my own sweet world of mind
  Startseite
    Tageblog
    Vertonte Gedanken
    Aphorismen
    Witze
    kleine Außerirdischenküche
  Über...
  Archiv
  dat Außerirdische
  Legalitäten
  In loving memory
  Die Fabel vom Fabelmädchen
  Wundersames Tierleben
  kleine Häppchen für den Geist
  kleine Häppchen für den Geist 2
  kleine Häppchen für den Geist 3
  kleine Häppchen für den Geist 4
  kleine Häppchen für den Geist 5
  Sprüche
  Eigene Gedichte I
  Eigene Gedichte II
  Eigene Gedichte III
  Eigene Gedichte IV
  Eigene Gedichte V
  Eigene Gedichte VI
  Eigene Gedichte VII
  Eigene Gedichte VIII
  Eigene Gedichte IX
  Lieblingsgedichte
  Gästebuch
  Kontakt
  Abonnieren

   
    thegloriousmess

   
    anibeutel

   
    goettertochter

    - mehr Freunde

   Utopia - nachhaltiger Konsum
   Foodwatch
   Da wird mir übel
   Chrissies Enten Kastanien Welt
   Postsecret
   BDSM-Wiki
   cute little dead girl
   Saladfinger
   Best Cure-Coverband ever!
   Aphorismen
   ...

   23.02.14 14:30
    Sehr schöner Blog und gu
   8.10.14 12:29
    . . . nur wie lange n
   29.10.16 08:44
    Kiv7aO bvlceqijfhxj, [u

http://myblog.de/legalalien

Gratis bloggen bei
myblog.de





Nur ein Spiel

Du darfst nicht springen, er hielt ihre Hand fest. Aber das ist die einzig richtige Antwort, sie versuchte, sich von ihm zu lösen. Wie kann dieser Sprung eine Antwort sein? Und was ist überhaupt die Frage? Er starrte sie an. Der Sinn des Lebens, lächelte sie. Es geht immer nur darum. Wusstest du das nicht? Sie sah ihn mit ihren kobaltblauen Augen an. Nur darum geht es. Den Sinn des Lebens.

Sie setzte sich an den Rand und ließ die Beine in die Tiefe baumeln. Komm, sie klopfte mit der flachen Hand auf den Platz neben sich. Setz dich, dann erkläre ich es dir. Es ist ganz einfach. Sie klopfte noch mal, nun mach schon. Dir wird schon nichts passieren. Und ich bleibe auch brav. Versprochen. Er sah sie an, seufzte leise und setzte sich. Hier und jetzt die Antworten auf alle Fragen zu bekommen schien ihm selbst für sie zu absurd. Aber eigentlich hätte er sich längst daran gewöhnt haben sollen, dass sie so war. Und nun saßen sie da, ließen die Beine baumeln und sie genoss sichtlich die Aussicht in die Ferne. Und in die Tiefe.

Weißt du, sagte sie, das Leben ist ein Spiel. Ein ganz simples Spiel, es gibt kaum Regeln. Er atmete hörbar ein. Stop! Sie sah ihn an. Bevor du mir jetzt widersprichst – ich weiß, dass es auf der Welt jede Menge Regeln gibt. Und wenn man sie sich mal genauer ansieht, wird man feststellen, dass sich viele davon widersprechen oder einfach nur dazu da sind, uns das Leben schwer zu machen. Dieser Regeln sind Teil des Spiels. Aber nicht so, wie du jetzt denkst. Sie wurden nicht aufgestellt um das Spiel spielen zu können. Sie aufzustellen war und ist bereits Teil des Spiels. Er sah sie an. Das konnte heiter werden. Philosophie in luftiger Höhe. Aber wenn es sie davon abhielt zu springen, würde er eben zuhören. Das Leben war also ein Spiel. Ok soweit? Sie sah ihn an, fragend. Er zögerte und nickte leicht. Ok soweit. Gut, meinte sie. Das Leben ist also ein Spiel. Wir alle spielen es. Manche wissen es gar nicht, andere schieben einer imaginären Über-Figur ihre Spielsteine zu, überlassen anderen ihre Spielzüge, wieder andere sind wahre Meister.

Ihr Lächeln bekam langsam einen leicht irren Ausdruck, dachte er so bei sich, hörte aber weiter zu. Wer wusste schon, was da noch kommen würde. Ok, sie sah ihn an, das Spiel erscheint den meisten deswegen schwer und undurchschaubar, weil sie weder bereit sind, es tatsächlich als Spiel anzusehen noch akzeptieren können, dass sie selbst es sind, die es spielen und die die Regeln machen. Sie möchten es gar nicht einfach – weil es ihnen zu einfach wäre. Verstanden soweit? Sie sah ihn an und er zwang sich einen wissenden Blick und ein Nicken ab – obwohl er langsam gar nichts mehr begriff und sie dafür aber für immer verrückter hielt.

Pass auf. Hatte sie ihn durchschaut? Es ist ganz einfach. Es ist alles ganz einfach. Du brauchst unbedingt die Gotteskomponente, richtig? Sie sah ihn durchdringend an. Sie hatte ihn durchschaut. Verdammt. Also, wenn das wirklich ein Spiel war, dann war sie verdammt gut darin. Gut, damit du zufrieden bist, stell dir vor, Gott wäre ein achtjähriges Kind und die Erde ein großer Ameisenhaufen. Kannst du dir das für einen Augenblick vorstellen? Er versuchte es. Und er sah sich selbst, knapp acht Jahre alt, wie er im Wald am Boden kauerte, die Lupe seines Großvaters im Anschlag, vor sich einen riesigen Ameisenhaufen, Gewusel winziger vieler winziger Tiere die alle durcheinander liefen und bei denen trotz allem alles perfekt zu funktionieren schien. Er war also Gott.

Du hast das Bild im Kopf? Wieder nickte er leicht. Gut, dann können wir ja weitermachen. Wir sind alle also winzige Ameisen, die im organisierten Chaos sitzen und das Lebensspiel spielen. Es gibt ein paar äußere Einflüsse, die wir nicht oder nur in geringem Maß steuern können – so wie beispielsweise das Wetter – alles andere aber bleibt allein uns überlassen. Einzige wirkliche Schwierigkeit – und gleichzeitig Ziel des Spiels – ist, zu begreifen, dass es ein Spiel ist. Sich selbst darüber klar werden, dass es keinen tieferen Sinn gibt, keinen Gottesplan, keine höhere Macht der wir gefallen müssen. Wir selbst sind Gott, verstehst du?

Nun war er völlig verwirrt. Eben war Gott noch ein Achtjähriger vor einem großen Ameisenhaufen und nun war plötzlich jeder Gott? Gna. Diese Frau würde ihn irgendwann noch in den Wahnsinn treiben. Du bist also Gott? Fragte er sie unsicher. War sie jetzt völlig übergeschnappt? Ich bin Gott, du bist Gott, Stefan ist Gott, Chrissie ist Gott, Steffi ist Gott. Jeder ist Gott. Oder – wenn du damit besser klar kommst, denn sie sah ihm jetzt deutlich an, dass er sie für übergeschnappt hielt, dann nimm einfach an, Gott ist in jedem von uns. Klingt das für dich besser? Er sah sie noch immer skeptisch an. Es klang für ihn besser. Nicht wesentlich, weil die Vorstellung, dass Gott sich auf Milliarden von Menschen verteilte ihm auch nicht wirklich gefiel, aber sie klang wenigstens nicht nach Größenwahn. Er. Gott. Wie lächerlich. Aber dass Gott sich hier und da mal in ihn rein schlich, ihn steuerte, die Welt mit seinen Augen sah – mit dieser Vorstellung konnte er fürs Erste leben. Okee, murmelte er in seinen nicht vorhandenen Bart, Gott ist also ein Achtjähriger vor einem großen Ameisenhaufen, der in jedem von uns steckt? Er sah sie fragend an und erkannte an ihrem Augenverdrehen, dass seine Provokationen die Geschichte nur unnötig verzögerten. Ok, ok, lenkte er ein. Das passt schon. Gott ist in jedem von uns. Mach weiter.

Jetzt war sie diejenige, die kurz skeptisch guckte, dann schien sie sich auf ihre Geschichte zu besinnen und sie blickte wieder wissend in die Ferne. Also, Sinn und Zweck des Spiels, Ziel des Lebens ist es, zu durchschauen, dass es nur ein Spiel ist. Und zwar eins, bei dem wir zwar ein vorgefertigtes Spielfeld haben, aber dieses jede Menge unbekannte Ecken und unentdeckte Orte hat. Und damit meine ich jetzt nicht nur irgendwelche Inseln, die Tiefsee, unerforschte Höhlen oder die Weiten des Weltraums. Das auch, ja. Aber der unbekannteste und am wenigsten entdeckte Ort in diesem Spiel sind wir selbst. Er raufte sich innerlich die Haare. Jetzt waren wir nicht nur Gott oder sein Gefäß, jetzt waren wir auch noch das Spielfeld. Aber ok. Was solls. Er gab es auf, die Logik in ihren Worten zu suchen und hörte einfach nur zu, in der Hoffnung, dass sie am Ende den gordischen Knoten in seinem Hirn schon noch zerschlagen würde.

Unser Sinn des Lebens ist es also, zu durchschauen, dass das Leben selbst nur ein Spiel ist. Und wir haben dabei die Fäden in der Hand und befinden uns auf unbekanntem Terrain. Die Erde – die Welt in der wir leben – unser gemeinsames Spielfeld sozusagen, wird immer weiter erforscht und ausgelotet, entdeckt und kartographisiert. Aber sie bleibt uns unerschlossen, solange wir sie nicht selbst entdecken. Das heißt, wir müssen bereit sein, uns zu öffnen. Bereit sein, zu sehen. Und das nicht nur um uns herum. Auch in uns drin, denn der wichtigste Ort auf dem Spielfeld sind wir selbst. Wir selbst sind es, die erforscht werden müssen. Nicht die Pickel im Gesicht, der Speck am Bauch, die Cellulite an den Oberschenkeln. Scher, auch das gehört dazu. Aber nicht als Makel oder Hindernis auf der Lebensreise. Nein. Eher… neutral. Als Teil des Spielfelds. Etwas, das eben einfach zu uns gehört. Und vergiss nicht – wir sind es, die das Spiel spielen. Wir sind es, die am Ruder sitzen, das Ganze steuern. Und wir haben einen wunderbaren Spielplatz. Uns selbst. Und wer legt da die Regeln fest? Wir! Verstehst du? Sie lachte ihn an. Wir! Wieso das anderen überlassen? Wieso unterwerfen sich so viele Regeln, die sie in ihrem Spiel gar nicht haben wollen? Wer sagt, dass Cellulite hässlich ist? Wer sagt, dass nur schlanke Menschen schön sind? Du spielst das Spiel. Du bist der Spielmeister. Du bist derjenige, der die Aufgabe – und das unheimliche Glück – und auch die Gabe hat, sich selbst, dein eigenes Spielfeld, für dich zu entdecken. Und nur du allein legt die Regeln auf diesem Spielfeld fest. Es ist dein Spiel, dein Spielfeld – dein Leben.

Die andere mögen deine Nase nicht? Was juckt es dich? Es ist dein Spielfeld, nur dir muss es gefallen, nur für dich muss es perfekt sein. Und du bist perfekt. Es ist egal, ob du groß, klein, dick oder dünn bist – du stellst die Regeln auf, nur du sagst, ob das gut ist oder schlecht.Gott. Du bist dein Gott, du kannst dich zu dem machen, was du sein willst, du kannst dich entdecken. Mit offenen Augen. Du bist ein Wunder. Verstehst du? Sie lachte und stand auf. Wir müssen nur verstehen, dass es ein Spiel ist. Und lernen, es zu spielen. Nach unseren Regeln. Sie zog ihn hoch und sah ihm tief in die Augen. Er begann zu begreifen. Zu begreifen, wieso sie hier waren. Zu begreifen, dass es nicht die anderen waren, die die Regeln in seinem Spiel machten. Nur er selbst. Er war das Spielfeld. Er war der Spielmeister.

Weißt du jetzt, wieso ich da runterspringen muss? Fragte sie ihn. Ja, er nickte. Erst langsam, zögerlich, dann mit Nachdruck. Ja! Ja, ich verstehe es. Gott, du Verrückte. Er küsste sie lachend. Es ist dein Spiel und wenn ich das richtig sehe, steigst du gerade in die Profiliga auf, er überprüfte bei diesen Worten noch mal das Seil an ihrem Körper.

Oh ja, das tue ich. Sie ging ein paar Schritte zurück und nahm Anlauf. Und wie ich das tue. Sie rannte los und sprang. Ich bin frei!!! Rief sie lachend und fiel in die Tiefe. Das Seil zog sie kurz vor dem Aufprall zurück. Sie pendelte aus, während er lachend am Boden zusah. Du bist frei und es ist dein Spiel. Sie grinste ihn an. Du hast es verstanden, keuchte sie atemlos und glücklich. Ich bin frei und es ist mein Spiel. Scheiß doch auf Höhenangst. Gott, macht Bungee-Jumping Spaß! Die Helferin löste kopfschüttelnd das Seil und sie fiel in seine Arme. Lass uns hier verschwinden und das Spiel ein bisschen gemeinsam spielen. Sie zwinkerte ihn an, sie nahmen sich an die Hand und verließen mit wissendem Lächeln die Matte unter dem Kran.

Das Leben ist ein Spiel. Wir müssen nur verstehen, dass wir es sind, die es spielen.
___________________________________________________


Tag der Entscheidung

Ich sitze hier und genieße die Stille des eben erwachten Tages. Mein Herz ist noch immer zwiespältig. Es gibt so viel zu sehen und zu entdecken, wie kann ich mir da freiwillig Ketten anlegen wollen?

Es war so viel passiert in den letzten Jahren. Mehr als so manche Menschen in ihrem ganzen Leben erleben. Da war es doch nur legitim, jetzt zur Ruhe kommen zu wollen. Trotzdem wusste ich, wenn ich jetzt einen Spiegel hätte, würde mir mein Blick verraten, dass man mir meine Unsicherheit bezüglich des nächsten Schritts ansehen konnte. Absolutheit war, was ich mir immer gewünscht hatte. Immer ersehnt hatte. Da sollte ich doch glücklich sein, jetzt wo ich es erreicht hatte. Eine absolute Einheit – mein Traum. Doch will man wirklich immer, dass Träume in Erfüllung gehen? Will ich das? Wenn Träume Realität werden, erscheinen sie manchmal gar nicht mehr so erstrebenswert. Jetzt ist meine letzte Chance. Meine letzte Chance, mir einen neuen Traum zu suchen und nach dessen Erfüllung zu streben. Wieder sehnsuchend zu sein. Unerfüllt. Aber träumend. Und das scheint manchmal so viel erstrebenswerter als Realitäten zu leben. Wenn ich nicht mehr träumen kann, nicht mehr hoffen, nicht mehr sehnen – was bleibt mir dann? Das Leben eines Traums, der täglich mehr verblasst, weil der Alltag ihm die Farbe nimmt? Kann ich das? Kann ich Absolutheit leben?

Ich sehe auf die Uhr. Viel Zeit bleibt mir nicht mehr für meine Entscheidung. Sollte man sich entscheiden, wenn man so sehr zweifelt? Sollte ich bei so einer gravierenden, lebenseinschneidenden Entscheidung nicht frei und aus tiefstem Herzen heraus ja sagen können, weil Zweifel einfach nicht angebracht sind? Wenn ich zweifle bin ich nicht absolut. Wenn ich nicht absolut bin, kann ich mich nicht für Absolutheit entscheiden und sie guten Gewissens leben. Das funktioniert einfach nicht. Aber es wäre die Erfüllung eines Traums. Nein. Nicht eines Traums. Des Traums. Meines Lebenstraums. Allem, was ich immer wollte, immer ersehnt hatte. Also sollte ich es vielleicht doch tun. Ich sollte es tun. Ich sollte den Schritt, diesen letzten auf dem langen Weg, endlich wagen und es tun. Mich darauf einlasen. Sonst wäre alles umsonst gewesen. All die Jahre der Suche, all die Jahre des Kämpfens. Und ich war des Kämpfens so müde. Ich wollte endlich ankommen. Endlich erreichen, was ich immer erhofft, immer angestrebt hatte. Absolutheit.

