er fürchtete, damit alles zu zerstören. Etwas, das sich so gut anfühlte durfte er nicht zerstören, einen so großartigen Menschen durfte er nicht verletzen. Doch was sollte er tun, gegen welches dieser Gefühle sollte er kämpfen und wie? Er war kein emotionaler Mensch, den Umgang mit Gefühlen hatte er nie wirklich gelernt. Vielleicht war er schon zu alt um es jetzt noch zu lernen.

Er liebte das Gefühl das sie in ihm auslöste und er wollte nicht darauf verzichten. Und er glaubte daran, dass es Liebe war. Es musste Liebe sein, nichts anderes erklärte dieses Chaos da in ihm. Doch er würde einen Weg finden müssen, damit umzugehen. Er mochte kein Chaos, auch wenn es im Augenblick sogar irgendwie schön war. Aber auf Dauer brauchte er Struktur, eine klare Linie. Und trotz allem ein Gefühl von Freiheit. Im Moment fühlte er sich ohne sie verlassen, nicht vollständig. Doch mit diesem Gefühl konnte er nicht dauerhaft leben. Das machte ihm zu viel Angst. Er wollte nicht von anderen abhängig sein und die Sache mit dem Vertrauen – nun, da würde er wohl an sich arbeiten müssen.

Aber zuerst wollte er noch ein bisschen dieses wundervolle Hochgefühl genießen. Und dann, irgendwann, rausfinden, wie es um die Ernsthaftigkeit ihrer Gefühle bestellt war. Irgendein berühmter Mensch hatte einmal gesagt, die Liebe wäre ein Risiko, das es wert wäre, eingegangen zu werden. Nun, wenn das warme Kribbeln in ihm wirklich Liebe war, dann wollte er es wagen. Zum ersten Mal in seinem Leben war er bereit, ein unbekanntes Risiko einzugehen.



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