Wieder sehe ich auf die Uhr. Bald ist es soweit. Nicht mehr lang. Ich kann hören, wie der Rest des Hauses erwacht. Wie die Vorbereitungen beginnen. Die Vorbereitungen für meinen großen Tag. Ich kann es, das weiß ich nun. Und ich weiß auch, dass ich es will. Ganzheit, Absolutheit, Einheit. Ihm gehören. Und das für den Rest meines Lebens. Ja, das ist, was ich will, das ist, was ich sehne, wonach ich mein ganzes Leben strebte. Es klopf und die Tür zu meiner karg eingerichteten Kammer öffnet sich. Es ist soweit. Die Vorbereitungen beginnen. Ich senke meinen Kopf und nicke leicht. Ja, ich will es. Ich will ihm gehören, ihm dienen, für den Rest meines Lebens. Ich drehe mich nicht um, ich stehe nicht auf. Ich weiß ja, wer das Zimmer betreten hat, weiß, was jetzt folgt. Und es erfüllt mein Herz mit Freude.

Ich lasse meinen Kopf gesenkt als sie hinter mich tritt. Mein Haar, mein schönes langes schwarzes Haar nimmt, es zu einem Zopf zusammenführt. Zärtlich, fast schon liebevoll. Dann der Schnitt. Ein Schnitt mit der großen, scharfen, silberfarbenen Schere. Und sie fallen. Und das ist gut so. Ich schließe die Augen, als sie die Haare immer kürzer schneidet, schließlich den Rasierschaum auf meinem Kopf verteilt und anfängt, ihn kahl zu rasieren. Ich brauche keine Haare mehr. Nicht unter dem schlichten schwarzen Gewand aus Wolle.

Ich werde ihm gehören. Noch eine Stunde, dann ist es soweit. Meine Initiation. Und dann bin ich sein. Für immer. Kein anderes Leben mehr möglich. Nur Ganzheit, Absolutheit, Einheit. Und das für den Rest meines Lebens. Schweigend. Dienend. Geschützt vor der Welt hinter den Mauern des Klosters.
___________________________________________________


Arora

„Du wirst niemals meine Seele sehen, niemals meine Heimat sein.“

Das wusste sie jetzt. Aber die Erkenntnis traf sie nicht wie ein Schlag. Sie hatte sich eher langsam und heimlich eingeschlichen. Ihr die Luft abgedrückt, so wie eine dieser großen Schlangen, die achtlos das Leben aus ihren Opfern presst. Sie hatte so lang versucht, sich in ihm zu sehen. Hatte sich ihm offenbart, wieder und wieder. War ihm in Demut und Liebe begegnet und hatte ihm den Schlüssel zu ihrem geheimen Garten geschenkt. Sie hatte an ihn geglaubt und auf ihn vertraut. Und doch hatte sie sich jeden Tag ein bisschen einsamer gefühlt. Verlassen und schutzlos. Und hatte sich gehasst dafür, hätte ihre Liebe zu ihm sie doch eigentlich vollständig ausfüllen – erfüllen - müssen. Doch sie hatte hinterfragt. Seine Liebe zu ihr hinterfragt. Hatte gefordert. Anerkennung und Aufmerksamkeit. Und hatte sich dabei so selbstsüchtig gefühlt. So unrein und falsch. Bis sie irgendwann für sich erkannte, dass alles ihre Schuld war. Dass sie sich mit diesem Verhalten seine Liebe nicht verdiente. Dass sie es nicht verdiente, dass er ihr Aufmerksamkeit zuteil werden ließ. Also begann sie, an sich zu arbeiten. Demütiger wollte sie sein, ein wertvolles Leben führen, sich seiner Liebe würdig erweisen, weil es gut war, was sie tat, wie sie dachte und fühlte.

Sie fühlte sich so einsam. So verlassen. Kein Halt, keine Geborgenheit, nur das Unterdrücken der Sehnsucht. Sehnsucht nach seiner Liebe. Sehnsucht nach seiner Anerkennung und Aufmerksamkeit. Aber das war nicht gut. Sie war nicht gut. So vieles an ihr war unperfekt, nicht liebenswert. Ihr Egoismus war so falsch. Sie sollte geben, statt zu erwarten, nehmen zu dürfen. Sie sollte lieben, statt zu erwarten, geliebt zu werden. Sie sollte achten, weil sie nur dann Achtung erhalten würde, wenn sie selbst ihn höher achtete als sich selbst. Sie sollte ihm all ihre Aufmerksamkeit schenken, damit er sah, wie viel ihr an ihm lag. Nur dann würde sie sich verdienen, auch von ihm geliebt zu werden.

Ihre Liebe musste rein sein. Frei von Ansprüchen. Frei von Erwartungen. Weg von dem Gedanken, zu wollen. Einzig der Gedanke zu geben war richtig. Nur das würde sie erlösen. Nur das würde ihr die Freiheit schenken, nach der sie sich so sehr sehnte. Selbstlosigkeit, Aufopferung, nur noch für ihn und seine Wünsche leben. Den Boden anbeten, den er beschritt, seine Wünsche respektieren, seine Befehle ausführen. Doch das war so schwer. Nie war es gut genug, was sie tat. Denn egal, wie sehr sie sich anstrengte, sie erhielt nie, wonach sie sich sehnte. Etwas in ihr brannte. Es brannte lichterloh. Es brannte sie aus. Der Schmerz wuchs jeden Tag und erfüllte sie wie ein schwarzer Dämon. Sie hoffte, doch mit jedem Tag Hoffnung wuchs der Schatten, loderte die Flamme heißer, verbrannte ihr Herz, ließ ihre Seele zu Asche zerfallen. Sie starb. Sie starb, vor seinen Augen. Und er unternahm nichts. Er sah zu, wie ihr Innerstes elend verkümmerte und unternahm nichts. Er strafte sie. Mit Missachtung. Weil sie so schwach war. Und weil sie sich immer noch nicht gelöst hatte von ihrer Sucht nach Aufmerksamkeit, nach Erkennen. Von ihrer Sucht nach Liebe und Geborgenheit. Sie war nicht perfekt. Sie war ein Nichts. Ein Nichts, das nicht lernte. Nicht lernte, sich selbst vollständig hinzugeben. Weil nur das der Weg zu seinem Herzen war.

Doch der Weg war steinig. Er war steil und hart und unwegsam. Und sie hatte keine Kraft mehr. Sie wollte ihn lieben, ihn achten und ehren. Sie wollte ihm dienen, ihn glücklich machen. Nur das war ihr Ziel, nur danach strebte sie. Sein Glück war ihr Sein. Doch es genügte nicht. Sie war noch immer zu selbstsüchtig, begehrlich und charakterlos. Noch immer war sie auf der Suche und sie konnte es nicht stoppen. Sie wusste längst, dass sie es nicht wert war. Sie wusste längst, dass sie die Liebe nicht verdiente. Sie wusste, dass sie so wie sie war niemals Erlösung finden würde. Niemals seine Gnade erhalten würde. Er hatte sie abgeurteilt, ächtete sie, weil sie noch immer so sehr auf sich selbst bedacht war.

Das Feuer in ihr brannte sie aus und hinterließ nur schwarze Asche. Sie wusste, dass sie es selbst zu verantworten hatte. Es war nicht seine Schuld, dass sie noch immer suchte. Es war nicht seine Schuld, dass es ihr einfach nicht ausreichte, ihn zu lieben. Es war nicht seine Schuld, dass sie so narzisstisch danach strebte, selbst geliebt zu werden. Nein. Das alles war ihre Schuld. Sie hatte nicht gelernt, dass es ausreichte, von der Liebe zu ihm erfüllt zu sein. Und nun erhielt sie ihre gerechte Strafe. Ein Höllenfeuer, das sie ausbrannte um sie von ihren Sünden zu befreien. Sie zu reinigen. Sie endlich zu dem zu machen, was sie sein sollte. Ein perfektes, reines Wesen. Nur darauf bedacht, ihn zu lieben, zu achten und zu ehren. Und keinen Gedanken mehr an das eigene Wohl, das eigene Sein zu verschwenden.

Doch dieses Inferno ließ ein Schattenreich zurück. Keine Reinheit. Die Selbstsucht war noch immer da. Der vermessene Glaube daran, wertvoll zu sein. Und auch die Sehnsucht hatte sich nicht töten lassen. Sie suchte Schutz und Geborgenheit. Einen Ort, an dem sie sich endlich loslassen könnte. Atmen könnte. Einen Platz, an dem ihre Tränen keine Schande waren, ihre Unvollkommenheit kein Grund, sie zu verstoßen. Sie wusste, es war falsch. Doch konnte sie nicht aus ihrer Haut. So zu fühlen war nicht recht. Sie hatte kein Anrecht darauf. Aber sie hatte so lang versucht, sich zu unterdrücken. So lange alles getan, um seine Liebe zu erhalten. Alles dafür gegeben, seine Aufmerksamkeit, ein kleines bisschen Anerkennung von ihm zu bekommen. Doch nichts war geschehen. Er hatte sie verächtlich übersehen. Er hatte ihr immer wieder zu verstehen gegeben, wie wertlos sie war. Er hatte ihr immer wieder vor Augen geführt, wie unvollkommen und nutzlos sie war. Er hatte alles getan, um sie klein zu halten. Doch geliebt hatte er sie nie. Denn ihre Liebe zu ihm war nie rein genug gewesen. Sie hatte alles zerstört. Er würde sie nie lieben. Jetzt nicht mehr. Sie war ausgebrannt, nur noch Finsternis, noch unreiner, noch unvollkommener als je zuvor. Wie sollte er sie da lieben können?

Und er verstieß sie. Er sah sie an, mit hartem, kaltem Blick, in dem sie deutlich seine Abscheu sah. Seine Missachtung. Keine Liebe. Keinen Schutz. Nicht ein Funken Mitleid, nicht ein kleines bisschen Herzlichkeit. Nichts. Er verstieß sie. Verjagte sie. Ließ sie einfach fallen.

Und sie fiel. Es war ein tiefer Fall. Ein schneller Fall. Und sie hatte Angst. Große Angst. Denn sie wusste nicht, was kommen würde. Würde sie aufschlagen und zerschellen? Würde sie ewig weiter fallen? Würde sie in die Hölle kommen? Wo Teufel und Schwefelbad sie erwarteten? War das ihre Strafe? Die Strafe für ihre Selbstsucht und Unvollkommenheit? Für die Unreinheit, die ihr Dasein bestimmt hatte? Sie fürchtete sich so sehr und wusste zugleich, dass egal was kommen würde, sie es verdient hatte. Sie wusste es, denn im Grunde ihres Herzens kannte sie ihre Fehler. Sie wusste um ihre Schwächen und ihren vermessenen Egoismus. Sie wusste, was auch immer er für sie entschieden hatte, es würde gut sein. Gerecht. Denn ihr Verhalten war schändlich gewesen. Und der Verstoß nur billig.

Sie fiel in ein Loch. Eine dunkle, warme Höhle. Nass war es da. Ein lautes Pochen war zu hören. Und ein leiseres, schnelleres. Und sie lauschte und merkte, dass das schnelle, leisere Pochen von ihr selbst ausging. Sie versuchte, sich umzusehen. Versuchte, herauszufinden, wo sie war. Das war nicht die Hölle, es roch nicht nach Schwefel, sie hörte keine Menschen schreien, um Hilfe rufen, um Gnade betteln, um Erlösung jammern. Nein. Nur diese laute Pochen und ein Murmeln im Hintergrund. Und das Pochen in ihr selbst. Ihr Herz war das. Ihr kleines Herz war das, was da so pochte. Sie lebte. In einer kleinen, dunklen Höhle voller Wasser. Sie versuchte, sich zu bewegen, doch der Platz war begrenzt. Auch wenn die Wände elastisch erschienen.

Sie wusste nicht, wie lang sie in dieser Höhle war. Sie wusste nicht, wie sie versorgt wurde, doch Hunger litt sie nie. Sie schlief viel und war sie wach, versuchte sie, einen Ausgang zu finden. Dann erwachte sie, weil alles sich bewegte. Sie hörte eine weibliche Stimme, klagend vor Schmerz. Und dann ein Licht. Und sie wurde in die Richtung gepresst, aus der dieses Licht kam. Wieder begann sie, sich zu fürchten. Je näher sie dem Licht kam, desto kälter wurde es. Das Nass um sie herum hatte sich aufgelöst, nur noch ein warmer Schleim umfing sie, während sie in die Kälte gedrückt wurde. Und plötzlich wurde ihr klar, was ihre Strafe war. Ihr wurde klar, wo Gott den gefallenen Engel hingeschickt hatte. Und als sie das grelle Licht des Kreissaals erblickte, schrie sie vor Entsetzen. Sie weinte und zitterte. Gott hatte ihre Unvollkommenheit zu ihrem Leben gemacht. Er hatte sie verstoßen. Und auf die Erde geschickt um dort ein Leben als Mensch zu verbringen. Das war seine Strafe.

Die Strafe für ihre Unreinheit, ihre Vermessenheit, ihre Sucht nach Aufmerksamkeit und Liebe. Sie war nun ein gefallener Engel. Dazu verdammt, auf Erden zu weilen. Sie hatte ihn so sehr geliebt. Und sie liebte ihn noch. Und sie würde ihr Leben auf Erden, ihr Dasein als Mensch damit verbringen, ihm zu dienen. Ihm zu beweisen, dass sie es doch konnte. Dass sie lieben konnte ohne auf Gegenliebe zu hoffen. Dass sie das eigene Wohl dem der anderen unterordnen konnte. Und dass sie ihre Sehnsucht nach Schutz und Geborgenheit würde unterdrücken können. Sie würde es ihm beweisen. Und sie wusste, dass sie sich beeilen musste, denn Menschenleben dauern keine Ewigkeit.

Er würde niemals ihre Seele sehen, niemals ihre Heimat sein. Nicht, solange sie nicht gelernt hatte, selbstlos zu lieben.
___________________________________________________________________

Seelenverwandt

Der Wind strich über den Hügel. Er streichelte das Gras mit energischer Hand. Der Himmel hatte die Farbe von schmutzigem Schnee und die Sonne suchte vergeblich, hindurch zu dringen. Ungemütlich war es und die Menschen, die sich im Freien bewegen mussten, taten dies schnell, mit gesenktem Kopf und mürrischem Gesichtsausdruck. Alle – bis auf eine. Diese eine stand im Wind, streckte ihm ihr Gesicht entgegen und genoss seine massiven Zärtlichkeiten mit den Armen zur Seite gestreckt wie die Flügel eines Vogels. Ihr Haar flatterte im Spiel des Winds und sie schien es mit jeder Faser ihres Körpers zu genießen. Sie stellte sich dem Wetter wie sie es immer getan hatte und nur wer ganz genau hin sah – und wer hatte bei diesem Wetter schon die Zeit – konnte die Tränen in ihrem Gesicht sehen. Heiße Tränen, trotz Wind, der sie über ihre Wangen trieb. Sie schluchzte nicht, sie ließ den Kopf nicht sinken. Sie stellte sich dem Wetter und schenkte ihm ihre Tränen. Der Wind war ihr Vertrauter, es war nicht schlimm, dass er ihre Tränen sah. Er kannte sie, sie waren Verbündete, bei nur in Maßen beliebt bei den Menschen, die sich den Wind und sie stets nur dann herbei wünschten, wenn es gerade nützlich schien.

Doch sie wollte nicht immer nur nützlich sein. Die ständige Missachtung schmerzte sie noch immer. Noch immer waren die spöttisch gesprochenen Worte wie kleine Giftpfeile, die sich tief in ihr Herz und ihre Seele bohrten und sie einen langsamen, sehr langsamen und unendlich qualvoll erlebten Tod sterben ließen. Sie mochte die Menschen nicht. Nicht mehr. Nicht nach all dieser Zeit der Ablehnung, nicht nach all diesem Spott. Die Menschen hatten sie schließlich auch nie gemocht. Nicht einmal ihre Eltern, ihre eigenen, leiblichen Eltern hatten ihre tiefere Sympathie entgegengebracht. Sie machte Ärger, bereitete Sorgen, sich um sie kümmern zu müssen bedeutete Zeitverlust und Arbeit. Ein Kind gehörte zwar zum guten Ton, jedoch war der Umgang mit ihm nebensächlich. Alles was zählte war, dass es sich zu einem nützlichen Mitglied der Gesellschaft entwickelte und den Eltern keine Schande machte. Sie hatte ihre Eltern nie absichtlich Schande gemacht. Sie hatte sich immer um ihre Aufmerksamkeit und Liebe bemüht. Darum, endlich Anerkennung zu bekommen. Sie konnte doch nichts dafür, dass sie so anders war. Sie hatte sich das nie ausgesucht und an den meisten Tagen war ihre Gabe nichts anderes als eine Last. Eine Last, an der sie so oft fast zerbrochen wäre. Weil da niemand war, mit dem sie reden konnte, kein Mensch, der sie verstand, kein Mensch, der auch nur hätte verstehen wollen. Die einen fürchteten sich vor ihr, die anderen wollten sie nur ausnutzen oder begafften sie, wie man ein exotisches Tier im Zoo begaffte. Bis sie irgendwann aufhörte, darüber zu sprechen. Bis sie irgendwann aufhörte, ihre Kraft aktiv einzusetzen. Und sie zog sich immer weiter zurück. Sie konnte die Nähe von Menschen immer weniger ertragen. Sie konnte ihre Gabe einfach nicht kontrollieren, nicht abstellen. Sie sah die Seelen der Menschen. Erblickte sie einen Menschen, sah sie so viel mehr als nur seine äußere Hülle und was er vorgab zu sein. Sie sah, was ihn ausmachte. Seine Wünsche, seine Träume, seine Verletzungen. Sah seine Fähigkeiten und Talente. Aber sie erkannte auch die schlechten Seiten, die dunklen Seelenecken, die ihr wie Fratzen erschienen. All das konnte sie sehen. Spüren. Es war, als wäre sie wie ein Mensch mit einer leeren Seelentafel und bei jedem Kontakt mit anderen Menschen wurde die Tafel neu beschrieben. Sie konnte Seelen sehen, doch ihre Gabe umfasste noch viel mehr als das. Sie konnte Seelen auch bereisen, wenn der Seelenträger schlief. Konnte sich in die Träume einschleichen und mit der fremden Seele sprechen. Die Menschen bemerkten die Besuche nur unterbewusst, doch selbst, wenn sie im Traum von einer freundlichen Seele begrüßt worden war, waren die Menschen im wachen Zustand zu ihr noch feindseliger. Was ja auch kein Wunder war, hatte sie es doch gewagt, in ihr tiefstes Inneres einzudringen. Die Menschen um sie herum blockten ab und beäugten sie misstrauisch. Bis sie auf die Seelenbesuche irgendwann immer mehr verzichtete. Es machte alles nur noch schlimmer, nicht besser, und es laugte sie aus, entzog ihr die Energie.

Sie kannte die Menschen. Ohne es zu wollen, lernte sie Menschen manchmal besser kennen, als sie sich selbst kannten. Ein Blick genügte, ein kurzer Kontakt, und sie wusste alles. Und das war so anstrengend. Und sie war so einsam. Wer wollte schon glauben, dass sie diese Gabe hatte. Und selbst wenn die Menschen es ihr glaubten, so hielten sie sie eben nur noch mehr für einen Freak. Das waren keine Fähigkeiten, die ihr das Leben erleichterte, mit der man Freunde fand, die sie glücklich gemacht hätten.

Natürlich gab es, als sie älter wurde, Menschen, die von ihrer Gabe nichts wussten, deren Seelen nur sehr wenige dunkle Ecken hatten, Menschen in ihrem Leben, mit denen sie klar kam, mit denen sie manchmal sogar so etwas wie Freundschaft schloss. Und sie bekam ihre Gabe wenigstens soweit unter Kontrolle, dass sie das Wissen, das sie sah, nicht mehr so sehr an sich heran ließ. Aber noch immer sah sie die Seelen der Menschen. Noch immer sah sie den Hass und spürte die Kälte, entdeckte Hochmut und Eitelkeit, Neid und Missgunst und all die düsteren Gedanken, die die Menschen hegten. Sie mied den Kontakt, versteckte sich unter ihren Kopfhörern und ließ sich von der Musik ablenken. Nur nicht genauer hinsehen, nur nicht doch noch entdecken, was beim ersten Blick verborgen geblieben war. Nur niemanden an sich ran lassen, nicht zeigen, wie verletzlich man selbst war. So versuchte sie, ihr Leben zu meistern. Orientierte sich an den weniger dunklen Seelen und richtete ihre Energie auf andere Dinge. Füllte ihre eigene Tafel mit Wissen und ließ ihre Seele vom Wetter rein waschen. Doch wenn es still und einsam war, kehrten ihre Gedanken immer wieder zu den Menschen zurück. Zu ihren Handlungen und deren Intentionen. Zu den ganz düsteren Ideen und der Kälte, die ihr immer wieder eine Gänsehaut verursachte.

Nicht alle Menschen waren schlecht und natürlich musste es auch dunkle Ecken geben. Und sie lernte, damit zu leben. Lernte Verständnis und Toleranz und übte sich in Langmut und Nachsicht. Sie wurde erwachsen. Aber die Sehnsucht nach einem Menschen, dem sie sich anvertrauen konnte, nach einem Menschen, der ihr ähnlich war, der ihr Halt geben konnte und sie verstand, diese Sehnsucht blieb. Bis heute.

Bis zu diesem denkwürdigsten aller Augenblicke in ihrem Leben. Diesem Moment, als sie ihn entdeckte. Ihn entdeckte und sein Leuchten sah. Er leuchtete so hell, dass sie sicher war, es müsste auch den anderen Menschen auffallen. Und sie sah dieses Leuchten und dieses Leuchten berührte sie so tief, dass sie für einen Moment meinte, zu sterben. Dass sie für einen Moment nicht atmen konnte und sich ermahnen musste, ihr Erstaunen und ihre tief empfundene Freude nicht hörbar auszudrücken. Etwas in ihr, ganz tief in ihr drin, wurde berührt und begann, zu schwingen. Ganz leise, ganz sacht, unhörbar. So schwang es und Wellen der Wärme, des Gefühls der Geborgenheit, überrollten sie. Sie hatte gefunden und auch sie begann zu leuchten. Und sie wusste es. Sie wusste, sie hatte gefunden. Und Tränen des Glücks liefen ihr über die Wangen. Sie lief hinaus in den Wind und zeigte ihm stolz ihre Tränen. Sie lächelte und weinte und leuchtete und konnte ihr Glück kaum fassen.

Und dann entdeckte er sie auch. Wie sie im Wetter stand, aufrecht lächelnd, das Gesicht im Wind. Und er sah ihr Leuchten und er wusste, er hatte endlich gefunden. Und er eilte hinaus in den Wind und stellte sich neben sie, nahm leise ihre Hand und sie lächelten sich an, stark und voller Kraft und dann riefen sie dem Wind ein Danke entgegen und liefen dann, gemeinsam und Hand in Hand, den Hügel hinab in ihre Zukunft.
__________________________________________________

Der schmale Grat

Nie hätte sie gedacht, dass es einmal soweit kommen würde. So lange hatte sie gehofft, so lange gekämpft. Nächtelang hatte sie gebetet, hatte gefleht und geweint. Und nun war der Tag doch gekommen und sie stand vor diesem Tor.

Einsam fühlte sie sich jetzt. Sehr einsam. Hinter ihr der Abgrund, düster, schwarz und mit bettelndverführerischer Stimme nach ihr rufend. Sirenengleiche Bitten lullten sie ein und versuchten, sie zu sich hinab zu ziehen. Es schien so einfach. Nur ein Schritt, ein winziger Schritt, trennte sie von diesen Rufen, die ihr so viel versprachen, die sie so sehnten, die sie so brauchte. Und sie zögerte. Sie lauschte den Stimmen, die ihr so vertraut waren. Sie kannte diese Stimmen, das wusste sie, nur zuordnen konnte sie die Stimmen nicht. Sie versuchte es, doch zu lang war es her, dass sie die Gesichter zu den Stimmen gesehen hatte. Viel zu lange für ein Menschenleben. Es schien ihr wie eine Ewigkeit.

Sie sah sich erneut das Tor an. Einfach war es. Schlicht. An den Scharnieren Spuren von Rost. Es war kein goldenes Tor, über ihm stand kein schillernder Regenbogen. Es war einfach nur ein unscheinbares Tor. Nicht einmal übermenschlich groß war es. Nur ein kleines, einfaches Tor, fast mehr eine Gittertür als ein prachtvolles Tor. Und hinter ihr dieser Abgrund, die bittenden Stimmen. Hoffnungsvolle Stimmen, so schien es ihr. Und sie ganz allein vor dieser schlichten Eisentür, die ganz und gar nicht so herrschaftlich aussah, wie sie sich das immer vorgestellt hatte. Gar nicht herrschaftlich. Nur schlicht. Keine Einladung, keine Klingel, kein Empfangskomitee. Und dahinter nur Licht. Nichts sonst. Licht, das nur bis zum Tor erstrahlte und dann erstarb, sie warf keinen Schatten. Licht, so grell, dass es ihr in den Augen schmerzte. So hell, dass es fast wie eine sehr heiße Flamme glänzte. So hell. Grell war es, dieses Licht, das am Tor erstarb, als hätte es keine Kraft, das Dunkel, das hinter ihr lag, zu durchdringen.

Und hinter ihr noch immer diese Stimmen. In verschiedenen Farben, das konnte sie hören. Doch sehen konnte sie nichts. Nichts, außer dieser undurchdringlichen Schwärze. Hier, auf diesem schmalen Grat, auf dem sie stand. Ein Grat, gerade so breit, dass ihre Füße Platz zu stehen hatten. Nicht breiter. Ein Sims von vielleicht 40 cm zwischen Abgrund und Tor. Und hier stand sie jetzt, zur Entscheidung alles andere als bereit. Leicht zitternd. Vor sich das Tor, hinter sich den Abgrund. Gleißendes Licht gegen gähnende Tiefe. Und sie dazwischen. Auf einem 40 cm schmalen Sims.

Ihr ganzes Leben über hatte sie gewusst, dass dieser Moment kommen würde. Sie hatte ihn gesehen. So oft. In ihren Träumen. Alpträume mit dem immer gleichen Bild. Nur das Tor hatte prachtvoller ausgesehen. Schöner. Einladender. Nicht so schlicht. Gebetet hatte sie, der Tag möge nie kommen. Gehofft hatte sie, ihr ganzes Leben lang. Gefleht hatte sie und weiß Gott wie oft geweint. Und tief in ihrem Innern hatte sie gewusst, dass dieser Traum irgendwann Realität wäre, dass der Moment kommen würde und nun war er da. Kein böser Traum mehr. Vor ihr das Tor, hinter ihr der Abgrund. Aber der Abgrund rief sie, das hatte sie nie geträumt. Bat, flehte, lullte sie ein. Und das Tor war so schlicht, so einfach, billig schon fast. Und kein Regenbogen, kein Empfangskomitee, nur gleißendes Licht.

So stand sie da. Zweifelnd, zitternd, zögernd. Und versuchte sich zu erinnern, wie sie hierher geraten war. Sie schloss die Augen. Und sofort tauchten wieder diese Bilder auf. Blitzten auf, ließen sich nicht fest halten, nicht zuordnen. Geräusche waren da auch in ihrer Erinnerung. Laut waren sie, das Kreischen von sich verbiegendem Metall auf Asphalt. Splitterndes Glas. Der Geruch von verschmortem Gummi und das Gefühl, als würde ihre Lunge zerquetscht. Knochen, die wie Streichhölzer einfach zerbrachen. Lautes Wimmern, Hilfeschreie, der Geschmack von Blut auf ihren Lippen. Scheinwerfer, deren Licht aus der falschen Richtung kam. Und dann der Geruch von Feuer. Benzin.
All das schoss ihr durch den Kopf. Feuer. Sie erinnerte sich, es war so stickig, so entsetzlich heiß. Und ihre Lunge, ihre Lunge schmerzte so sehr. Sie wollte nicht atmen, konnte nicht atmen. Dieser rauchige Gestank, der versuchte, sich seinen Weg in ihre schmerzende Lunge zu suchen. Ihre Lunge, zerquetscht, brennend heiß fühlte sie sich an, ihr Körper, seltsam verdreht. Kein Knochen mehr heil, so schien es ihr. Sie sah rot. Rot wie Blut, rot wie Feuer. Alles rot. Und so laut. Und so schmerzend, quälend. Und keine Luft, die sie hätte atmen können, keine Lunge, die sie hätte atmen lassen. Nur Schmerz, Feuer, Gestank von Rauch und verbranntem Gummi, Geschmack von Blut und alles rot. Daran erinnerte sie sich.

Zeitraffer zurück. Wie sie in ihr Auto stieg. Nach dieser Party. Zu viele Cocktails, sie schwankte, musste sich am Wagendach festhalten, während sie aufschloss. Riemchenschuhe, schlecht zum Autofahren, hatte sie ausgezogen, auf den Beifahrersitz geworfen. Geheult hatte sie. Mistkerl. Hatte mit der anderen rumgevögelt. Geheult und nach einer Zigarette geangelt um sich zu beruhigen. Zigaretten. In der Tasche. Auf dem Rücksitz. Dann Scheinwerfer, das Geräusch von sich verbiegendem Metall, Schmerz, Rot, Feuer. Keine Luft. Und dann – Stille.

Absolute Stille. Kein Ton drang an ihr Ohr. Nicht der kleinste. So ungewohnt. So still. Nichts. So lang still. Und dunkel. Nacht. Dunkelheit und Stille. Stunden lang. Tage lang. Wochen. Monate. Nur Ruhe und Nacht. Leichtigkeit, keine Träume, kein nachdenken, keine Gefühle, kein Schmerz. Nur Stille und Dunkelheit.

Und nun stand sie hier. Hier auf diesem schmalen Sims. Vor ihr das Tor, hinter ihr der Abgrund. Vor ihr gleißendes Licht, hinter ihr die Sirenenrufe. Vor ihr nur Licht, ein viel zu schlichtes Tor, hinter ihr umschmeichelnde Bitten. Sonst nichts. Und sie auf diesem schmalen Grat. Ein Schritt nur wäre die Entscheidung. Ein Schritt. Ein Schritt nach vorn, in dieses grelle Licht. Ein Schritt zurück, zum Fall in den Abgrund. Nur ein Schritt. Nur einer.

Sie zögerte. Vor sich ein Tor und gleißendes Licht, hinter sich gähnend schwarze Leere und flehende Stimmen. So flehend. So bittend. So verführerisch. Und das Tor so schlicht. So einfach.

Sie trat zurück.

Und fiel. Sie fiel. So tief. Und so viel Dunkelheit. Um sie herum die flehenden Stimmen. Und sie fiel. Wie tief musste dieser Abgrund sein, wie tief ist die Hölle. Die Stimmen, immer lauter, kamen näher, immer näher. Und sie fiel. Noch immer. Die Stimmen, so deutlich und nah. Und dann wusste sie wieder, wem diese Stimmen gehörten. Wer sie da so sehnsuchtsvoll rief. Sie kannte diese Stimmen. Sie liebte diese Stimmen, die Menschen, zu denen die Stimmen gehörten.

Und dann sah sie auch die Farben. Keine Dunkelheit mehr, keine sie umschließende Schwärze. Nein. Farben. Farben zu den Stimmen. Und Licht. Helles Licht, viel zu hell für ihre Augen, die so lang geschlafen hatten. Sie blinzelte.

‚Sie ist wieder da!’ ‚Sie öffnet die Augen!’ ‚Sie lebt!’ ‚Wir haben sie.’ ‚Nicht verloren, sie ist noch da!’ Die Stimmen, so durcheinander, so bunt. Gesichter. Viele bekannt. Ihre Mutter, ihr Vater, Schwester. Er. Menschen in weiß, aufgeregt hin und her laufend.

‚Es ist wie ein Wunder. Eben noch schien es, als wäre alles vorbei, sie stand auf der Schwelle des Todes, dachten schon, wir hätten sie jetzt doch verloren. Und plötzlich, nach über 5 Monaten, erwacht sie aus ihrem Koma.’
__________________________________________________

Realität

Vielleicht, sagte sie leise, schreibe ich nicht um der Worte willen. Wieso dann? Er nahm ihre Hände in die seinen und sah sie an. Vielleicht schreibe ich um der Aufmerksamkeit willen. Sie erwiderte seinen Blick. Vielleicht ist das alles, um was es mir geht. Du liebst den Klang der Worte, gab er zu bedenken. Du liebst es, dich in Geschichten zu denken und sie zu Papier zu bringen. Du kannst doch ohne schreiben gar nicht leben.

Ja, sie senkte den Blick, schon mein ganzes Leben verstecke ich mich in meiner Phantasie. Und ich habe Angst, die Realität zu verlieren. Sie entzog ihre Hände den seinen. Ihre Hände. Stets unruhig. Immer auf der Suche nach Beschäftigung. Saß sie einfach nur da, spielten ihre Hände mit sich. Mit ihren langen Haaren, wischten imaginäre Fusseln aus dem Gesicht, cremten sich, drehten den Kreisel. Fühlten die glatten Rundungen des Briefbeschwerers. Und waren Stift und Papier in der Nähe, mussten sie schreiben. War eine Tastatur in der Nähe, mussten sie schreiben. Das war so, seit sie es gelernt hatte, die Geschichten in ihrem Kopf, in ihrem Herzen, freizulassen und trotzdem festzuhalten. Seit sie schreiben konnte. Davor hatte sie die Geschichten nur sich selbst erzählt. Oder sie bei tiefster Dunkelheit aus sich vorgelesen wie aus einem inneren Buch. Hatte sie ihrer Schwester erzählt, Freunden und ganz selten auch Erwachsenen. Den Menschen, die meist so ganz und gar nichts mit ihrer Kopfwelt anfangen konnten. Sie war eben ein ‚phantasievolles Kind’ gewesen, was im Grunde nichts anderes hieß, als verträumt und voller wirrer Einfälle und Ideen. Bis sie es schließlich irgendwann aufgab, zu erzählen. Nur noch schrieb und sich in ihre Geschichten flüchtete, wann immer das möglich war. Sie fuhr an einsame Plätze und träumte sich in ihre Welt, während die anderen das ‚wirkliche Leben’ lebten. Sie ging freiwillig viel früher als nötig schlafen, weil die dunkle Einsamkeit den Bildern in ihrem Kopf, in ihr, ihrem Herzen, die Freiheit schenkte.

Alles, was sie sonst mochte, war Musik. Denn die verlieh ihrer Kopfwelt Flügel. Und sie verlor sich in den Worten anderer. Den geschwungenen Ausdrücken, der leisen Sehnsucht, die immer den Background sang, den Melodien die sie in eine andere Welt brachten wie ein magischer fliegender Teppich. Und sie mochte es, anderen zuzuhören. Am liebsten, wenn sie unbekannte Worte benutzten oder von Dingen erzählten, die ihr so fremd waren. Von Städten und Plätzen und vergangenen Tagen, von dem Leben, das andere führten. Aber meist mochte sie einfach nur den Klang der Stimmen, denn sie verliehen den Worten, die sie so sehr liebte, Farben. Helle Farben, dunkle Farben, Zwischentöne. All die Nuancen, die anderen verborgen blieben, die nur auf den Inhalt achteten. Sie liebte es, in fremde Phantasien einzutauchen. Im geschriebenen Wort, aber auch Geschichten in Bildern begann sie, mehr und mehr zu lieben. Bunte Bilder die so sehr lebten. Viel mehr als sie selbst. Die so viele Geschichten erzählten. Viel mehr Geschichten, als man auf den ersten Blick erkennen konnte. Und waren die Bilder vorbei, so spann sie Geschichten um die Darsteller oder setzte das Gesehene fort, in ihrem eigenen Kopfkino, ganz für sich allein. Sie führte Regie, sie schrieb das Drehbuch und alles passierte genau so, wie sie es wollte.

Das war ihre Welt. Geschichten. Phantasie. Kopfwelten. Die Realität war so kalt und grau und oftmals schmerzhaft. Viel zu schmerzhaft. Ständig diese Blicke, abschätzend, abweisend, fragend, nicht glaubend. Böse Worte, nicht nur hinter vorgehaltener Hand. Höhnisches Lachen, wenn sie wieder einmal nicht verstanden, nicht sehen konnten, was sie in ihrer Welt sah und erlebte.

Ja, auch Geschriebenes kann manchmal weh tun. Aber Worte auf Papier – so verräterisch, angreifend, verletzend sie auch sein mochten – konnte man einfach verstecken. Verleugnen oder gar zerstören. Gesprochene Worte standen im Raum, so dass sie jeder sehen konnte. Sie waren gefährlich, denn einmal ausgesprochen konnte man sie nicht zurücknehmen, vernichten. Sie standen da und richteten ihren Schaden an. Einfache Worte, einfach ausgesprochen und doch wie kleine Giftpfeile, die irgendwann die tödliche Dosis erreichten. Das Papier hingegen war geduldig. Es nahm alles, jedes Wort, egal wie gut oder wie böse, und bewahrte es. Bis man entschieden hatte, wer die Worte lesen, hören – wissen durfte. Und Papier war auch nie böse oder ungerecht. Es war wie ein Spiegel, zeigte nur, was man ihm gab. Gab genau wieder, was man hatte sagen wollen, man konnte ihm Worte wieder wegnehmen und andere hinzufügen, bis das Gesamtbild stimmig war. Papier verriet niemandem die Gefühle, die man ihm in dunklen oder auch ganz hellen Stunden anvertraut hatte. Sicher, wenn man unvorsichtig war und das Papier nicht versteckte, dann verriet das Papier, das geschriebene Wort, alles. Aber genau das eröffnete gleichzeitig so viele Möglichkeiten. Man konnte es absichtlich unabsichtlich liegen lassen. Um Menschen, wichtigen Menschen, die Gedanken mitzuteilen, die auszusprechen unmöglich waren. Um selbst Schaden anzurichten, Rache zu nehmen. Um heimlich zu danken. Worte auf Papier waren das Persönlichste, was man besitzen konnte. Und gleichzeitig herrlich anonym.

Das war ihr Weg, ihre Welt. Und so verlernte sie fast, zu sprechen. Nein, natürlich konnte sie es noch. Leere Phrasen. Nur Unwichtiges. Nichts, an dem Gefühle hingen. Die Welt, die Menschen, hatte sie gelehrt, dass es nicht gut war, auszusprechen, was man wirklich dachte und fühlte. Es machte verletzlich. Lächerlich. Leute verstanden nicht, hinterfragten nicht. Immer nur Blicke, Getuschel. Aber sie wusste, sie würde sterben, wenn man ihre Kopfwelt wegschließen würde. Sie versuchte es, sperrte sie ein, aber es machte sie krank und unglücklich. Da war etwas in ihr, das frei sein wollte. Und es bat nicht nur um Freiheit, leise, bedacht und vorsichtig. Es kämpfte. Kämpfte gegen sein Verlies, gegen die äußeren Zwänge, die ihm die Freiheit nahmen, die Luft zum Atmen.

Und es kämpfte. Es kämpfte mit Worten, die immer lauter wurden. Immer mehr Papier fraßen. Die nicht nur geschrieben sondern auch gelesen werden wollten. Mussten. Denn sie suchten. Sie suchten nicht nur ihre Freiheit. Sie sehnsuchten Verstehen. Jemanden, der die Kopfwelt kannte und genauso liebte wie sie selbst. Der in der Musik fand, was sie gefunden und für sich behalten hatte. Einen Menschen, der leidenschaftlich lebte, denn sie wusste, dass nur wenn man Leben spüren konnte, man auch wirklich lebte. Sie hatte so lang nur auf dem Papier gelebt. In ihrem Kopf, der so voller Geschichten war. Das wollte sie nicht mehr. Sie wollte frei sein, denn ihr wirkliches Ich war das, was da in diesem Kerkerverlies gefangen saß. Sie war das. Und obwohl sie so lang versucht hatte, anders zu sein, wie all die anderen zu sein, und obwohl sie wusste, wie die Welt auf Menschen wie sie reagierte, wie sie selbst auf andere Menschen reagierte, obwohl sie ganz genau wusste, dass dies der möglicherweise schwerere Weg würde, so sicher war sie sich, dass dieser Weg der einzige Weg für sie war. Die einzige Möglichkeit, am Leben zu bleiben. Denn sonst würde sie mehr und mehr in ihre Geschichten flüchten, bis ihr Körper leer war und tot, weil sie Seele, die so lange eingesperrt vor sich hinvegetiert hatte, sich einen anderen Platz zum leben gesucht hatte.

Sie sah ihn wieder an. Hilf mir, bat sie, mit einer Dringlichkeit in der Stimme, die ihn alarmierte. Hilf mir, die Realität nicht zu verlieren. Sei meine Realität. Und hilf mir, zu schreiben. Und zu leben. Denn nur, wenn ich beides tue, bin ich wirklich existent. Er sah ihr an, wie ernst sie ihre Worte meinte. Und wie wichtig sie ihr waren. Und wie ehrlich sie waren, denn es waren die Worte ihrer eingesperrten Seele, die endlich zu sprechen wagte. Ich werde deine Realität sein, er zog sie näher zu sich. Und das wird nicht immer leicht werden. Für dich nicht. Und für mich auch nicht. Aber ich verspreche dir, ich werde es versuchen. Er küsste sie sanft.

Ich liebe dich, murmelte sie. Bitte, lass meine Liebe zu dir mehr sein, als nur geschriebenes Wort. Ich liebe dich auch, erwiderte er sanft und zog sie in seine Arme. Und ich bin deine Realität. Genauso wie du sie immer geschrieben hast.
__________________________________________________

Das Vermächtnis

In dem leicht abgedunkelten Raum befanden sich neben dem Anwalt weitere acht Personen. Unter ihnen drei Männer und fünf Frauen. Der jüngste der Männer war wohl erst Anfang zwanzig, der Anwalt wusste, das war der Neffe des Verstorbenen. Der älteste der drei waren um die vierzig und Geschäftspartner des Verblichenen. Drei der Frauen waren ebenfalls Anfang 20, die anderen beiden jeweils etwas über 40. Eine davon war die ehemalige Haushälterin, das andere die Schwester. Eine der jüngeren Frauen war wohl so eine Art Geliebte des Verstorbenen gewesen. Die beiden anderen sahen sich relativ ähnlich, doch einer von ihnen schien das hier mehr zuzusetzen als allen anderen.

Da war er wieder, dieser Schmerz. Brennend, bohrend – fast so, als würde ihr jemand mit einem glühenden Feuerhaken in den Eingeweiden rumstochern. Sie krümmte sich zusammen, biss sich auf die Unterlippe und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Schließlich war sie nicht allein im Zimmer und der Anlass, zu dem hier alle zusammengekommen waren, erforderte Contenance. Trotzdem fiel es ihr schwer, einfach nur gerade dazusitzen. Sie kannte niemanden der Anwesenden, mit Ausnahme des Anwalts, der sich bereits vor drei Tagen persönlich mit ihr in Verbindung gesetzt hatte. Sie wusste nicht, wieso sie hier war und dieser brennende Schmerz machte ihr das Stillsitzen nicht leichter.

Nachdem nun alle erforderlichen Personen anwesend sind, der Mann hinter dem schweren Mahagonischreibtisch, mit dem schwarzen, teuer aussehenden Anzug und der Nickelbrille, sah sich um, werde ich nun das Siegel brechen und das Testament und den letzten Willen des Verstorbenen verlesen. Er räusperte sich, während er vorsichtig, fast penibel, das Siegel brach und ungefähr ein halbes Dutzend Büttenpapierbögen aus dem Umschlag zog.

Meine lieben Hinterbliebenen, begann der Mann in schwarz nun vorzulesen, ich freue mich, dass ihr erschienen seid um meinem letzten Willen zu lauschen. Bevor ich jedoch zur Verteilung meiner Besitztümer komme, dem eigentlichen Grund eurer Anwesenheit, werde ich noch ein paar Dinge zu diesen Menschen sagen. Frederick, du warst immer der größte Arschkriecher von allen. Ja, schaut nur. Solche Wörter kannte ich. Und gedacht habe ich sie mir ständig. Vor allem, wenn Frederick mal wieder mit seinem berühmten Geschleime versuchte, ein Teil des Erbes für sich zu erhaschen. Frederick, ich muss dir leider mitteilen, dass deine Taktik nicht aufgegangen ist. Du wirst das Zimmer jetzt verlassen. Draußen erhältst du von der Sekretärin einen Umschlag, der einen kleinen Geldbetrag enthält. Nicht, dass du überhaupt etwas verdient hättest. Aber es ist genug da und nachdem du dich so sehr bemüht hast, Eindruck bei mir zu schinden, sollst du nicht ganz leer ausgehen. Geh jetzt. Verlasse den Raum.

Der Anwalt blickte nach oben und sah Frederick an. Sie haben den Willen des Verstorbenen vernommen. Verlassen Sie bitte das Zimmer. Frederick warf einen entsetzt beschämten Blick in die Runde, stand dann murmelnd auf und verließ fluchtartig das Zimmer. So, liebe Anwesenden, der Anwalt sah die verbliebenen Personen abschätzend an und räusperte sich leise, ich werde nun weiter den letzten Willen des Verstorbenen verlesen.

Nachdem Frederick nun den Raum verlassen hat, setzte der Anwalt das Verlesen fort, möchte ich mich nun an Vicky wenden. Du, liebste Vicky, standest dem guten Frederick in Sachen Gier in nichts nach. Ja, da wunderst du dich jetzt. Doch ich habe dein perfides Spiel sehr schnell durchschaut. Aber wieso sollte ich auf die Anwesenheit einer so gut aussehenden jungen Dame verzichten, die doch so alles für mich tun wollte? Deine diversen Liebhaber haben mich dabei nicht wirklich gestört, denn ich wusste ja, was du für ein Spiel spielst. Und deswegen darfst auch du das Zimmer jetzt verlassen und dir ebenfalls im Vorzimmer einen Umschlag bei der Sekretärin abholen. Keine Angst, ich habe an deine kostspieligen Hobbys gedacht. Trotzdem wirst du über kurz oder lang nicht drum herum kommen, doch mal zu arbeiten. Leb wohl, Vicky.

Doch dieses Leb wohl hörte Vicky bereits nicht mehr, da sie wutentbrannt den Raum verlassen hatte. Der Anwalt sah sich die übrigen Anwesenden kurz an, von denen einige nervös auf ihren Stühlen hin und her rutschten. Ich werde nun fortfahren, meine sehr verehrten Herrschaften.

Nun, der Kreis der Geier wird kleiner, verlas der Anwalt nun, und das ist auch gut so. Sicher kann sich Manfred denken, dass auch er auf meiner Abschussliste steht, zu dir jedoch später. Zuerst einmal möchte ich mich von Frauke verabschieden. Du warst eine gute Haushälterin. Abgesehen von den kleinen Diebstählen zwischendurch. Ich habe dich immer gut bezahlt. Es wäre nicht nötig gewesen. Sogar über eine Gehaltserhöhung hättest du mit mir sprechen können. Aber das war dir nie genug. Du wolltest wertvolle Erbstücke zur Seite schaffen. Vielleicht dachtest du sogar, du hättest sie dir verdient. Und im Grunde würde ich da gar nicht widersprechen wollen. Aber der Weg, Frauke. Der Weg. Man bestiehlt doch nicht die Hand, die einen füttert. So etwas tut man einfach nicht. Und glaub ja nicht, ich hätte nie den Schwund an gutem Besteck, kleinen Kunstgegenständen oder teurem Porzellan bemerkt. Das habe ich sehr wohl. Ich war beschäftigt und vielleicht auch nicht mehr der Jüngste. Aber ich war nicht blind. Und ich war bis zum letzten Augenblick im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte. Du hast mich enttäuscht, Frauke. Sicher erhältst auch du jetzt beim Verlassen des Zimmers deinen Umschlag. Aber mehr auch nicht. Adieu.

Die angesprochene Frau war schamesrot angelaufen, murmelte irgendwelche Unverschämtheiten und verlies das Zimmer auf dem schnellsten Weg. Alter Drecksack, war alles, was von ihr im Raum verblieb, nachdem sie die Tür mit einem Knall hinter sich geschlossen hatte. Nun, meinte der Anwalt mit einem ernsten Gesicht, der Kreis wird kleiner. Rücken Sie doch bitte alle etwas näher zum Schreibtisch, dann muss ich nicht so laut sprechen. Die verbliebenen fünf Personen schoben ihre Stühlen näher an den Schreibtisch. Nachdem sich die Unruhe gelegt hatte, sah der Anwalt erneut in die Runde. Vielen Dank. Ich werde nun weiter den letzten Willen des Verstorbenen verlesen.

Nun zu dir, Manfred. Ich hatte es ja bereits angekündigt. Auch du wirst gleich den Raum verlassen. Aber vorher hör mir bitte zu. Ich mochte dich, schließlich warst du der erste Sohn meiner leider viel zu früh verstorbenen Frau und für mich wie mein eigener Sohn. Doch du hast ständig auf meine Kosten ein luxuriöses Leben geführt ohne dich auch nur im Ansatz um eine Arbeitsstelle zu kümmern. Du hast leider auch ein sehr unmoralisches Leben geführt und eigentlich hätte ich nie wissen wollen, wie viele Abtreibungen von meinem Geld bezahlt wurden. Aber mein Detektiv war fleißig und so wusste ich auch davon. Ich wusste auch von deinen Wettschulden und dass die beiden teuren Wagen nie gestohlen wurden sondern von dir unter der Hand verkauft. Manfred, ich wünsche mir wirklich, dass du doch noch irgendwann ein gesittetes Leben führen wirst. Deshalb wirst du keinen Umschlag erhalten. Du wirst in einer kleinen, aber neu eingerichteten Wohnung untergebracht werden und bekommst einen guten Job in meiner Fabrik. Du hast BWL studiert, es dürfte dir also nicht schwer fallen, den Posten adäquat auszufüllen. Du wirst überwacht, aber auch reichlich bezahlt werden. Einen Firmenwagen oder sonstige Annehmlichkeiten erhältst du nicht. Denn ich möchte, dass du lernst, den Wert des Geldes zu schätzen. Und das wirst du nur, wenn du es dir hart verdienen musst. Und wenn du mit dem, was du verdienst, zurecht kommen musst.

Der angesprochene Herr war nach vorne zum Schreibtisch gestürmt. Das kann dieser Scheißkerl nicht machen. Ich will das Geld, das mir zusteht. Er wollte den Anwalt am Kragen packen, doch sofort erschienen 2 Sicherheitsbeamte im Zimmer und zogen Manfred zurück auf seinen Stuhl. Einen Augenblick Geduld noch, sagte der Anwalt ohne auch nur einen Anflug von Schreck oder Angst zu zeigen.

Manfred, du bist noch jung. Noch kannst du etwas aus deinem Leben machen. Sieh es als Chance. Du hast zwei Wochen Bedenkzeit. Wenn du dich nach dieser nicht pünktlich im Büro einfindest, hast du deine Chance vertan und erhältst gar nichts. Nicht einmal die Wohnung. Überleg es dir gut. Das Sicherheitspersonal ließ Manfred los und geleitete ihn aus dem Raum.

Wieder durchfuhr sie dieser stechende Schmerz und sie zuckte merklich zusammen, konnte ein leises Aufstöhnen nicht mehr unterdrücken. Geht es ihnen nicht gut, fragte der Anwalt in einem besorgt geschäftsmäßigen Ton nach. Doch, doch, es geht schon. Ich muss etwas Falsches gegessen haben. Fahren Sie ruhig fort. Diese Antwort herauszupressen kostete sie viel Mühe. Aber der Anwalt schien damit zufrieden und fuhr fort mit der Verlesung des letzten Willens.

Kommen wir nun zu dir, Maria. Der Anwalt blickte kurz auf und sah der Schwester des Verstorbenen in die Augen. Ich kann dir deinen Pflichtteil leider nicht verwehren, las er weiter vor, aber mehr darfst du auch nicht erwarten. Du bist meine Schwester. Nur deswegen sitzt du hier in diesem Raum. Nicht, weil du dich um mich gekümmert hättest. Mein Leben, mein Glück, waren dir nie wichtig. Du hast mich nicht geliebt und du hast auch nichts getan, was mich dazu hätte bringen können, dir Liebe entgegen zu bringen. Aber wir sind nun mal von einem Fleisch und Blut und deswegen sollst du deinen Pflichtteil haben. Auch du Maria wirst jetzt bitte den Raum verlassen. Die Sekretärin wird dir alle nötigen Unterlagen zur Unterschrift vorlegen und danach bist du dann endlich die reiche Frau, die du immer hattest sein wollen. Nur dass du nicht ganz so reich wirst, wie du dir vielleicht beim Erhalt der Nachricht meines Todes erhofft hattest. Ich wünsche dir noch ein paar glückliche Jahre. Geh jetzt. Maria stand auf, strich sich, ganz Dame, den Rock glatt und verließ erhobenen Hauptes den Raum.

Diesmal schien der Schmerz sie von innen zu verbrennen. Sie krümmte sich und wimmerte. Soll ich ihnen nicht vielleicht doch besser einen Arzt rufen, fragte der Anwalt nun sichtlich besorgt nach. Nein, antwortete sie, so laut der Schmerz das noch zuließ. Ich schaffe es schon. Verlesen Sie bitte weiter das Testament. Sie hielt sich an den Lehnen des teuren Stuhls fest und versuchte, zu atmen. Der Anwalt betrachtete sie noch einen Moment lang skeptisch, entschied dann aber, doch fortzufahren.

Die verbliebenen 3 Personen starrten ihn an, als er nun verlas, Tobias und Kerstin, ich mochte euch immer. Aber ich werde auch euch nun bitten, den Raum zu verlassen. Ihr erhaltet ebenfalls euren Pflichtteil, darüber hinaus noch eine weitere, nicht unbeträchtliche Summe und außerdem gemeinschaftlich das Herrschaftshaus samt Stallungen. Ihr habt die Pferde immer geliebt und euch gekümmert, deshalb soll das Gestüt nun euch gehören. Alles weitere klärt bitte später mit meinem Anwalt. Verlasst nun bitte den Raum.

Die beiden sahen sich entgeistert an, doch zum ersten Mal konnte der Anwalt auch Trauer in den Gesichtern der vor ihm sitzenden Personen erkennen. Bitte, meinte er dann leise, verlassen Sie jetzt den Raum. Meine Sekretärin wird ihnen ein paar Dokumente zur Durchsicht vorlegen. Ich möchte Sie bitten, im Nebenzimmer auf mich zu warten, damit wir die Details klären können. Zuerst aber werde ich den letzten Willen bis zum Ende vortragen.

Tobias und Kerstin verließen das Zimmer auf dem gleichen Weg wir ihre Mutter fünf Minuten zuvor. Zurück blieb nur dieses Mädchen. Dieses war mittlerweile leichenblass und Tränen liefen ihr über die Wangen. Wenn es ihnen so schlecht geht, dann ist es vielleicht doch besser, wenn ich den Arzt rufe. Der Anwalt trat hinter seinem Schreibtisch hervor und reichte dem Mädchen ein Glas Wasser. Nein, flüsterte sie, lesen sie vor, was er mir zu sagen hatten. Bitte. Ich möchte es hinter mich bringen. Sie fühlte sich, als hätte sie Säure getrunken und würde nun langsam von innen verätzt werden. Sind Sie sich wirklich sicher, er legte ihr die Hand auf die Schulter. Ja, ihre Stimme hatte einen flehenden Unterton angenommen. Bitte, lesen sie vor. Bitte.

Der Anwalt schien nicht wirklich vollkommen überzeugt, aber er begab sich wieder hinter seinen Schreibtisch. Was jetzt kommt, weiß ich leider selbst nicht. Der Verstorbene gab mir einen weiteren versiegelten Umschlag, den ich ihnen direkt geben sollte. Er reichte ihr den Umschlag. Sie sind seine einzige, direkte Nachfahrin. Es war sehr schwer, Sie zu finden, murmelte der Anwalt leise.

Ich wusste nicht, dass er mein Vater war. Die Schmerzen wurden unerträglich. Ich bin in einer Pflegefamilie aufgewachsen, bin immer davon ausgegangen, dass meine Eltern nicht mehr lebten. Sie zitterte, zum kleineren Teil vor Aufregung, zum größeren Teil wegen der unglaublichen Schmerzen. Erst mit dem Schreiben von Ihnen…, sie stockte. Ich…könnten Sie das Siegel für mich brechen? Sie reichte den Umschlag zurück. Der Anwalt brach das Siegel und entnahm dem Umschlag eine Seite aus Büttenpapier und reichte diese, immer noch gefaltet, der jungen Frau.

Meine liebste Helga.

Wenn Du diese Worte liest, dann haben die letzten Minuten deines Lebens begonnen. Es tut mir sehr leid, dass ich Dir das angetan habe. Aber das Angebot damals, es war einfach zu verführerisch. Und wer denkt denn bei so was, dass es der Wahrheit entspricht?

Aber das war vor genau 25 Jahren. Und seit dem ist sehr viel passiert. Wir haben Dich damals Helga – die Heilige – genannt, weil wir dachten, das könnte vielleicht an Deinem Schicksal etwas ändern. Dann gaben wir Dich weg, in der Hoffnung, dass er Dich nicht finden würde. Aber nun weiß ich, dass er immer findet. Und dass er nicht nur hält, was er verspricht sondern auch einfordert, was andere ihm versprochen haben.

Wir waren arm, damals vor genau 25 Jahren. Und ich erfuhr von Deiner Mutter, dass sie schwanger sei. Ich wusste in dieser Nacht nicht, was ich tun sollte. Da war schon ein kleiner Junge. Manfred, sie hatte ihn mit in die Ehe gebracht. Sonst hatten wir nichts. Keine Wohnung mehr, nichts mehr zu Essen – und meine Frau trug ein Baby im Bauch. Also ging ich zum Ufer des Flusses, starrte in die schwarzen Fluten und flehte um Hilfe. Nicht um ein Wunder. Nein, ich versprach, alles dafür zu geben, wenn wir endlich reich werden würden. Ich hätte beten sollen. Und glaube mir, das habe ich mir die letzten 25 Jahre jeden Tag gesagt.


Blut lief aus ihrer Nase und tropfte auf das weiße Papier. Sie war betäubt vom Schmerz, doch die Worte, die da standen, brannten sich Silbe für Silbe in ihr Gedächtnis ein.

Plötzlich stand er vor mir. Und was er sagte, klang in diesem Augenblick so vernünftig und einleuchtend. Obwohl es gleichzeitig absolut unglaublich war. Denn er versprach mir ein wunderschönes Leben in Reichtum. Wenn ich ihm dafür nur eine Kleinigkeit versprechen würde. Und auch als er sagte, er wolle für diesen Deal eine Seele – wusste ich, ich würde darauf eingehen. Zu groß war der Hunger nach Reichtum und Macht. Also versprach ich ihm, er würde seine Seele bekommen. Und ich versprach ihm Deine. Ich versprach ihm die Seele meines ungeborenen Kindes.

Er hielt sein Versprechen und wir wurden reich. In dem Monat, in dem wir die erste Million auf dem Konto hatten, wurdest Du geboren. Das Versprechen hatte ich schon wieder vergessen und schrieb meinen Erfolg meinem Ehrgeiz zu und eben Glück. Wie man das eben so tut. Einen weiteren Monat später wurde ich krank. Schwer krank. Und wieder stand ich da am Fluss. Ich wollte nicht sterben. Da tauchte er wieder auf. Und meinte, dass ich leben könne – wenn er dafür eine weitere Seele erhält. Was sollte ich denn tun? Ich wollte nicht sterben, nicht jetzt, wo ich endlich Ruhm und Reichtum erreicht hatte. Also versprach ich ihm die Seele Deiner Mutter. Warum auch nicht? Deine hatte er sich doch auch nicht geholt…


Nun lief ihr das Blut auch aus Augen und Ohren und sie konnte den Briefbogen kaum noch halten, so wurde sie von den bestialischen Schmerzen geschüttelt. Doch sie hielt sich aufrecht, wollte auch noch den Rest seiner Worte lesen.

Zwei Wochen später berichtete mir mein Arzt von einem Wunder. Ich sei gesund, gesünder als je zuvor. Als wäre nie etwas gewesen. In jener Nacht kam er. Und holte sich Deine Mutter. Sie musste sterben, weil ich leben wollte. Und ich musste zusehen, wie sie langsam und qualvoll verstarb. Ihre letzten Worte waren, bring unser Kind in Sicherheit. Dann nahm er sie auf seine Arme und verschwand. Und ich brachte Dich zur Familie ihrer Schwester und ließ Dich dort aufwachsen. Ich gab ihnen eine beträchtliche Summe und das Versprechen auf monatlichen Unterhalt – wenn sie auf jeglichen Kontakt mit mir verzichten würden und auch Dir nicht erzählen würden, wer Deine Eltern waren.

Der Anwalt war nun aufgestanden und hatte seine Nickelbrille fein säuberlich in ein schwarzes Lederetui gepackt. Ruhig setzte er sich ihr gegenüber und wartete.

Ich musste lernen, mit der Schuld zu leben. Und glaub mir, Zeit und ausreichend Geld machten mir die Sache leichter, als ich dachte. Doch dann, vor ein paar Wochen, tauchte er auf. Und sagte mir, dass unser Vertrag nur befristet gültig wäre. Länger als 25 Jahre würde er nicht warten. Und dass ich mein Testament schreiben solle. Denn es wäre ja klar, dass er sich meine Seele ohnehin nicht entgehen lassen würde. Er gab mir eine Kostprobe der Schmerzen, mit einem einfachen Handgriff. Er legte mir die Hand auf den Bauch und ich hatte das Gefühl, von innen heraus zu verbrennen.

Deswegen habe ich nun Vorsorge getroffen. Dir mein Kind werde ich nichts hinterlassen können außer dem Wissen, wieso auch Du jetzt sterben musst. All mein Geld, meine Kunstschätze, die Autos – all meinen weltlichen Besitz hinterlasse ich einer karitativen Stiftung. Einer Stiftung die „Hand Gottes“ heißen wird.


Sie atmete schwer, unter ihrem Stuhl hatte sich bereits eine große Blutlache gebildet. Der Anwalt stand auf und legte ihr die Hand auf die Schulter. Kommen Sie zum Ende, meinte er in einem fast väterlichen Ton.

Es tut mir leid, was ich Dir angetan habe. Bitte verzeih mir.

Der Brief glitt ihr aus der Hand. Der Anwalt nahm sie an den Händen und zog sie nach oben, so dass sie ihm gegenüber stand. Sie blickte ihm in die Augen und mit einem Mal waren alle ihre Schmerzen verschwunden. Lassen Sie uns gehen.

Doch plötzlich wurde die Tür aufgestoßen und die Sekretärin kam, in einer Wolke eisigen Winds, herein.

Sie gehört mir. Lass sie gehen. Mir hat er sie versprochen. Du hast hier nichts zu suchen.

Sie griff nach dem Mädchen und schon bei der kleinsten Berührung war da wieder dieser Schmerz. Sie schrie auf und krümmte sich zusammen. Nein, antwortete der Anwalt sachlich ruhig. Er konnte nichts versprechen, was ihm nicht gehört. Sie gehörte immer zu mir. Du hattest nie eine Chance.

Nein. Sie gehört mir. Mir hat er ihre Seele versprochen. Ich werde sie mir jetzt holen, so wie ich mir damals auch seine Frau geholt habe.

Helga brach zusammen. Da, sieh was du angerichtet hast, meinte der Anwalt leise. Du hast kein Recht auf sie. Ihre Mutter war eine schlechte Frau, genau wie ihr Vater. Deswegen durftest du sie dir holen. Aber dieses Mädchen ist rein und frei von Sünde. Und ihre Seele gehört nur ihr selbst. Du kennst doch unsere Verträge.

Er nahm das Mädchen hoch, als wäre es leicht wie eine Feder und trug es auf seinen Armen Richtung Tür. Hinter ihm tobte und schrie dieses Wesen, das nun nicht mehr viel Ähnlichkeit mit der Sekretärin hatte. Du hast all seinen Nachkommen deine Angebote zugesteckt. Das habe ich dir zugestanden. Seine Schwester hast du sogar gleich unterschreiben lassen – und auch dagegen habe ich nichts unternommen. Er drehte sich um, immer noch mit dem ohnmächtigen Mädchen auf dem Arm. Sie bekommst du nicht. Das war doch von Anfang an klar.

In dem, was früher einmal der Kanzleiraum gewesen war, loderten jetzt heiße Flammen. Und in mitten dieser Flammen tobte und keifte eine Gestalt, die unmenschlicher kaum hätte sein können. Mit Hörnern und Hufen und langen Klauen und einer Fratze anstelle des Gesichts.

Gib sie mir, mir war sie versprochen.

Das waren die letzten Worte, die der Anwalt hören konnte, bevor die Tür zuschlug und die Hölle verschloss. Auf seinen Armen trug er immer noch das Mädchen, dessen Gesicht langsam wieder Farbe annahm. Zögernd zog das Leben wieder ein in diesen Körper, der eben noch dem Teufel hatte gehören sollen. Sie schlug die Augen auf. Wo bin ich, fragte sie verwirrt. Sie hatten einen kleinen Kreislaufzusammenbruch, der Anwalt setzte sie auf einen Stuhl und legte ihre Beine auf einen anderen. Der Arzt wird gleich hier sein.

Ich, ich.. da war…, stotterte sie. Ihnen ging es nicht gut, er reichte ihr ein feuchtes Tuch, aber nun scheint es ihnen wieder etwas besser zu gehen. Aber das mit der Unterschrift für die Leitung der Stiftung „Hand Gottes“ machen wir dann wohl doch besser morgen. Genau in diesem Augenblick kamen die Sanitäter und der Notarzt um die Ecke. Danke, sie drehte sich zu ihrem Retter um. Doch der war spurlos verschwunden.
__________________________________________________

Sommertag

Kannst du es fühlen, fragte er und sah dabei in den Himmel. Nein. Ich konnte es nicht fühlen. Er fragte mich seit Stunden immer wieder, doch ich spürte nichts. Da gab es keine Veränderung. Da war keine leise Vibration in der Luft. Kein kalter Windhauch, der mir eine Gänsehaut bescherte. Es war ein ganz normaler Sommertag. Doch er wurde immer stiller. Betrachtete immer öfter den Himmel, an dem ich so gar nichts Außergewöhnliches feststellen konnte.

Der Himmel war blau, mit ein paar Wolkenspindeln und sehr viel Sonne. Ein ganz gewöhnlicher Sommerhimmel eben. Nicht einmal leicht verdunkelt war er, keine Spur von dem Grau, das ein Gewitter oder sonstiges Unheil ankündigen könnte. Nein. Da war nichts.

Doch er starrte weiter in den Himmel. Merkst du es denn nicht, fragte er wieder. Hör doch mal. Ich lauschte. Doch ich hörte nichts. Da ist nichts, antwortete ich, fast ein wenig zu schroff. Eben. Da ist nichts, antwortete er. Es ist Sommer, wunderschönes Wetter. Aber hörst du Kinder toben, hörst du Vögel sich um ihr Revier zanken oder sich gegenseitig den neusten Klatsch erzählen? Nein. Denn es ist still. Ich sah ihn an. Es war still. Zugegeben. Aber hier war doch auch nichts, das hätte Lärm machen können. Ja. Vögel, die könnte es geben. Aber es waren eben stille Vögel. Ja, antwortete ich ihm, du hast Recht, es ist still. Aber nur, weil hier eben mal keine Kinder spielen und die Vögel sich zur Abwechslung mal nichts erzählen, heißt das doch noch lange nicht, dass etwas in der Luft liegt.

Ich drehte mich um und steckte die Nase wieder in mein Buch. Er starrte weiter in den Himmel und lauschte. Wundert es dich nicht, dass wir unser Picknick so vollkommen ungestört genießen können? Weder Bienen noch Wespen schwirren um unsere Köpfe. Nicht einmal die Ameisen scheint es zu interessieren, dass der Rasen hier bedeckt ist von leicht erreichbaren Köstlichkeiten. Ich sah auf. Hm. Du hast Recht. Hier sind nun mal keine Tiere unterwegs. Und nun freu dich drüber, iss, lies, hör ein wenig Musik und genieße um Himmelswillen endlich den schönen Tag. Wieder widmete ich meine Aufmerksamkeit dem Buch. Männer. Denen konnte man es offensichtlich nie Recht machen. Waren Kinder unterwegs und Hunde und Bienen und Ameisen und Vögel, dann beschwerten sie sich über die Lautstärke und dass man keine Ruhe hatte und dass die Viecher einen beim Essen störten und die Vögel überall ungefragt einfach ihren Dreck verteilten. Und dann war es ausnahmsweise mal beschaulich ruhig und es war ihnen auch wieder nicht recht. Ich schüttelte leise den Kopf und biss in einen der saftigen grünen Äpfel. Weißt du, sah ich ihn an, nimm es doch einfach mal hin, dass wir Glück haben mit unserem Picknicktag und da nichts ist, das uns stören könnte. Ich setzte mich auf und kraulte ihn sanft im Nacken. Komm, iss etwas, ich drückte ihm die Schale mit den Erdbeeren in die Hand, und hör auf, soviel nachzugrübeln.

Er zögerte kurz, doch dann schien er die negativen Gedanken mit einem leichten Nicken weg zu schieben, schnappte sich die Erdbeeren und begann, zu essen. Doch schon nach dem ersten Bissen verzog er das Gesicht. Wie Pappe, er hielt mir die Schale hin. Probier selbst. Die schmecken nach nichts. Ich sah ihn an, dann die Erdbeeren, die wunderbar fruchtig rot in der Schale lagen. Das kann nicht sein, sieh dir doch mal an, wie gut die aussehen. Ich nahm mir eine und steckte sie mir in den Mund. Doch statt der erwarteten Süße hatte ich das Gefühl, auf Watte herum zu kauen. Bäh, ich spuckte sie ins Gras. Du hast Recht. Ich bleibe dann doch lieber bei meinem Apfel. Nimm dir halt ein Brot oder iss ein Stück von der tollen Honigmelone, ich gab ihm den Picknickkorb. Dann nahm ich einen weiteren Bissen von meinem Apfel. Der dann eine halbe Sekunde später direkt neben der zerkauten Erdbeere im Gras landete. Igitt. Der schmeckte genauso wie die Erdbeere. Nämlich nach nichts. Den Obsthändler würde ich mir vorknöpfen, wenn wir wieder zu Hause wären. Gib mir einen von den Hähnchenschenkeln, verlangte ich. Ich hab jetzt Hunger. Den Apfel warf ich ins Gras, sollten doch die noch nicht vorhandenen Ameisen von ihm naschen.

Er reichte mir einen der knusprig gebräunten Hähnchenschlegel und ich zog diesem genüsslich die Haut vom Fleisch und stopfte sie mir in den Mund. Doch er konnte sofort an meinem Gesichtsausdruck erkennen, dass auch hier nicht das gewünschte Geschmackserlebnis folgte. Angewidert spuckte ich die Hähnchenhaut ebenfalls ins Gras. Sag mal, meinte ich, was ist das hier? Warum schmeckt das Essen nicht? Du meinst, wieso schmeckt das Essen nach nichts, korrigierte er mich. Jaja, wieso schmeckt das Essen nach nichts? Genervt warf ich einen Blick in den Korb und fischte die Schale mit dem Nudelsalat raus und 2 Gabeln. Ich drückte ihm die zweite in die Hand, öffnete die Schale, iss! Wir nahmen beide vorsichtig nur eine Nudel auf die Gabel und führten diese zu Mund. Der muss schmecken, schließlich habe ich ihn vorhin noch abgeschmeckt. Er grinste schief, nahm die Nudel in den Mund und kaute. Und spuckte. Gleiches Ergebnis. Der Nudelsalat schmeckte wie aufgeweichtes Zeitungspapier. Verdammt. Ich hatte Hunger. Aber Pappe und Watte war nicht das kulinarische Erlebnis, dass ich mir für ein Picknick so vorstellte.

Wütend stand ich auf und lief um die Decke herum. Was soll das, fragte ich ihn. Er zuckte nur mit den Schultern, ich habe dir gesagt, dass hier irgendetwas nicht stimmt. Du wolltest mir ja nicht glauben. Verärgert wollte ich den angebissenen Apfel weg treten, als mir auffiel, dass sein Fleisch immer noch genauso unschuldig weiß war wie zu dem Augenblick, als ich ihn angebissen hatte. Nun sieh dir das an, ich hob den Apfel hoch, der läuft gar nicht an. Der müsste doch längst ein bisschen braun geworden sein. Ich betrachtete den Apfel wie etwas vollkommen neues, das ich vorher noch nie gesehen hatte. Ja, das müsste er. Er müsste braun sein und die Erdbeeren müssten matschig werden, hier in der Hitze, sagte er. Aber das tun sie nicht. Weil hier etwas ganz und gar nicht stimmt.

Er stand ebenfalls auf und lief herum. Das Gras ist viel zu grün. Es hat seit Wochen nicht geregnet und hier blüht alles. Es geht nicht einmal ein lauer Sommerwind, es ist absolut still. Die Sonne hat sich in der letzten Stunde nicht vom Fleck gerührt und obwohl du sonst sehr schnell Farbe bekommst, bist du immer noch genauso blass wie vorhin, als wir aus dem Auto gestiegen sind, fasste er zusammen. Wir müssen in eine Art Zwischenwelt geraten sein, murmelte ich. Twilight-Zone, er lachte. Du liest zu viele Phantasie-Bücher. Nein, es muss eine andere Erklärung geben. Irgendein Wetterphänomen, vielleicht.

Ich zog die Nase kraus. Weißt du, meinte ich, hier ist alles voller Blumen. Aber es riecht nach nichts. Das fäll mir eben erst auf. Nun, antwortete er mit einem leicht schnippischen Unterton, du wolltest mir ja nicht glauben. Und es ist doch kein Wunder, dass unser Essen nach nichts schmeckt, wenn die Blumen schon nach nichts riechen. Ich blickte zum Himmel, die Wolken sehen genauso aus wie vor einer halben Stunde, sagte ich zu ihm. Ja, ich weiß. Die Sonne steht am gleichen Platz, die Wolken haben sich nicht einen Millimeter bewegt und es gibt hier keine Tiere und das Gras sieht aus, wie auf einer Fotografie, zählte er erneut auf. Aber das gibt’s doch nicht, meine Stimme wurde jetzt lauter. Wie kann das denn sein? Das ist kein Wetterphänomen, denn Wetter scheint es hier ja gar nicht zu geben, es geht ja nicht mal Wind, so dass die Wolken sich bewegen könnten, langsam wurde ich hysterisch.

Reg dich nicht auf, er legte beruhigend den Arm um mich, so dass ich spüren konnte, dass auch er leicht zitterte. Lass uns einfach die Sachen packen und zum Auto gehen und dann wird sich das schon aufklären. Vielleicht kommt ja was in den Nachrichten. Nun, das klang in der Tat vernünftig, also packte ich die Sachen zusammen, während er die Decken im Kofferraum verstaute und wir setzten uns ins Auto. Ich sah ihn an, du schwitzt nicht. Es ist Sommer, das Auto stand in der Sonne, 2 Stunden jetzt. Und du schwitzt nicht. Und ich auch nicht, meine Stimme überschlug sich. Bleib ruhig, er legte seine Hand auf mein Knie. Das sind sicher alles Folgen dieses Wetterphänomens. Wir machen jetzt das Radio an und dann werden wir sicher bald wissen, was passiert ist.

Er versuchte, den Wagen zu starten, doch der sprang nicht an. Verfluchter Mist, schimpfte er. Als ob wir das jetzt auch noch bräuchten. Er drehte am Radioknopf, ich glaube schon fast, dass das jetzt auch nicht geht, aber da erklang die Stimme von Pat Benatar aus den Lautsprechern. We belong, we belong, we belong together. Es geht. Na Gott sei dank, er lächelte mich an. Siehst du, jetzt werden wir sicher gleich hören, dass irgendwelche Sonnenwinde an der Situation Schuld haben. Keine Angst. Es klärt sich alles auf, tätschelte er beruhigend mein Knie. Und nun eine Meldung über den schweren Verkehrsunfall an der Autobahnausfahrt Ilmenau Ost. Wie wir mittlerweile erfahren haben, handelt es sich bei den beiden getöteten Personen um einen 24 jährigen Informatikstudenten und eine 22 jährige Studentin der Angewandten Medienwissenschaft. Die beiden waren wohl auf dem Weg zu einem Picknick, als der 24 jährige Fahrer in der Kurve die Kontrolle über das Fahrzeug verloren haben muss. Sie rasten frontal in einen entgegenkommenden Tanklastzug, dessen Fahrer sich zum Glück noch vor der Explosion aus dem Führerhaus befreien konnte.

Ich öffnete die Autotür und erbrach mich neben den Wagen. Wer da wohl gestorben war? Es musste ja jemand sein, den wir kannten. Ein Pärchen in der gleichen Konstellation. Ich überlegte, wer das gewesen sein konnte. Er zog mich zurück in den Wagen. Wir…, stotterte er, wir sind… ich glaube.. wir sind. Wir sind tot! schrie er plötzlich. Und im Hintergrund sagte der Radiosprecher, leider haben Menschen in Kleinwagen nur selten eine Überlebenschance bei solchen Crashs. Dabei gilt der Renault Clio noch als einer der sichersten Autos seiner Klasse. Tot? Wir? Gut, wir waren auf dem Weg zu einem Picknick. Ich war 22 und studierte Angewandte Medienwissenschaft. Er war 24 und Student der Informatik. Ja und wir waren auch in einem Clio unterwegs. Aber das, das waren nicht wir. Ich zitterte. Wir sind nicht tot, hörst du, schüttelte ich ihn. Nicht wir, das sind wir nicht, die meinen ein anderes Paar. Guck doch, ich lebe.

Ich atme nicht, meinte er dann leise. Das ist mir vorhin als erstes aufgefallen. Er sah mir in die Augen. Und du, du atmest auch nicht. Wie kann das sein, schrie ich ihn an, natürlich atme ich, ich sitze doch hier und ohne atmen wäre ich längst tot. Eben, murmelte er. Wir sind tot. Du bist tot. Ich bin tot. Wir atmen nicht, er legte meine Hand auf seinen Brustkorb. Fühlst du mein Herz, sah er mir in die Augen. Fühlst du, dass ich atme? Nein. Ich bin kalt und ich atme nicht und mein Herz, das schlägt auch nicht. Ich starrte ihn an, wollte das nicht hören, nicht wissen. Wo sind wir, jetzt war ich wirklich hysterisch. Wo sind wir, wenn wir tot wären, wären wir nicht hier. Wir sind nicht tot. Ich lebe doch. Ich hab da eben auf einer Wiese gelegen, neben dir und nicht tot und verbrannt in einem Auto. Ich schrie und heulte gleichzeitig. Ich weiß, er nahm meine Hände in die seinen, ich weiß das. Aber nichts hier bewegt sich, außer uns. Nichts riecht, nichts schmeckt. Und wir atmen nicht, haben keinen Puls. Ich wollte mich losreißen, doch er hielt mich fest. Ich weiß nicht, wo wir sind. Aber wir sind ganz sicher nicht mehr da, wo wir vor ein paar Stunden noch waren.

Ich sagte dir, etwas hier stimmt nicht. Ich habe es dir gesagt, weil es so leise war und dann habe ich gemerkt, dass ich nicht atme. Aber das konnte ich dir nicht sagen, denn ich konnte mir das ja selbst nicht erklären. Oder eingestehen. Aber irgendwas stimmte nicht und jetzt wissen wir auch, was das ist. Wir sind tot. Begreifst du? Wir sind tot, weil ich uns ihn diesen Tanklaster gelenkt habe. Tot und verbrannt und das hier, das ist jetzt unser Himmel. Vielleicht. Vielleicht hattest du ja vorhin doch Recht. Mit der Zwischenwelt. Ich weiß es nicht.

Im Hintergrund hatte das Radio einen weiteren Hit aus den 80ern gespielt, Spandau Ballet, doch jetzt war der Sprecher wieder dran. Im Fall des schweren Unfalls an der Autobahnausfahrt Ilmenau Ost gibt es eine weitere Neuigkeit. Es ist noch nicht geklärt, wo die beiden Personen sind, die im Clio gesessen haben müssen. Nachdem die Löscharbeiten nun soweit abgeschlossen sind, dass das ausgebrannte Fahrzeug geborgen werden konnte, mussten die Feuerwehrleute feststellen, dass sich keine sterblichen Überreste im Fahrzeug befinden. Der Sprecher der Feuerwehr hält es für möglich, dass die beiden jungen Leute vollständig verbrannt sind, meinte aber, dass so etwas nur in 1% der Fälle von solchen schweren Brandunfällen vorkäme. Der Fall wird eingehend untersucht und nun weiter im Musikprogramm.

Wir, wir waren da nicht mehr drin, siehst du, krächzte ich verzweifelt. Wir waren da gar nicht mehr drin, also sind wir jetzt auch nicht tot. Wir leben. Die haben uns nur noch nicht gefunden. Sicher liegen wir irgendwo neben der Ausfahrt im Graben und wir sind schwer verletzt, vielleicht im Koma und deswegen können wir nichts riechen und nichts schmecken und deswegen träumen wir, dass wir nicht atmen, weil wir uns auch nicht spüren können aber wir leben und wir sind nicht tot.

Er schüttelt mich. Hör auf, schrie er mich an. Wie sonst sollten wir jetzt die Nachrichten hören, wie stellst du dir das alles vor, jetzt war er derjenige, der hysterisch wurde. Oder eher wütend. Er knallte mir eine. Spürst du das? Ja, das hatte ich gespürt, ich rieb meine brennende Wange. Aber ich will nicht tot sein, jammerte ich leise. Wer will das schon, antwortete er resigniert. Aber ganz offensichtlich sind wir tot. Zusammen gestorben. Verbrannt in diesem scheiß Auto. Auf dem Weg zu unserem Picknick.

Wir schlossen uns in die Arme. Tot. 22 und 24. Einfach so, an einem Sommertag.

Schau mal, Kerstin. Er zog sie vor sein Lieblingsbild. „Sommertag“ von Wiesem. Das Bild, es hat sich verändert. Sie sah es mir an, ja, stimmt. Der Schirm und der Hund waren verschwunden. Stattdessen sah man die zwei jungen Leute jetzt im Gras sitzen. Seltsam, meinte sie. Bist du sicher, dass das das gleiche Bild ist? Ja. Sieh doch, es hängt am gleichen Platz wie gestern, die Beschriftung ist auch die gleiche, die Wiese ist die gleiche, die Blumen sind die gleichen. Aber jetzt sitzen die zwei da. Und wenn du ganz genau hinsiehst – findest du nicht auch, dass sie unendlich traurig aussehen?
__________________________________________________

Mein Film

Ich sitze in einem dunklen Raum. Hinter mir höre ich ein leises Rascheln, so wie Bonbonpapier. Ich sehe mich um, doch ich kann nichts erkennen. Zu dunkel ist es um mich. Plötzlich vor mir ein Flackern und dann sehe ich, dass ich vor einer Leinwand sitze, auf der gerade ein Film beginnt.

Auf der Leinwand da vorne, da sehe ich mich. Das müssen Aufnahmen aus meiner Kindheit sein, denn ich bin viel jünger. Ich frage mich, wer diesen Film gedreht hat, denn mal ist die ganze Familie zu sehen und mal sind es Aufnahmen von mir an heimlichen Plätzen, Orten, die außer mir niemand kennt oder kannte. Stellen, an die ich mich zurückzog, wenn es mir schlecht ging, wenn ich meine Ruhe wollte, wenn ich nachdenken wollte. Und jetzt sehe ich, dass es Filmaufnahmen von mir gibt, wie ich da sitze. Schreibe. Weine. Nachdenke. Mit den Beinen schwinge. Im Dreck grabe. Und andere Aufnahmen, auf denen ich schon etwas älter bin, auf denen ich mit anderen an diesen Orten zu sehen bin. Knutschend. Fummelnd.

Auch zeigt der Film, wie ich mit einem Freund hinter der alten Fabrik rumgezündelt habe. Wo doch bis heute niemand weiß, dass das Feuer durch mich ausgelöst wurde. Und der wenig rühmliche Besuch des Straßenstrichs wurde ebenfalls gefilmt.

Was zur Hölle soll das? Ich drehe mich suchend um, doch ich bin allein. Wer hat da vorhin mit Bonbonpapier geraschelt? Ich versuche, gegen das blendende Licht des Projektors zu erkennen, ob da oben ein Vorführer sitzt. Doch es ist mir nicht möglich. Stattdessen geht der Film da vor mir auf der Leinwand weiter. Zeigt mich, wieder etwas älter, das muss beim Studienbeginn sein. Und ja richtig, da ist ja auch Isabell. Bilder von mir im Hörsaal, auf Studentenparties, Isabell mit dickem Bauch, Isabell im Hochzeitskleid, ich im Anzug, Aufnahmen von Bernd. Jetzt platzt mir gleich der Kragen. Wer hat diese Aufnahmen gemacht? Wer hat uns da gefilmt? Wer hat mein Leben da einfach auf Zelluloid gebannt?

Der Film zeigt jetzt meine Heimlichkeiten. Mit Philipp. Dann mit ein paar Typen, deren Namen ich nicht mehr kenne, teilweise nie gekannt habe. Bilder von der Geburt von Sascha. Mein erster Job. Beförderung zum Abteilungsleiter. Der Hauskauf. Noch mehr Bilder von Philipp. Isabell mit neuer Frisur und neuem Outfit, sie wird selbständiger, geht jetzt auch arbeiten. Aufnahmen von den Kindern im Kindergarten. Einschulung, mit Omas und Opas.

Herrgott noch mal! Ich springe auf. Ich will das nicht sehen. Und ich möchte wissen, wer da mein Leben im Detail gefilmt hat. Ich renne dahin, wo ich vermeintlich den Ausgang vermute – aber egal wo ich hinlaufe, um mich herum nur geschwärzte Wände, keine Tür. Während dessen läuft der Film weiter. Ich werde Juniorpartner, ein paar Tage später die Beerdigung meines Vaters. Doch ich bleibe nicht lang. Auf dem Friedhof am anderen Ende der Stadt eine weitere Beerdigung. Philipp.

Ich setze mich wieder. Jetzt laufen mir die Tränen. Was soll das? Warum bekomme ich hier mein Leben vorgeführt. Wo bin ich überhaupt? Und wieso redet keiner mit mir? Ich starre weiter auf die Leinwand, auf der jetzt die Eröffnung von Isabells eigener Boutique gezeigt wird. Und Bilder von mir, wieder in so einem Schuppen. Junge Kerle. Gefallen mir. Aber ich gefallen den meisten nicht mehr so gut. Bei den knackigen, begehrten, muss ich zahlen. Aber das macht nichts. Ich verdiene gut. Hauptsache, es erfährt niemand.

Bernd, wie er heimlich in den Heftchen blättert, die er in meinem Schreibtisch gefunden hat. Verdammt! Das wusste ich nicht. Weder, dass er sie gefunden hat, noch dass er sich offensichtlich für die Abbildungen interessiert. Dann wieder Bilder von mir. Ich sehe schlecht aus. Bin wahrscheinlich überarbeitet. Leite jetzt die Firma, der Chef ist in Pension gegangen. Die jungen Kerle nehmen weiter mein Geld. Niemand ist wie Philipp. Aber wen juckt das schon. Ich habe Isabell. Isabell. Da in der Boutique. Mit einem ihrer Verkäufer. Scheiße, die Kuh betrügt mich!

Aber was reg ich mich eigentlich auf? Tue ich nicht seit Jahren das Gleiche? Vorne rum gut bürgerlich, 2 Kinder, Haus und Hund. Selbständige Frau, mit eigener Boutique, Kinder aus dem Gröbsten raus.

Verdammt, da ist Bernd. Daran erinnere ich mich. Er steht da an der Bar und sieht mich. Ich dreh mich um, flüchte. Das zeigen die Bilder auf der Leinwand. Meinen entsetzten Gesichtsausdruck. Ertappt. Seinen. Auch ertappt? Oder eher entsetzt, dass sein Vater in solchen Etablissements verkehrt? Ich weiß es nicht. Aber ich erinnere mich. Es gab kein klärendes Gespräch. Totgeschwiegen. Das können wir gut. Beide. Liegt sicher in den Genen.

Ich sehe immer noch nicht besser aus. Gehe zum Arzt. Scheiße. Schaltet das ab. Ich will das nicht sehen. Wie ich tobe und schreie. Weil das nicht sein kann, nicht passiert sein darf. Und dann dasitze wie ein Häuflein Elend. Heule. Rotz und Wasser heul ich. Weil ich nicht sterben will. Und dann werden mir die Konsequenzen bewusst. Wer weiß, wie lang ich den Scheiß schon mit mir rum trage. Ich muss es Isabell sagen. Sollte. Schließlich ist sie meine Frau. Und wir schlafen immer noch miteinander. Nur selten. Aber wir tun es.

Und Bernd? Sollte ich ihm nicht auch…? Ich sehe mich nachdenken. Bin an den einen heimlichen Ort meiner Kindheit zurückgekehrt. Den Wisch mit dem Ergebnis in der Jackettasche. Zusammengefaltet. Ich hol ihn raus, falte ihn langsam auseinander. Überflieg ihn, schüttle den Kopf. All das kann ich da sehen, da vorne, auf der Leinwand. Dann nehme ich das Feuerzeug.

Ja, verdammt! Ich hab den Wisch verbrannt. Da stand es. Schwarz auf weiß. HIV-positiv. Und ich hab’s verbrannt. Feuerzeug drangehalten und zugesehen, wie es sich in kleine schwarze Rauchpartikel aufgelöst hat. Das hab ich getan. Dann bin ich nach Hause gegangen. Gesagt hab ich nichts. Ich hab Bernd beobachtet. So aus den Augenwinkeln. Ob er es auch hat. Ob er Verkehr mit dem Kerl hat, der mich…

Verflucht! Am Ende hab ich nen Typen angesteckt und der dann Bernd. Ich beobachte immer mehr. Ich seh mich, auf der Leinwand, wie ich immer mehr meine Arbeit vernachlässige. Weil ich da sitze und nachdenke. Weil ich zu Hause bleibe um zu beobachten. Weil ich Bernd hinterher spioniere. Und Isabell. Und weil die mit ihrem Verkäufer rumvögelt. Heißa. Den hab ich jetzt vielleicht auch auf dem Gewissen. Erst sie. Dann ihn. Und so schließt sich der Kreis.

Ich bin ein Held. Ein schwanzgesteuerter, notgeiler Held, der nicht mal fähig ist, seiner Familie in die Augen zu sehen und einzugestehen, was er all die Jahre für ein Doppelleben geführt hat.

Hinter mir wieder Rascheln. Wie von Bonbonpapier. Ich schnelle herum. Doch da ist niemand. Ich bin immer noch allein. Und vor mir auf der Leinwand läuft immer noch mein Lebensfilm. Ich scheiß drauf, wer auch immer das gedreht hat, muss ein verdammt krankes Arschloch sein. Überall versteckte Kameras. Auf den Klos von den Schuppen, in denen ich war. An meinen Geheimplätzen. In den Umkleidekabinen der Boutique. In Bernds Zimmer. Überall. Scheiße!

Ich sehe wieder auf die Leinwand, wie ich in den Wald fahre, sehe ich da. Mit meinem Bonzen-BMW. Nettes Auto. Natürlich 7er-Reihe. Drunter mach ich’s schon lange nicht mehr. Hol das Seil aus dem Kofferraum.

Das hat der Dreckskerl also auch gefilmt. Und was ist das hier jetzt? Bin ich jetzt in der Psychiatrie, da wo alle gescheiterten Selbstmörder hinkommen? Hm? Also, was soll der Mist? Soll ich jetzt hier belehrt werden? Einsehen, was ich für ein Arsch bin? Ja? Vergiss es!

Bilder von Isabell. Sie sitzt beim Arzt. Fast die gleiche Reaktion wie meine. Nur mehr Heulen und weniger Toben. Prima. Sie hat’s also auch erwischt. Scheiß drauf. Vögelt ja eh schon seit Jahren ihren brünftigen Verkäufer.

Wieder ich. Werfe das Seil über den Ast. Ja, super. Jetzt bekomm ich meine Unfähigkeit vorgeführt, mich umzubringen. Klasse. Danke auch. Dann dazwischen Einzelbilder von Bernd. Und Sascha. Offensichtlich erzählt Bernd Sascha von seinen Vorlieben. Toll. Mein Sohn outet sich also. Hübsch. Kleine Schwulette. Und Sascha nimmt das auch noch einfach so hin. Da hab ich mir ja tolle Söhne großgezogen.

Ich seh, wie ich die Schlinge knüpfe, den Stuhl aufstelle, mich draufstelle, mir die Schlinge um den Hals lege. Dann trete ich den Stuhl weg. Scheiße, das tut mir jetzt noch weh, dieses Gefühl am Hals. Luftnot. Hab das Gefühl, meine Augen quellen mir aus dem Kopf. Hey! Ich will das nicht sehen. Und spüren schon gleich gar nicht. Was macht Ihr hier mit mir? Was soll das?

Die Leinwand flackert, das Bild erstirbt. Und das Licht im Raum geht an. So! Ich springe auf. Jetzt will ich sofort denjenigen sprechen, der hierfür verantwortlich ist. Sofort! Habt ihr das gehört?

Ja. Ich habe das gehört. Ich bin ja nicht taub. Setz dich. Dann sage ich dir auch, was das soll.

Ich drehe mich um, zu der Ecke, aus der das Bonbonpapierrascheln kam. Da sitzt ein Mann. Kaum älter als ich. Denke ich zumindest. Schwarzer Anzug. Schwarzes Hemd. Schwarze Krawatte. Sieht aus wie ein Leichenbestatter, der Typ. Kein Bart, keine Brille, Durchschnittsfresse. Also, spucks aus, Freundchen. Sag, was Sache ist.

Ich, mein lieber Freund, bin der Seelensammler. Kannst du dir das nicht schon denken?

Seelensammler? Fuck he, will der mich verarschen? Seelensammler. Ah ja. Was soll das hier? Hm? Was soll denn ein Seelensammler sein? Na, komm. Kannst die Verarsche ruhig lassen. Ich weiß nicht, wo du das Filmmaterial her hast…

Dass ihr Menschen immer so ungläubig und selbstherrlich sein müsst. Ich bin Belzebub. Der Teufel. Satan. Der Seelensammler eben. Ach komm schon. Sag mir nicht, du hättest noch nie von mir gehört.

Klar, dass so ne Aussage mich nicht kalt lässt. Drum lach ich erstmal herzlich. Ich bin eindeutig in der Psychiatrie. Und die lassen mich hier nen Film sehen, von dem ich keine Ahnung habe, wo sie ihn her haben und schicken mir dann n Typ rein, der noch irrer ist, als ich. Mann, Alter. Danke für den Witz. Hab selten so gelacht. Und nun mal ernsthaft. Wo sind die Pfleger? Wo ist hier die Tür? Ich hab keinen Bock mehr auf den ganzen Mist.

Aber, aber. Du möchtest mir nicht glauben? War der Film nicht Beweis genug? Und die Tatsache, dass ich einfach so erschienen bin? Aus dem Nichts? Du ungläubiger Wicht. Aber ich verzeihe dir. Schließlich landet man nicht jeden Tag in der Hölle.

Der Typ lacht jetzt seinerseits. Während mir das Lachen langsam vergeht. Denn da, wo vorhin noch die Leinwand war, lodert jetzt Feuer. Verdammt, ich muss hier raus. Dieser Irre hat irgendwie das Kino angezündet. Ich will hier nicht verrecken. So nicht. Ich schreie. Lasst mich hier raus. Verdammt. Los, ruf jemand die Feuerwehr.

Doch der Typ in schwarz lacht lauter.

Feuerwehr? Ach Süßer – denn dass du ein Süßer bist, wissen wir ja jetzt beide – hier in meiner Hölle gibt’s keine Feuerwehr. Nur noch etwas mehr Brennstoff für mein Seelenfeuer.

Und er schnappt mich. Nimmt mich mit Leichtigkeit hoch, kann mich nicht wehren, so fest ist sein Griff. Lass das. Lass mich sofort runter, du Affenarsch. Ich sorge dafür, dass du verdammt noch mal in einer Einzelzelle landest. Und das für den Rest deines Lebens.

Doch er lächelt nur leise und läuft weiter. Hält mich mit seinem Eisengriff fest. Trägt mich zum Feuer – und ….

Wirft mich hinein.

__________________________________________________

Betrug
Die Geschichte von sie will ihn, doch er will, sie nicht...

Komisch, ich dachte, mir würde so etwas nie passieren. Gut, ich bin noch nicht so alt, aber immerhin lebte ich mit meinen knapp 29 Jahren in einer harmonischen Beziehung. Mein Freund und ich waren das Dream-Team. Uns gab es nur im Doppelpack. Kein Salz ohne Pfeffer, keine Butter ohne Brot, keinen Kaffee ohne Kuchen. Und das alles schon seit sieben Jahren. Das einzige, was diese Beziehung noch toppen konnte, so dachte ich damals, wären Kind und Trauschein.

Alles war perfekt. Gemeinsame Wohnung, gemeinsame Kasse, gemeinsame Hobbys, gemeinsame Freunde. Vielleicht hätte ich stutzig werden sollen, als ich feststellte, daß wir in den sieben Jahren kein einziges Mal richtig gestritten hatten. Fünf Jahre gemeinsames Wohnen und immer eitel Sonnenschein. Nur Harmonie und Glück macht auf die Dauer genauso depressiv wie ständiger Streit. So sehnte ich mich also nach Tassen werfen und rumschreien, als wäre das die Kur, die unsere Beziehung retten könnte. Natürlich sah ich es nie so deutlich und er sah es überhaupt nicht. Ich war wenigstens ab und an mal unzufrieden. Aber er wollte immer alles schön und friedlich und wunderbar. Das perfekte Paar.

So richtig klar wurde es mir erst im Laufe des achten Jahrs. Zu dieser Zeit war ich gerade dabei, beruflich in einer größeren Firma Fuß zu fassen, die auch einige Azubis hatte. Und da ich mich wesentlich jünger fühlte, als ich war, gehörte ich einfach irgendwie dazu. Plötzlich kam ich mir insgeheim älter vor. Bei allen ging am Wochenende die Post ab, bei mir höchstens die Waschmaschine beim Schleudern. Alle hatten Beziehungen und Beziehungskrisen nur ich war der ruhende Pol, bald verheiratet und Mutter. Mein Gott, war ich naiv. Schon lange hatte ich mich aus der Discoszene zurückgezogen, weil sich einfach kein Laden finden ließ, der mir so richtig gefiel. Mein Freund ging zwar zwei- dreimal im Monat weg, doch war das mehr so ein Männerabend. Und alle meine Freundinnen sahen ihren Freund unter der Woche kaum, so daß das Wochenende dann ganz tabu war für die Freundin.

So saß ich zu Hause und dachte nach. Das war wohl der Anfang vom Ende. Ich veränderte mich und mein Freund blieb, was er war: höflich, hilfsbereit, fleißig und ehrgeizig, ein richtiger Schatz eben. Trug mich auf Händen, las mir jeden Wunsch von den Augen ab, nahm mir alle Arbeit ab und ich hatte noch mehr Zeit, meinen Gedanken nachzuhängen.

Nun, das alles wäre noch nicht so schlimm gewesen, wäre da nicht dieser Typ im dritten Ausbildungsjahr gewesen. 10 Jahre jünger und ein absoluter Don Juan. Und ich blindes Huhn fiel voll auf seine Sprüche rein. Zuerst waren es Tips von der älteren Kollegin. Nur berufsbezogen. Dann wurde es langsam immer privater. Er erzählte mir von seinen Wochenenden und ich versuchte zu vermeiden, daß er von meinen erfuhr. Ich begann, mich geschmeichelt zu fühlen und die Welt mit seinen Augen zu sehen. Hatte es mir die ganze Zeit nichts ausgemacht, kein Auto mehr zu haben, so fühlte ich mich jetzt wie amputiert. Um mir wenigstens ein bißchen Freiheit zu erkaufen, etwas, was nur mir gehörte, legte ich mir ein Handy zu.

Was dazu führte, daß mich dieser junge Casanova mit SMS beehrte. Ich fühlte mich geschmeichelt. Hörte mir geduldig die Geschichten an, von den zwei Freundinnen, die er hatte. Die eine liebte er wohl, doch die hatte ihn mal betrogen und wohnte sowieso zu weit weg, bei der anderen war er das Verhältnis, denn sie lebte in einer festen Beziehung. Und wenn er es mal ganz riskant brauchte, gingen sie einfach zu viert weg. Geschichten, dachte ich mir. Fand alles ja so amüsant. Bis ich anfing, mir Gedanken zu machen, wenn er nicht den ganzen Tag in meiner Abteilung saß. Überlegte, warum er nicht mailte, während ich mit meinem ach so treuen und braven Freund schlief.

Ich fing an, die ganze Sache mit anderen Augen zu sehen. War mir plötzlich überhaupt nicht mehr sicher, was meine bevorstehende Hochzeit betraf. Oft betrachtete ich meinen Freund von der Seite und überlegte mir, was ich eigentlich noch für ihn empfand. Und kam dabei mehr und mehr zu dem Schluß, daß er eigentlich nur noch ein Bruder, ein guter Freund für mich war. Konnte seine Zärtlichkeiten, seine verliebten Blicke nicht mehr ertragen. Hatte ständig das Bedürfnis, jemanden schlagen oder etwas zerstören zu müssen. Dieses ganze Harmoniegetue und diese ständigen „ich liebe dich“ gingen mir so gegen den Strich, daß mir beim Gedanken daran fast übel wurde.

Nächtelang lag ich wach, überlegte, ob ich mich vielleicht in diesen Jungspund verliebt hatte. Und hielt dabei meinen Freund im Arm, der sich wie immer liebebedürftig an mich kuschelte. Ich hielt es fast nicht aus, machte gute Miene zu dem ach so bösen Spiel. Plante und arrangierte für die Hochzeit und tat, als würde ich mich tatsächlich furchtbar freuen. Suchte die passende Garderobe aus, bestellte den Saal für die Feier und dachte dabei ständig an den anderen.

Ich versuchte, mich am Riemen zu reißen. Redete mir ein, daß ich ohnehin keine Chance hätte. Und selbst wenn es für einen kleinen Betrug reichen würde, was würde ich dafür aufgeben. Bekam ich doch ständig und von jedem gesagt was für ein Goldstück von Freund ich zu Hause hatte. Welcher Mann würde sich sonst schließlich nach einem Achtstundentag hinstellen, für die geliebte Freundin kochen, die Wohnung sauber machen und zum krönenden Abschluß auch noch mit ihr schlafen. Welche Frau durfte einen Freund ihr eigen nennen, der nebenher noch mal soviel arbeitete um eine eigenen Existenz aufzubauen und trotzdem die Wäsche wusch und mit dem Hund raus ging, weil die Freundin es mal wieder nicht auf die Reihe gekriegt hatte. Wie konnte ich mir da überlegen, fremdzugehen. Alles aufzugeben. Nein, der Spatz in der Hand ist besser als zu Taube auf dem Dach, dachte ich mir. Gefühle, wie ich sie hatte, würden vorbei gehen und wenn ich dann dafür alles zerstört hätte, würde ich mir das nie verzeihen.

Sehend und doch blind harrte ich der Dinge, die da kamen. Ging brav jeden Tag zur Arbeit und hoffte, mein junger Freund würde merken, wie es um mich stand und mich a- entweder in Ruhe lassen oder b- mich, ganz der edle Ritter, erretten und mich vom Fleck weg entführen um irgendwo ein neues Leben mit mir zu beginnen. 29 und Prinzessinenträume wie eine Zwölfjährige!

Hätte ich doch damals nur geahnt, was ich heute weiß. Es ist nicht alles Gold was glänzt. Denn der Spatz in meiner Hand entwickelte plötzlich ein heimliches Eigenleben. Immer öfter war er spät abends noch bei der Arbeit, wofür ich natürlich wieder zu hören bekam, wie schlecht und undankbar ich war und was für ein unglaubliches Glück ich doch gehabt hätte. Und ich saß zu Hause und trauerte meiner Jugend nach und einer Chance, von der ich immer noch nicht wußte ob ich sie je gehabt hätte. Bis zu jenem Abend. Ich war mal wieder allein zu Hause, diesmal befand sich mein Freund auf einem seiner wohlverdienten Herrenabende, als mein Handy plötzlich vermeldete, daß ich eine Nachricht erhalten hätte.

Neugierig sah ich nach und siehe da, sie war von ihm, meinem heimlichen Schwarm, dem Traum meiner schlaflosen Nächte. Ich wußte, er war ebenfalls allein zu Hause, da seine Mutter ihn dazu verdonnerte hatte, auf die kranke Katze aufzupassen. Und das an einem Freitag abend. Ich freute mich riesig über die Tatsache, daß er tatsächlich in seiner Freizeit an mich dachte und ließ mich auf eine heiße Diskussion mit ihm ein. Über Treue und Betrug und der Tatsache, daß er ja schließlich immer noch zweigleisig fuhr und das auch noch für wahnsinnig cool hielt. Spielte den Moralapostel, obwohl ich selbst nichts dagegen gehabt hätte, wenn zwischen uns etwas mehr gewesen wäre, als nur diese seltsame Art von Freundschaft.

Schließlich schrieb er mir, seine Mutter sei zurück, er hätte jetzt frei und ob ich nicht Lust hätte, den Rest des angefangenen Abends mit ihm zu verbringen. Zitternd vor Nervosität tippte ich ein klägliches „Ja“ und wartete auf seine Reaktion. Die dann auch prompt als Einladung ins Kino folgte. Ich fühlte mich wie ein Verräter, wie ein Schulmädchen vor seiner ersten Verabredung, wie ein Kind, das heimlich am Kuchen nascht. Und freute mich wahnsinnig, während ich mir gleichzeitig schon wieder Gedanken über den möglichen Verlauf des Abends machte.

Eine halbe Stunde später stand er tatsächlich vor meiner Tür um mich abzuholen. Der Schalk blitzte in seinen Augen und ich konnte mich kaum noch im Zaum halten. Ich stahl mich aus der leeren Wohnung wie ein Dieb nach einem Raubzug, obwohl an der Tatsache, daß ich mal wieder ohne Anhang ins Kino ging, ja eigentlich nichts Verwerfliches war. Wir hatten einen wunderschönen Abend. In der Spätvorstellung im Kino lief ein Thriller, die passende Ausrede für Händchen halten, danach gingen wir gemütlich noch was trinken. Ich fühlte mich wie siebzehn und schwebte wie auf Wolken. Das hatte mir gefehlt, das wußte ich nun. Ein bißchen was Verbotenes, ein kleines Geheimnis, ein bißchen Bewunderung und ich fühlte mich wie neu geboren.

Dann brachte er mich nach Hause und gestand mir, und das ist jetzt nicht gelogen, vor der Tür, im Auto sitzend, wie in kitschigen amerikanischen Filmen, seine Liebe. Und dann tat ich das absolut Dümmste, was ich hätte tut können. Ich bedankte mich höflich, murmelte irgend etwas von geschmeichelt sein und knallte ihm dann doch tatsächlich an den Kopf, ich wäre mit meinem Freund absolut glücklich und werde ihn bald heiraten. Dann stieg ich aus dem Auto aus, wie nach einem Sieg und ließ ihn fahren. Und kaum war ich in der Wohnung angekommen, wurde mir bewußt, was ich gerade getan hatte. Ich hatte meiner großen Chance einfach eins aufs Maul gehauen und war brav wie ein gut dressierter Waldi treu und doof zurück zu meinem mittlerweile wohlig schnarchenden Freund gegangen. Und der hatte mich nicht mal vermißt.

Als ich Montags ins Geschäft kam, tat er, als wäre nichts gewesen. War freundlich und nett und erzählte mir ganz beiläufig, wie geil es doch am Wochenende wieder gewesen wäre. Daß sie samstags wieder zu viert weg gewesen wären und seine Freundin ihn und die andere fast erwischt hätte. Ich tat es als kindische Rache ab und entschloß mich, ebenfalls Gras über die Sache wachsen zu lassen. Doch jetzt war nichts mehr, wie vorher. In unseren Blicken lag Trauer über die verpaßte Gelegenheit, jede zufällige Berührung schmerzte und so gingen wir uns mehr und mehr aus dem Weg.

Privat hatte ich jetzt sowieso kaum noch Zeit, denn der Tag der Hochzeit rückte näher und es galt noch vieles vorzubereiten. Das Traumpaar schloß endlich den Bund fürs Leben. Wie wunderschön.. Doch ein Traumpaar, das sah anders aus. Zwar erzählte er mir immer noch ständig, wie sehr er mich liebte aber ich spürte, daß er sich verändert hatte. Und dann war es plötzlich soweit und wir beide sagten ja. Doch der Blick in unseren Augen sprach Bände. Mit gequältem Lächeln ließen wir Hochzeitsfeier und Glückwünsche über uns ergehen. Mein junger Kollege war auch gekommen, natürlich mit Freundin. Und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich sah das Leuchten in ihren Augen und die heimlichen Blicke meines Ehemanns und mir wurde klar, daß hier wohl jemand seine Gelegenheit genutzt hatte. Denn plötzlichen waren die beiden verschwunden und meine heimliche Liebe und ich standen da, und wußten nicht was tun.

Unglaublich aber wahr, hatte mein toller Ehemann doch tatsächlich die Freundin meines Schwarms kennengelernt. Und nicht nur das. Während mein Kollege sich sicher wähnte und selbst fremdging, hatte seine treugeglaubte Freundin die Gelegenheit beim Schopf ergriffen und hatte selbst ein Verhältnis angefangen. Nur ich war natürlich die Dumme. Mein Mann liebte dieses Mädchen nicht, er wollte nur Sex. Doch ich hatte ihm zu liebe auf eine neue Liebe verzichtet. Und kam mir jetzt vor, wie ein Esel.

Wortlos packte ich die Koffer, jedoch nicht ohne vorher die Hochzeit direkt beim Standesbeamten wieder annullieren zu lassen, und ergriff die Flucht. Und jetzt sitze ich hier, fast verheiratet und zweifach betrogen und hoffe, von meinem heimlichen Freund eine zweite Chance zu erhalten, was jedoch aller Wahrscheinlichkeit nicht eintreffen wird, da er sich zu sehr in seiner Ehre gekränkt fühlt. Jetzt habe ich nichts mehr, weder die Taube auf dem Dach, noch den Spatz in der Hand. Und mein Herz schreit Betrug.



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung